Weil er aggressiv wurde: Esaf-Siegermuni Kolin ist tot

Das gewichtige Maskottchen des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests 2019 in Zug, das durch seine Sanftmut aufgefallen war, musste dem Metzger übergeben werden. Der Grund: plötzliche Aggressivität.

Cornelia Bisch
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Bild: Alexandra Wey/Keystone, Unterägeri, 1. Juni 2019

«Es hat schon Tränen gegeben», gesteht Mändel Nussbaumer betrübt. Er hatte den Stier Kolin seit dessen Ernennung zum Esaf-Siegerpreis im Herbst 2016 betreut, gehegt und gepflegt. Das schöne und äusserst sanftmütige Tier war ihm nach dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (Esaf) Zug vom vergangenen August von den Sponsoren, der Jego AG und der Landis Bau AG, geschenkt worden. Danach bezog Kolin wieder sein angestammtes Domizil auf dem Hof von Nussbaumers Bruder Otto in Unterägeri. Dort hatte ihn Mändel Nussbaumer monatelang auf seine grossen Auftritte am Esaf vorbereitet.

Bild: Alexandra Wey/Keystone, Unterägeri, 1. Juni 2019

«An den öffentlichen Auftritten ging immer alles gut. Kolin benahm sich vorbildlich», erinnert er sich. Nachdem sich der Rummel gelegt hatte, habe der Stier aber damit begonnen, sich zwischendurch schlecht zu benehmen. Mit der Zeit häuften sich die «Flausen» gegenüber seinem Betreuer, wie Nussbaumer sich noch immer liebevoll ausdrückt. «Dann war Kolin aber immer wieder auch sehr brav.» Er habe die gewohnte Routine mit dem Stier weitergeführt, sei mit ihm spazieren gegangen, habe ihn gewaschen und gebürstet. Doch dann ereignete sich der entscheidende Vorfall: «Als ich vor zwei Wochen im Stall war, jagte er mir richtig Angst ein.» Kolin sei ein paar Schritte rückwärts gegangen, um dann direkt auf ihn loszugehen. «Gut, dass ich beweglich bin, denn ich musste mich mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen.» Damit war für Nussbaumer der Fall klar: Kolin musste den Hof verlassen. Zwei Tage später, am 10. Februar, brachte er den knapp viereinhalbjährigen Stier schweren Herzens zum Metzger. «Es leben Kinder auf dem Hof. Ich musste handeln, bevor etwas passierte. Das ist eine Frage des gesunden Menschenverstands», sagt Nussbaumer bedrückt.

Mändel Nussbaumer hat zum Siegermuni Kolin eine besondere Beziehung aufgebaut. (Bild: Keystone/ALEXANDRA WEY)
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Zweisamkeit auf dem Spazierigang: Stier Kolin mit Mändel in Unterägeri. (Bild: Keystone/ALEXANDRA WEY)
Haarspray für mehr Volumen: Mändel Nussbaumer frisiert den Schwanz von Kolin. (Bild: Keystone/ALEXANDRA WEY)
Morgendusche für Kolin. (Bild: Keystone/ALEXANDRA WEY)
Mändel lässt den Kolin auch immer wieder in den Spiegel blicken, um ihn an sein Spiegelbild zu gewöhnen. (Bild: Keystone/ALEXANDRA WEY)
Samstag für Samstag hegt und pflegt Mändel den künftigen Siegermuni Kolin. (Bild: Keystone/ALEXANDRA WEY)

Mändel Nussbaumer hat zum Siegermuni Kolin eine besondere Beziehung aufgebaut. (Bild: Keystone/ALEXANDRA WEY)

«Diese Massnahme ist aus meiner Sicht nachvollziehbar», erklärt der Kantonstierarzt Rainer Nussbaumer. «Wesensveränderungen kommen bei Stieren dieses Alters vor und sind sehr gefährlich.» Ob das nun mit dem Esaf zusammenhänge oder nicht, sei im Nachhinein nicht mehr feststellbar. «Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann, ist, dass das Esaf-OK und der Betreuer Mändel Nussbaumer das Möglichste für Kolin getan haben.» Die Haltung des Stiers während des Schwing- und Älplerfests sei vorbildlich gewesen und über das vorgeschriebene Mass hinausgegangen. «Es wurde extra eine Stallung im nördlichen Bereich des Areals gebaut.» Täglich habe das Tier Auslauf bekommen, sei gehegt und gepflegt worden. «Auch die Konditionierung im Vorfeld durch Mändel Nussbaumer war vorbildlich.»

Erklärungen des «Kuhflüsterers»

«Wenn ein 1500 Kilogramm schweres Tier nicht mehr kontrollierbar ist, hat man keine andere Wahl, als es zu töten», sagt Nussbaumer. Der Kantonstierarzt erinnert sich an einen Todesfall Ende der 1960er-Jahre am Zuger Stierenmarkt und an einen weiteren in seiner Zeit als praktizierender Tierarzt, als ein Landwirt von seinem Stier im Stall getötet wurde.

Dies bestätigt auch der als «Kuhflüsterer» bekannte Christian Manser von der Fachstelle Rindvieh des Landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen. Der Agronom selbst bezeichnet sich lieber als «Kuhsignaltrainer». Regelmässig führt er Schulungen und Beratungen für angehende und praktizierende Landwirte durch. «Grundsätzlich ist es auch bei gutem Umgang immer möglich, dass ein Stier aggressiv wird», stellt Manser fest.

Das heisse nicht, dass ein Stier nun in vollem Tempo auf seinen Betreuer losgehe. «Es reicht eine unwirsche Kopfbewegung oder ein leichtes Drücken, um einen Menschen ernsthaft zu verletzen.» Ein Stier müsse zurückweichen, wenn der Landwirt ihm entgegentrete. «Sobald ein Tier erkennt, wie stark es wirklich ist und den Respekt vor dem Halter verliert, wird es kritisch.» Die Umerziehung eines unberechenbaren Stiers sei unmöglich. «Die Gefahr, der man sich aussetzt, ist einfach zu gross.»

Die Ursachen für Unfälle oder aggressives Verhalten beim Rindvieh seien oft hormonell bedingt. «Bei weiblichen Tieren ist es der Mutterinstinkt, bei männlichen Konkurrenzverhalten.» Wenn etwa ein Bauer eine brünstige Kuh von der Weide in den Stall führe, erkenne ihn der Stier als Konkurrenten und wehre sich gegen ihn. Im Fall Kolins könnte die Veränderung laut Manser auch in der Stille nach dem Fest begründet sein:

«Er war nicht mehr ständig im Mittelpunkt. Möglicherweise wurde ihm ein wenig langweilig.»

Dank der aussergewöhnlich guten Vorbereitung habe sich der Esaf-Sieger-Stier immer vorbildlich benommen. «Auch nachher hatte er ja noch Auftritte am Stierenmarkt in Zug und an der Olma St. Gallen im Oktober.» Christian Manser selbst oblag die Verantwortung für die Tierausstellung der Olma. «Die Vorführungen in der Arena vor vollen Rängen verliefen völlig problemlos.»

Am Stierenmarkt in Zug Anfang September 2019 hat sich Kolin, geführt von Schwingerkönig Christian Stucki, vorbildlich verhalten.

Am Stierenmarkt in Zug Anfang September 2019 hat sich Kolin, geführt von Schwingerkönig Christian Stucki, vorbildlich verhalten.

Bild: Jan Pegoraro

«Kolins Tod hat uns erschüttert», berichtet Ivo Jeggli der Jego AG. «Wir hatten ihn regelmässig besucht, und er ist uns ans Herz gewachsen. Es ist wirklich sehr schade.» Aber natürlich habe er Verständnis für die getroffenen Massnahmen.

Der Zuchtstier hinterlässt rund 20 Nachkommen, von denen einer mit dem Namen König ebenfalls auf Otto Nussbaumers Hof lebt. König wird nun Mändel Nussbauers volle Aufmerksamkeit erhalten. «Das freut mich sehr und tröstet mich ein wenig», erklärt er.

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