Kolumne
Kleider machen (keine) Leute

Unser Autor kritisiert den unsinnigen Kleidershoppingwahn.

Andreas Faessler
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Andreas Faessler.

Andreas Faessler.

Die Modebranche ist eine der verrücktesten und kontroversesten, wie ich finde. Für die einen ist nur der teuerste Fummel gut genug, andere pfeifen auf Qualität – Hauptsache billig, einfach schick aussehen tut’s müssen. Es gibt ja mittlerweile genug Läden und Labels für sämtliche Portemonnaievolumen. Man streife etwa mal vom Zürcher Löwenplatz Richtung See: Was es da an Kleiderläden gibt, das ist schier nicht mehr zu fassen. Klamottenshoppen gehört offenbar zu den Hauptbeschäftigungen der heutigen Generationen. Bringt H&M eine neue Kollektion raus, stürzt sich alles drauf. Ein neues Sneaker-Modell von Nike? Muss her! Zara kündigt das neue Wintersortiment an – nix wie hin.

Was für so viele Lebensinhalt ist, ist mir als Anti-Trendsetter und Modemuffel ein Greuel. Wenn es darum geht, neuen Fummel zu kaufen, bin ich Meister im Prokrastinieren. Doch wenn die Shirts und Hosen allmählich beginnen, sich selbst aufzulösen, komme halt auch ich nicht mehr drum rum. Und dann wird angeschafft, was mir einfach gefällt und passt, und nicht dasjenige, was grad voll trendy ist – erst recht nicht! Ich mochte noch nie mit dem Strom schwimmen...

Das ausgeprägte, ja geradezu manische Modebewusstsein der heutigen Wohlstandsgesellschaft ist mir schleierhaft, suspekt gar. Was sind das für Werte? Was will ich vermitteln, wenn mir die Kleidung das Wichtigste an meiner Erscheinung ist? Machen Kleider wirklich Leute? Zu welchen Haltungen Mode führen kann, hat Karl Lagerfeld selig vor einigen Jahren mit seiner Aussage «Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren» eindrücklich demonstriert. Nicht, dass ich Jogginghose trage, aber wer sich selbst zeitlebens mit Äusserlichkeiten und somit Oberflächlichkeiten beschäftigt und sich in seiner Arroganz und Überheblichkeit dazu versteigt, über das Leben anderer Menschen zu urteilen, dabei wohlbemerkt selbst jahrelang denselben langweiligen Grabesfummel trägt, der müsste erst mal über sich selbst nachdenken. Da hat Lagerfeld den Vogel abgeschossen.

Mir sind Menschen sympathisch, die sich nicht über ihr «G’kömm», wie wir bei uns in Schwyz zu sagen pflegen, definieren. Kleider machen ja vielleicht schon Leute, aber was für welche?