Kanton Zug
Pandemie presst Gastrobranche aus: Akuter Personalmangel trotz hoher Arbeitslosigkeit – wie kann das sein?

Einerseits suchen Wirtinnen und Wirte verzweifelt Personal. Andererseits gäbe es genügend Stellensuchende für die offenen Gastrojobs. Gleichzeitig sinkt die Arbeitslosenzahl. Wie passt das alles zusammen? Ein Erklärungsversuch.

Linda Leuenberger
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«Wir dachten, wenn sich die Lage normalisiert, komme eine Flut von Stellensuchenden», sagt Barbara Schneider am Telefon. Die Gastro-Zug-Präsidentin ist ratlos, wohin jenes Personal, das im Laufe der Covid-19-Pandemie seine Stelle verlor, abgewandert ist. Sie könne sich nicht vorstellen, dass sich so viele ausserhalb der Gastro neuorientiert hätten. Schneider führt seit Beginn der Pandemie viele beratende Telefonate, sie kennt die Sorgen von Wirtinnen und Wirten aus Zug und der Region:

«Alle sagen dasselbe: Sie finden kein Personal.»

Flexibilität mehr denn je gefordert

So erging es auch Erol Karadag, Geschäftsleiter der Hirsi Seelounge in Cham, als er im Frühling nach Ersatz für zwei Köche gesucht hat. Solche zu finden, ist ohnehin eine Herausforderung. Da ist man sich in der Gastrobranche einig. Corona hat solche langwierigen Suchen weiter verkompliziert. Da kommt der Umstand, dass Badis nur saisonal geöffnet sind, zusätzlich ungelegen, wie Karadag sagt: «Viele suchen eine fixe Festanstellung – nicht nur etwas für wenige Monate.»

Der Personalmangel ist so akut, dass die Restaurantbetreiber einander unterstützen müssen. Karadag führt aus:

«Ich weiss von Leuten, die Ferien hätten, aber in anderen Restaurants aushelfen gehen.»

Das RAV stellte dem Hirsi-Wirt im Laufe seiner Personalsuche zwei aufs Profil passende Köche vor, einer davon arbeitet nun bis Ende Juli in der Seelounge. Heisst: Für August musste schon wieder ein neuer Koch gefunden werden. «Die Coronapandemie bereitet uns ohnehin viel mehr Arbeit, bedenkt man nur schon die wechselnden Schutzkonzepte», sagt Karadag. Da wird die Suche nach geeigneten Mitarbeitenden zu einer grossen Bürde.

«Wir haben eine frisch sanierte Küche und eine neu zusammengestellte Karte – da brauche ich unbedingt belastbare Leute.»

Belastbar müssen sie sein – und flexibel. Flexibilität ist heuer sowieso mehr denn je gefordert: Neben den Schwierigkeiten, welche die Pandemie und die Personalsuche mit sich bringen, nimmt dem Hirsi-Wirt das überwiegend schlechte Wetter alle Planungssicherheit.

Als Sinnbild für die bislang schlechte Badisaison: Die Hirsi Seelounge ist nass und menschenleer. Im Bild: Pächter Erol Karadag.

Als Sinnbild für die bislang schlechte Badisaison: Die Hirsi Seelounge ist nass und menschenleer. Im Bild: Pächter Erol Karadag.

Bild: Matthias Jurt (Cham, 13. Juli 2021)

Mehr Arbeitslose als offene Stellen

Ob und wohin das Gastropersonal abgewandert sein könnte, das Wirtinnen und Wirten derzeit so schmerzlich fehlt, darüber kann Erol Karadag nur mutmassen. Vom Hörensagen weiss er, dass sich einige in Impfzentren engagieren, andere arbeiten in Lagern.

Es drängt sich die Frage auf: Gibt es nirgends mehr Menschen, die in der Gastronomie eine Stelle suchen?

Im Gegenteil. Im Kanton Zug ist die Zahl an arbeitslosem Gastropersonal immer noch hoch. Es zeigt sich sogar, dass es mehr Stellensuchende als offene Stellen gibt. Das sagt Gianni Bomio, Präsident des Vereins für Arbeitsmarktmassnahmen (VAM), zu dem auch das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Zug gehört.

Gemäss Bomio waren Mitte Juli im Servicebereich 30 offene Stellen gemeldet, im Küchenbereich 20. Demgegenüber stehen 30 stellenlose Servicemitarbeitende sowie 75 stellenlose Küchenhilfen und Köche. Theoretisch gibt es also genügend Arbeitslose für die offenen Jobs – das Angebot könnte die Nachfrage decken.

Dunkelziffer bei den offenen Stellen

Für die Gastrobranche im Kanton Zug herrscht eine Stellenmeldepflicht. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber müssen offene Stellen in ihren Betrieben beim RAV melden. Es gibt in der Regel allerdings keine Busse, wenn sie das nicht tun. Daher muss bei der Betrachtung obiger Zahlen beachtet werden, dass es bei den gemeldeten offenen Stellen eine Dunkelziffer gibt. Gemäss Gianni Bomio dürfte diese aber unerheblich sein. Um nämlich möglichst repräsentative Zahlen ausweisen zu können, kontaktiert das RAV Wirtinnen und Wirte, wenn es auf eine Stelle aufmerksam wird, die diese nicht gemeldet haben.

Es gibt nicht den einen Grund

Seit Mai hat die Arbeitslosenzahl wöchentlich abgenommen, sagt Gianni Bomio. Sie ist tiefer als letztes Jahr, aber immer noch höher als vor der Pandemie.

Auf der einen Seite beklagen Vertreterinnen und Vertreter der Gastrobranche also einen Personalmangel, andererseits ist die Zahl an Stellensuchenden immer noch hoch – und nimmt kontinuierlich ab. Wie passt das alles zusammen? Gianni Bomio versucht sich an einer Erklärung: Diejenigen, die im Gastronomiebereich derzeit einen Job suchen, seien häufig an Teilpensen gebunden oder besässen beispielsweise kein Auto. Sie seien nicht flexibel genug. Ebenso seien von den 75 Arbeitslosen im Küchenbereich nur etwa ein Drittel Köche – und die Suche nach ebendiesen somit nach wie vor schwierig. Und nicht zuletzt werde derzeit unüblicherweise in der ganzen Schweiz nach Personal gesucht, die Suche einfach in einen anderen Kanton zu verlagern, sei also keine Option.

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