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50 Zentralschweizer erzählen aus dem Corona-Alltag

Das Coronavirus betrifft die Zentralschweizer Bevölkerung. In unserer Serie liessen wir sie ihren Alltag beleuchten. Entstanden sind 50 Porträts.

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Yvonne Eggermann (52), Leiterin der Kinderreit- und Ponyschule Rössli Hü Immensee.
50 Bilder
Jürg Rother (63), Pfarrer der reformierten Kirche Bezirk Ägeri, hier beim Bau eines Kunstwerks mit dem Davoser Künstler Andreas Hofer. Rother sagt: Ich spüre bei den Leuten viele Ängste, auch weil viele existenziell bedroht sind.»
Fredi Halter (50), ist Belader bei Real. Er spürt, wie durch die Pandemie der Respekt unter Mitmenschen gestiegen ist. Die Leute sind freundlicher geworden.
Rainer Affolter (32) wohnt in Luzern und arbeitet beim Velokurier Luzern Zug AG seit 2012. Nebst dem Transportieren von Gütern mit dem Velo ist er auch in der Disposition tätig und zuständig für das Marketing und die Kommunikation.
Sarah Bischof (33), engagierte Luzernerin in Marokko: «Den Weg, der die Schweiz eingeschlagen hat, wäre in Marokko nicht möglich. Die meisten Marokkaner sind Tagelöhner und haben kein geregeltes Arbeitsverhältnis. Sie sind Handwerker und jetzt, da der Lockdown verlängert wurde, dürfte sich ihre Situation weiter verschlimmern.»
Arberije Kurath (36) aus Luzern ist Geschäftsführerin und eine der Inhaberinnen des «L’Arbre». Der kreative Ort der Begegnung an der Luzerner Winkelriedstrasse, der Bar, Bistro und Boutique zugleich ist, öffnete erst im Herbst 2019 seine Tore.
Aurel Glatt ist 28 Jahre alt und hat sich mit der Luzerner Firma EINFACH.SIEBDRUCK selbstständig gemacht. Während der Corona-Krise hat er mit einem Kollegen die Aktion Soli-Shirt Luzern initiiert. Dabei werden T-Shirts verkauft, um Geld für in Not geratene Kleinbetriebe zu sammeln.
Alain Glanzmann (39), Fahrlehrer aus Rothenburg: «Um meine Gesundheit mache ich mir bei den zukünftigen Fahrstunden keine Sorgen. Ich nehme an, dass der Bund uns Schutzmassnahmen auferlegen wird. Ich bin der Meinung, dass wir mit gesundem Menschenverstand das Beste daraus machen werden.»
Michèle Kritzer (26), Lehrerin in Beromünster: «Seit die Schule geschlossen wurde, habe ich viele Fotos und Videos von Ideen und Projekten, die Eltern zusammen mit ihren Kindern zuhause umgesetzt haben, erhalten. Ich finde es toll, wie die Mädchen und Jungs die Zeit mit der Familie geniessen und auch die Eltern grosses Engagement und Flexibilität zeigen.»
Der Luzerner Rentner Jacques Holtz (85): «Angst vor dem Virus habe ich keine, aber grossen Respekt. Angesichts der Lage macht man sich schon Sorgen darüber, was da alles noch kommen mag. Und wenn ich daran denke, was da nur schon wirtschaftlich auf uns zukommt, bin ich irgendwie froh, dass ich schon so alt bin. Ich hatte das Glück gehabt, in eine Zeit der Hochkonjunktur geboren worden zu sein.»
Claudia Bachmann (47), Inhaberin eines Näh- und Stoffladen in Emmenbrücke: «Gerade beim Kauf von Stoffen ist es wichtig, sie in den Händen halten zu können. Selbst meine digitale Tour ist nur ein schwacher Ersatz dafür. Immerhin hilft sie dabei, Stoffe zu kombinieren und zu vergleichen und das ganze Sortiment zu sehen.»
Die Kernserin Flavia Röthlin ist Lehrling in der Luzerner Buchhandlung Hirschmatt. Doch trotz geschlossenem Geschäft hat die 19-jährige Buchhändlerin viel zu tun: «Es kommen stapelweise Online-Bestellungen rein und wir kommen fast nicht nach.»
Fritz Brun jodelt seit über 15 Jahren und ist seit neun Jahren Präsident des Horwer Jodlerklubs Heimelig. Ausserdem ist der begeisterte Fasnächtler seit 42 Jahren Mitglied der Guuggenmusig Hügü Schränzer Lozärn, wo er Tuba spielt.
Cornelia Friedli (26), Drogistin in Emmenbrücke, hat wegen der Coronakrise viel zu tun. Sie muss ängstliche Kunden beruhigen. Der Betrieb in der Drogerie ist sehr hektisch – wir hatten etliche Hamsterkäufe. Unsere Aufrufe dazu, das Immunsystem zu stärken statt Massen von Desinfektionsmitteln und Masken zu kaufen, blieben von den Meisten ungehört.
Timothy Bamford (19) aus Rothenburg ist Durchdiener. Er arbeitet als Büroordonnanz in Kloten, wo er bis im November noch im Dienst sein wird. Der Lockdown geht ihm langsam auf die Nerven, die kleinen Konflikte zwischen den Soldaten häufen sich.
Emanuel Zimmermann (53), Inhaber einer Biogärtnerei in Horw: «Ein Teil der Gemüsesetzlinge davon wird noch ausgepflanzt, der Rest muss leider kompostiert werden. Die Tulpen verblühen, da lässt sich leider nichts machen. Da erleide ich momentan einen fast 100-prozentigen Ertragsausfall.»
Lars Kienle (21, links) und Joël Wyss (20), Co-Geschäftsführer einer Marketingagentur: «Speziell ist an der derzeitigen Situation, dass wir die Coronakrise auch beruflich begleiten dürfen. Wir beraten und begleiten den kantonalen Führungsstab des Kantons Nidwalden im öffentlichen Auftritt. Da ist alles etwas anders als sonst.»
Andreas Fankhauser ist 36 Jahre alt und führt über 13 Jahre die Fankhauser Verpackungs-Service AG. Kernbereich ist die Verpackung von Briefmailings und Paketversände. Fankhauser ist zudem Präsident der Musikgesellschaft Oberrüti.
Samuel Künzli (49) Strassentransportfachmann aus Dagmersellen: «Ich finde es schön, dass wir zurzeit mehr geschätzt werden. Unser Beruf, unsere Arbeit geht sonst oft vergessen. Erst wenn etwas passiert wie die Krise jetzt, denken die Menschen wieder nach.»
Andreas Kälin (29) Gemeinderat aus Ennetbürgen: «Als junger Mensch möchte ich meinen Beitrag leisten und unsere Zukunft mitgestalten. Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns in der Schweiz so gut geht und ich hoffe, dass die Leute diesen Umstand nun umso mehr schätzen lernen.»
Annina Gutmann (30) ist Lebensberaterin und Helferin beim Netzwerk Vicino Luzern. «Immer wieder komme ich auch in Gespräche mit älteren Menschen, vom Balkon aus, an der Tür mit Abstand oder am Telefon. Ich spüre dabei eine sehr grosse Wertschätzung und merke, dass ihr Bedürfnis nach einer Gesprächspartnerin meistens fast ebenso gross ist wie dasjenige nach einer Einkaufsbotin.»
Marina Hauser (25) arbeitet neben ihrem Studium für meinRad und verkauft auf den Strassen von Luzern frische Säfte, Suppen, Smoothies und mehr. «An den Mittagen während den Verkäufen der Menüs begegne ich verschiedenen Menschen. Es ist spannend, durch Gespräche zu erfahren, wie jede und jeder auf seine Art mit der neuen Situation umgeht. Einige reagieren mit Wut und fühlen sich machtlos. Andere sind optimistisch eingestellt und geniessen die neu gewonnene Zeit.»
Irène Meuris (36), Standortleiterin Caritas Wohnen und Caritas Markt Luzern: «Das Schöne (und eigentlich Paradoxe) an der ganzen Situation ist aber: In Zeiten von Social Distancing und Homeoffice bin ich unseren Kundinnen und Kunden näher denn je. Da wurde ich nun schon in so manches spontane Gespräch verwickelt und habe viel über die Schicksale armutsbetroffener Menschen erfahren.»
Severin Hofer bewegt mit seinen «Zauberzeitung»-Videos Kinder zum basteln: «Die Geschichten sollen Kinder anregen, selber zu basteln, selber Geschichten zu erfinden. Die Zauberzeitung bietet die Möglichkeit, für einen kurzen Moment in eine ganz andere Welt einzutauchen.»
Samuele Fenu (rechts) mit seiner Frau bei der Aufzeichnung eines Video-Trainings für deren Kunden.
Werner Ottiger (57) aus Rothenburg sitzt mit seinem Segelboot in der Karibik fest: «Zurzeit kann ich der Situation viel Positives abgewinnen. Ich kann Reparaturarbeiten an meinem Segelboot erledigen, die ich bisher aufgeschoben habe und es ist spannend auf diese Weise Kontakte zu anderen Seglern aufzubauen.»
Jacqueline Heutschi (40), Choreografin und Tanzlehrerin aus Luzern: «Mehr zur Verfügung stehende Zeit kann für jeden auch eine Chance sein. Zeit bedeutet Musse, um etwas entstehen zu lassen, Ideen zu verfolgen, neue Konzepte zu entwickeln, kreative Lösungen zu finden. Dies kann man schon jetzt in vielen Lebensbereichen beobachten, was mich sehr inspiriert. Oft entsteht Schönes und Berührendes in Extremsituationen – und dies ist definitiv eine.»
Lino Martschini (27), Eishockeyspieler beim EV Zug. Er weilt mit seiner Familie in Kanada und sagt: «Das Positive an der aktuellen Situation: Wir können viel Zeit als Familie verbringen. Ich spiele oft mit meinem Töchterchen, das in diesen Tagen fünf Monate alt wird.»
Irene Uhlmann (links) holt nicht mehr verkaufbare Brötchen bei der Bäckerei ab und verteilt sie später an Obdachlose. «Wie lange wir das machen werden, weiss ich noch nicht. Toll wäre es, dies auch nach der Coronakrise weiterführen zu können. Die soziale Komponente ist mir sehr wichtig. Wenn irgendwo Hilfe gefragt ist, helfe ich gern. Lieber verteile ich Gebäcke an Obdachlose, als dass sie weggeworfen werden.»
Barbara Baumgartner (38) und André Wechsler (39), Weltenbummler aus Hergiswil, stecken derzeit in Bolivien fest. «Die Entwicklung in diesem unsicheren Land macht uns zu schaffen. Gerade, weil wir hier die Ausländer sind. In den Augen der Einheimischen sind wir als Europäer für die Verbreitung des Coronavirus mitverantwortlich. Wir befürchten deshalb Neid oder Benachteiligungen, sobald erste Lagervorräte im Land zu Neige gehen.»
Dunja Bulinsky (54), Historikerin aus Luzern: «Ausserdem bin ich auf Aufträge angewiesen. Meine letzte Arbeit, meine Dissertation über den Schweizer Naturforscher und Arzt Johann Jakob Scheuchzer, habe ich diese Woche in den Druck gegeben. Dass die Museen aktuell geschlossen sind und auch andere Auftraggeber angesichts der aktuellen Lage Zurückhaltung zeigen, macht es für mich nicht einfach an neue Arbeit zu kommen.»
Antje Doether (44), Juristin und Pilates-Instruktorin aus Luzern: «Die Nachbarskinder sorgen sich rührend um mich, auch wenn ich eine Person bin, die nicht zeigt, dass man sich um sie kümmern muss. Die Kinder haben zum Beispiel eine Gondel gebaut, von ihrem zu meinem Fenster, und schicken mir Schoggi oder andere kleine Köstlichkeiten.»
Janis Kathriner (23), Koch im Jugendkulturhaus Treibhaus: «Was ich am meisten am gewöhnlichen Arbeitsalltag vermisse? Natürlich die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen, interessante Gespräche nach Feierabend und natürlich das Kochen. Auch privat hat sich einiges geändert. Viele Menschen, die mir wichtig sind, kann ich momentan nicht mehr sehen.»
Tsiy Ndenge (22), Mittelfeldspieler beim FC Luzern: «Meine Tage sehen momentan immer etwa gleich aus. Aufstehen, Frühstück, Trainingseinheiten, und dann die freie Zeit nutzen. Ich lese viel, schaue Dokumentationen oder Serien und natürlich telefoniere auch ich mehr als sonst.»
Catharina Engel (24), Kindergartenlehrerin in Ebikon: «Da der Kindergarten bis mindestens nach den Osterferien geschlossen bleibt, sind die Eltern oder andere Erziehungsberechtigte der Kindergärtler jetzt besonders gefordert. Um sie in dieser intensiven Zeit zu unterstützen stellen wir – ein Team aus verschiedenen Kindergartenlehrpersonen – ihnen selbstgedrehte Videos zur Verfügung.»
Silvia Olbrich (55), Pfarrerin in der Kirche Weinbergli Luzern: «Zwar fällt der persönliche Kontakt von Angesicht zu Angesicht nun weg, trotzdem kann ich dieser wichtigen Aufgabe, stets ein offenes Ohr zu bieten, immer noch nachkommen. Ich führe täglich viele Telefonate, die von 5 bis 50 Minuten dauern. Vor allem bei alleinstehenden, älteren Menschen erkundige ich mich, wie es geht, ob sie Hilfe brauchen oder bin einfach eine Gesprächspartnerin.»
Rahel Sager (29), Fussballerin und Ärztin aus Luzern: «Unser ganzes soziales Leben wurde auf den Kopf gestellt. Ich sehe das aber auch als Chance für viele Menschen, mal aus dem Arbeitsalltag rauszukommen, sich Gedanken zu anderen Sachen und zum eigenen Leben zu machen.»
Werner Scheuber (69), Raumgestalter im Familienunternehmen in Ennetbürgen: «Ich erinnere mich an das Jahr 2005. Auch dort befanden wir uns aufgrund eines Hochwassers in einem Ausnahmezustand. Damals ging es vorwiegend um Sachschäden. Eine Situation, wie wir sie heute erleben, habe ich in meiner ganzen Geschäftszeit nicht erlebt.»
Natalia Perego (36), Mitarbeiterin der Pilatus-Bahnen aus Luzern: «Als am Freitag vor einer Woche die Nachricht kam, dass alle Bergbahnen schliessen müssen, wussten wir zuerst nicht so recht, was passiert. Am Samstag liessen wir den Betrieb ganz normal weiterlaufen. Es war nicht klar, ab wann die Regelung gelten soll. Später erfuhren wir, dass wir das nicht hätten machen dürfen. Am Sonntag waren die Bahnen für Besucherinnen und Besucher geschlossen, liefen aber noch, weil wir Hotelgäste und Lebensmittel ins Tal bringen mussten.»
Raphael Prinz (42), TV-Korrespondent aus Kriens: «Das Informationsbedürfnis der Leute ist derzeit enorm gross und die Menschen sind viel zu Hause. Das führt dazu, dass beispielsweise die Tagesschau Einschaltquoten hat wie seit 20 Jahren nicht mehr. Beinahe täglich gibt es Sondersendungen und wir spüren ein grosses Interesse an unserer Arbeit. So gehörten die letzten Wochen für mich wohl zu den strengsten, seit ich als Korrespondent tätig bin. »
Charlotte Germann (31), Geschäftsführerin einer Kommunikationsagentur in Uri: «Die Arbeit daheim ist nicht immer einfach – gerade bei einem kreativen Beruf. Denn die eigenen vier Wände sind nicht sehr inspirierend. Normalerweise verlasse ich gerne mein Pult, um in die Natur oder auf kulturelle Veranstaltungen zu gehen und voller Ideen zurückzukehren.»
Denise Suter (54), Geschäftsführerin von Blumen Suter in Emmenbrücke: «Während der letzten Woche hatten wir einige Lieferschwierigkeiten mit Blumen aus Italien und Holland. Nun verkaufen wir vor allem, was hier in der Schweiz wächst. Das Positive daran ist, dass die Leute somit wieder auf die schweizerischen und saisonalen Produkte aufmerksam gemacht werden.»
Pensionär Eduard Lang: «Da ich jetzt ohne Zweifel zur «Risikogruppe» gehöre, ist es manchmal recht schwierig, Hilfe einfach so anzunehmen. Bis anhin waren wir eher bei den «Gebenden», bzw. bei den «Freiwilligen», die sich für die Allgemeinheit eingesetzt haben.»
Ramona Zimmermann (Mitte), Inhaberin von zwei Coiffeur Salons: «Ich versuche in solchen Zeiten positiv zu bleiben. Wir kreieren als Team beispielsweise Inhalte für unsere Follower auf unserer Webseite und in den Sozialen Medien».
Daniel Schriber (36), Texter und frischgebackener Vater aus Luzern: «Trotz finanzieller Verluste überwiegt die Freude über die geschenkte Zeit. Vielleicht auch, weil man in Zeiten wie diesen seine Prioritäten bewusst hinterfragt?»
Sales Wick (33), Linienpilot aus Sarnen: «Und so freue ich mich schon jetzt, wenn ich hoffentlich bald wieder abheben darf und ich bin sicher, dass ich diese Momente umso mehr schätzen werde.»
Christian Fürsinger, Inhaber des Ladens 3Sixty in Stans: «Auch wenn die Lage ernst ist: Ich fühle mich privilegiert, in einem Land zu leben, das in diesen Krisenzeiten Hand bietet. »
Remo Krummenacher (38), Rektor der Schule Sachseln und stv. Stabchef des Führungsstabs der Gemeinde Sarnen: «Wir möchten eine Anlaufstelle einrichten für Leute, die sich nicht selber versorgen können oder wollen.»
Lea Mathis (29), Musikerin und Musiklehrerin aus Luzern: «Ich bin aber froh, hat der Bund nun für die Kunstschaffenden einen Betrag gesprochen – das ist richtig und wichtig.»
Nicolas Bieri (23), Student und Praktikant Sozialpädagogik in Luzern: «Wir spüren diese neue Verantwortung – wie alle anderen auch. Doch Solidarität zu zeigen, erachte ich derzeit als sehr wichtig.»

Yvonne Eggermann (52), Leiterin der Kinderreit- und Ponyschule Rössli Hü Immensee.

Bild: PD

Woche 5: Eine Barinhaberin, ein Velokurier, ein Real-Mitarbeiter und ein Pfarrer


Yvonne Eggermann (52), Leiterin der Kinderreit- und Ponyschule Rössli Hü Immensee

«Mitte März wollte ich eigentlich mit neuen Kursen starten und habe alles entsprechend ausgeschrieben, beworben und vorbereitet. Als die Schulen geschlossen wurden, habe ich mir gedacht, ich könne den Start der Reitkurse nach hinten schieben und stattdessen nachmittagliche Kinderbetreuung mit meinen Ponys anbieten. Es haben sich auch schon Interessierte angemeldet. Ziemlich bald wurden dann aber alle Sport- und Freizeitaktivitäten untersagt, was natürlich auch den Reitsport betraf. Und damit meine Kinderreitkurse.

Yvonne Eggermann.

Yvonne Eggermann.

Bild: PD

Ich war mir zunächst unschlüssig, ob ich die Kinderbetreuung nicht doch anbieten dürfe. Bei meinen Kinderreitkursen handelt es sich um pädagogische Reiteinstiegsmöglichkeiten. Sie haben nicht viel mit dem herkömmlichen Reitsport zu tun. Ich habe mich dann beim Bezirk Küssnacht erkundigt, ob Pony-gestützte Kinderbetreuung zulässig wäre. Doch da wusste man nichts. Und vom Kanton Schwyz habe ich bis heute keine Antwort erhalten.

Ich habe das mit der Kinderbetreuung dann schweren Herzens sein lassen, weil ich keine Busse riskieren wollte. Es wäre aber gute Werbung gewesen und ich hätte finanziell das gröbste abfedern können. In den Finanzen sieht es nämlich schrecklich aus: Ich mache keinen Franken Umsatz bei gleichbleibenden Ausgaben. Kurzarbeit kann ich auch keine anmelden: Meine Mitarbeiter sind meine Ponys und für Tiere gibt es vom Bund keine Taggelder. Und doch muss ich sie natürlich weiterhin artgerecht halten. Ich kann ihnen ja nicht nur 60 Prozent ihrer bisherigen Futtermenge verabreichen oder ihren Wasserkonsum rationieren. Zum finanziellen Dilemma hinzu kommt die Zeit, die ich zusätzlich aufwende, um die Tiere nun selber zu bewegen oder für meine Reitkinder Theorieblätter zu erstellen, die sie Zuhause lösen können.

So wie mir geht es vielen anderen Reitbetrieben auch. So zum Beispiel jenen, die Therapiereitstunden anbieten. Das hat nichts mit Sport und Freizeit zu tun, sondern mit Therapie für Menschen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen. Und doch dürfen sie, weil sie genau wie ich in die Pferdesport-Branche fallen, nicht wieder öffnen. Wir sind nun dabei, uns gesamtschweizerisch auf Facebook zusammenzutun. Der Berufsverband hat einen Vorstoss lanciert, dass für jedes Schulpony ein Beitrag gesprochen wird. Doch auch beim zweiten Mal blieb dieser unbeantwortet.

Ich wünsche mir, dass spätestens wenn die Schulen wieder öffnen, die Kinder auch wieder zu mir in die Reitschule kommen dürfen. Für mich ist klar, dass der Reitsport mit all den Wettkämpfen und Grossanlässen noch warten muss. Aber es ist wichtig, dass alle Reitschulen und Therapiehöfe wieder öffnen können. Es wären dann zwar kleine Änderungen nötig, um die Vorgaben des Bundes einhalten zu können. Aber nichts, was nicht machbar wäre.»

Aufgezeichnet von Linda Leuenberger


Jürg Rother (63), Pfarrer der reformierten Kirche Bezirk Ägeri

«Das Coronavirus hat meine Arbeit als Pfarrer grundlegend verändert. Ein zentraler Teil meiner Arbeit ist die Begegnung mit Menschen, gemeinsames Feiern und sich auf ein Thema einlassen. Wegen des Virus musste ich innert kurzer Zeit alles umstellen und auf digitale Kommunikationsinstrumente setzen. Angefangen haben wir mit einem digitalen Wort zum Tag

Es ist eine völlig neue Herangehensweise, wie ich kommuniziere. Es ist nicht mehr die «liebe Gemeinde», sondern «die liebe Zuschauerin, der liebe Zuschauer». Positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung haben mich bestärkt, dass ich mit meinem digitalen Denken auf dem richtigen Weg bin. Wir als reformierte Kirche haben aber auch angefangen, Gottesdienste ins Internet zu übertragen.

Beteiligt sind fünf Personen. Wir teilen uns auf: Jemand ist zuständig für die Musik, jemand für den Gesang, jemand für die Lesung, jemand nimmt den Gottesdienst als Video auf und ich als Pfarrer führe durch den Gottesdienst.

Eine andere Umstellung ist das Zeitmanagement im Homeoffice. Ich muss viel mehr mit Eigenantrieb arbeiten und darüber nachdenken, wer braucht was von mir. Ich rufe proaktiv in der Bevölkerung an und frage, wie es den Leuten geht. Diese freuen sich sehr über meinen Anruf. Neulich sagte mir ein Hotelier, dass er froh sei, dass ich angerufen hätte, er schätze das sehr, dass sich jemand um ihn in dieser schwierigen Zeit kümmert.

Wegen Corona haben wir ein Projekt vorgezogen. Seit kurzem ziert ein acht Meter hoher Engel des Davoser Künstlers Andreas Hofer (im Bild rechts) den Wildspitz, hier bei den Arbeiten im Ägeriwald:

Bild: PD

Der Engel lässt die Leute innehalten und durch den Anblick der Skulptur etwas von der Mystik des Engels spüren. So konnte ich in Coronazeiten dem Künstler und dessen Familie über die Runden helfen.

Jetzt geht es um den Wiedereinstieg ins Leben ohne Corona. Da spüre ich bei den Leuten viele Ängste, auch weil viele existenziell bedroht sind. Vieles, was ich heute mache, werde ich beibehalten. Dazu dürfte auch das digitale Wort zum Tag gehören. Ich freue mich aber, wenn ich wieder einen Gottesdienst in Gemeinschaftsform feiern darf. Dann werde ich auch die Haare schneiden lassen. Es hat nämlich auch schon die eine oder andere Rückmeldung zu meiner Haarpracht gegeben, die ich mit Schmunzeln zur Kenntnis genommen habe.»

Aufgezeichnet von René Meier

Zur Person: Jürg Rother ist seit 1988 im Ägerital als Pfarrer tätig. Rother liebt das Mountainbiken und erfreut sich am Klang seines Alphorns.


Fredi Halter (50), Belader bei Real

Man merkt, dass die Leute etwas unsicherer sind, was die Abfalltrennung angeht. «Was dürfen wir, was dürfen wir nicht?», werden wir oft gefragt. Die Antwort ist einfach: Alles in einen Sack, sofern man an Covid-19 erkrankt ist. Für die gesunde Verbandsbevölkerung gilt die Abfalltrennung wie gehabt. Ich selber habe zwar keine Angst vor dem Coronavirus, aber doch einen gesunden Respekt. Man sollte das Ganze nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Infektionsgefahr durch die Abfälle aus den Haushalten ist real. Gerade kranke Leute oder solche, die sich in Quarantäne befinden, sind gebeten, ihre Abfälle nicht zu trennen und alles mit dem normalen Kehricht zu entsorgen. Auch wir Belader haben einige Vorgaben einzuhalten: So arbeiten wir stets mit speziellen Handschuhen und halten den Zwei-Meter-Abstand ein. Zudem wurden uns Feinstaubmasken zur Verfügung gestellt.

Fredi Halter vor einem Güsellastwagen.

Fredi Halter vor einem Güsellastwagen.

Bild: PD

In der Abfallsammlung arbeiten wir nun in zwei Schichten, um die Vorgaben des Bundes einzuhalten. Das heisst eine Schicht beginnt wie gewohnt um 7 Uhr, die andere beginnt etwas später um 7.45 Uhr. So wollen wir verhindern, dass sich am Morgen zu viele Leute auf dem Real-Fahrzeug-Parkplatz in Ibach einfinden. Zusätzlich arbeiten wir nun in fixen Dreier-Teams, das ist ansonsten auch anders. Ich finde das schön, denn so lernt man seine Kameraden einmal genauer kennen. Grundsätzlich kann ich kaum etwas Negatives nennen, wie die Coronakrise meinen Arbeitsalltag beeinflusst. Vieles ist wie immer. Was einfach wichtig ist: Wenn die Vorgaben von Bund und Kanton noch stärker angezogen werden, wird es für uns sehr schwierig, unsere Arbeit fortzusetzen.

Ansonsten spüre ich, wie durch die Pandemie der Respekt unter Mitmenschen gestiegen ist. Die Leute sind freundlicher zu uns. Wir erfahren mehr Wertschätzung. Einmal, als wir in ein Quartier einfuhren, sind Leute auf einem Balkon gestanden und haben uns Danke gesagt. Das war ein schöner Moment! Und auch ich möchte mich im Namen des gesamten REAL-Teams sowohl bei allen Blaulichtorganisationen, als auch bei jenen, die in den Spitälern oder im Verkauf arbeiten und allen andern, die momentan im Einsatz sind, ein recht herzliches Dankeschön aussprechen.»

Aufgezeichnet von Linda Leuenberger


Rainer Affolter (32), Velokurier in Luzern und Zug

Auch unsere Arbeit hat sich innert kürzester Zeit verändert. Man könnte meinen, unsere Branche bräuchte es jetzt mehr, aber tatsächlich ging auch unser Umsatz zurück. Dafür konnten wir in dieser speziellen Zeit neue Aufträge und Kunden gewinnen und es haben sich ganz neue Möglichkeiten ergeben, die hoffentlich auch nach der Krise noch bestehen bleiben. Beispielsweise liefern wir jetzt viel mehr Blumen aus oder dürfen für die Bibliothek den Heimlieferservice von Medien übernehmen. Auch liefern wir zurzeit vermehrt Tests, welche vom Arzt oder Spital in ein Labor müssen.

Dadurch dass wir mit unserer breiten Fahrzeugflotte sehr flexibel sind, ist für uns fast jeder Transport möglich. Mit unseren Lastenvelos können wir auch grosse Lieferungen bis zu 100 Kilogramm durchführen. Für weitere Distanzen in der Zentralschweiz nutzen wir eines unserer beiden Erdgasautos. Unsere Transportgüter sind ganz unterschiedlicher Art. Mal hole ich den Laptop eines Chefs bei der Sekretärin im Büro ab. Mal hole ich für Kunden Essen aus dem Restaurant. Es sind aber auch Medikamente, Dokumente, Ersatzteile und die normale Briefpost, die wir transportieren dürfen. Vor allem unsere älteren Stammkunden nutzen unseren Dienst nun vermehrt und schätzen diesen sehr.

Rainer Affolter.

Rainer Affolter.

Bild: PD

Generell haben die Velokuriere und Velokurierinnen ein hohes Umweltbewusstsein. Ich wünsche mir, dass Luzern und auch Zug immer mehr in Richtung autofrei gehen. Dass gerade die Feinverteilung von Paketen und Gütern in den Ballungszentren vermehrt ohne grosse Emissionen machbar ist, zeigen erste Projekte in anderen Städten. Die gängige Meinung, dass wir Velo-Rowdies sind, kann ich nicht bestätigen. Wir haben sehr wenige Unfälle, was darauf zurückzuführen ist, dass wir jeweils Rücksicht auf alle Verkehrsteilnehmenden nehmen, bei gefährlichen und unübersichtlichen Stellen kein Risiko eingehen und immer konzentriert unterwegs sind. Eine Schicht bei uns dauert zwischen fünf und sechs Stunden und es sind bis zu 80 Kilometer, die jeder und jede zurücklegt.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist in unserem Team sehr gross. Vor der Krise wurde der Arbeitstag gerne noch in unserer schönen Zentrale mit einem Tischtennismatch oder beim Töggelen ausgeklungen. Die verschiedenen Events, die in der weltweiten Velokurier-Szene veranstaltet werden, sind natürlich auch alle verschoben. Auf Meisterschaften, Velorennen oder Jubiläumsanlässe freuen wir uns wieder nach dieser Krise.

Ich hoffe, dass die Gesellschaft auch Positives aus dieser schwierigen Zeit mitnehmen kann. Ich persönlich wünsche mir, dass das Bewusstsein der Menschen bezüglich Umwelt, Mobilität und Konsum sensibler wird. Für den Velokurier wünsche ich mir, dass wir weiterhin unseren Beitrag dazu leisten können, die Krise gut zu überstehen und langfristig dazu beitragen können, die Menschen und Unternehmen verstärkt bei ihren logistischen Bedürfnissen zu unterstützen, so dass auch sie einen Beitrag zu einer besseren Umwelt leisten können.

Aufgezeichnet von Zéline Odermatt

Zur Person: Rainer Affolter (32) wohnt in Luzern und arbeitet beim Velokurier Luzern Zug AG seit 2012. Nebst dem Transportieren von Gütern mit dem Velo ist er auch in der Disposition tätig und zuständig für das Marketing und die Kommunikation.


Sarah Bischof (33), engagierte Luzernerin in Marokko

Zusammen mit meinem Mann Youssef betreibe ich ein Guesthouse und eine Charity in Marokko. Wir leben im Berberdorf Tamraght – rund zwanzig Minuten entfernt von Agadir, einer Hafenstadt an der südlichen Atlantikküste. Corona-bedingt sind unsere bald zweijährige Tochter und ich zurzeit in Hochdorf bei meinen Eltern blockiert. In ständigem Austausch mit Youssef, der in Tamraght ist, habe ich zwei Perspektiven auf die Corona-Pandemie: Eine schweizerische und eine marokkanische.

Ich merke vor allem, dass wir in der Schweiz grosse Privilegien geniessen. Gerade mit Blick auf das Leben in Marokko ist es nicht selbstverständlich, dass der Staat seine Bevölkerung in Krisenzeiten so grosszügig unterstützt. Kurzarbeit existiert beispielsweise im Maghreb-Staat nicht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Regierung die Bevölkerung im Stich lässt. So hat Marokko viel früher als die Schweiz Massnahmen gegen Corona verabschiedet – was auch nötig war, so gibt es landesweit beispielsweise nur etwa 300 Beatmungsgeräte. Den Weg, der die Schweiz eingeschlagen hat, wäre in Marokko nicht möglich.

Sarah Bischof.

Sarah Bischof.

Bild: PD

Die meisten Marokkaner sind Tagelöhner und haben kein geregeltes Arbeitsverhältnis. Sie sind Handwerker und jetzt, da der Lockdown verlängert wurde, dürfte sich ihre Situation weiter verschlimmern. Man kann bei der Regierung zwar Hilfe beanspruchen, doch mit den Formalitäten sind Einheimische wegen fehlender Schulbildung oder geografische Abgelegenheit häufig überfordert. Auch kann sich damit eine Familie nicht ernähren – zumal Ende Woche die Fastenzeit, der Ramadan beginnt. Nun fehlt vielen Einheimischen das Geld, sich Nahrung für die wichtigen Traditionen wie das tägliche Fastenbrechen zu beschaffen.

Auch wir mit unserem Maison Darna Guesthouse stehen vor Herausforderungen. Gerade jetzt während der Ostersaison wären wir eigentlich ausgebucht gewesen. Nun ist das Guesthouse leer. Diese Situation dürfte auch über den Sommer hinaus hinhalten. Für uns ist jedoch klar, dass wir in dieser schwierigen Lage unseren Mitmenschen helfen wollen. Normalerweise unterstützen wir mit unserer Charity «Support-Flow to Morocco» Menschen in Not mit Kleidern und Schulsachen – jetzt auch mit Essen. Um diese Aktivitäten zu finanzieren, haben wir zudem ein Crowdfunding gestartet, sowie einen Online-Shop aufgezogen.

Für uns als Familie ist es schwierig, eine Fernbeziehung zu führen. Gerade für Luna ist es nicht einfach, dass ihr Vater nicht bei uns ist. Dennoch bin ich überzeugt, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Daher wünsche ich mir von Konsumgesellschaften wie der Schweiz, während der Coronapandemie innezuhalten und den eingeschlagenen Weg der letzten Jahre zu reflektieren. Es ist sehr wichtig, dass der Mensch sich jetzt fragt: Was mache ich in meinem Leben – für mich, für meine Mitmenschen und die Umwelt?

Aufgezeichnet von Pascal Studer

Zur Person: Die 33-jährige Sarah Bischof lebt in Marokko und der Schweiz. Eigentlich sollte sie zu dieser Jahreszeit gemeinsam mit ihrer Tochter Luna und ihrem Mann Youssef in Marokko sein. Nun intensiviert die Familie ihre ehrenamtliche Arbeit im Rahmen von «Support-Flow to Morocco», einem Crowdfunding sowie einem Onlineshop.


Arberije Kurath (36), Geschäftsführerin und Mitinhaberin «L’Arbre» in Luzern

Ich bin Geschäftsführerin des «L’Arbre» an der Winkelriedstrasse in der Luzerner Neustadt. Wir sind Bar, Bistro und Boutique zugleich – unsere Vision ist es, einen kreativen Ort der Begegnung zu schaffen: Wir wollen unserer Kundschaft den Kaffee am Nachmittag, den Cocktail am Abend oder die Lifestyle-Beratung zwischendurch bieten.

Arberije Kurath (36) aus Luzern ist Geschäftsführerin und eine der Inhaberinnen des «L’Arbre». Der kreative Ort der Begegnung an der Luzerner Winkelriedstrasse, der Bar, Bistro und Boutique zugleich ist, öffnete erst im Herbst 2019 seine Tore.

Arberije Kurath (36) aus Luzern ist Geschäftsführerin und eine der Inhaberinnen des «L’Arbre». Der kreative Ort der Begegnung an der Luzerner Winkelriedstrasse, der Bar, Bistro und Boutique zugleich ist, öffnete erst im Herbst 2019 seine Tore.

Bild: PD

Der aktuellen Situation blicken wir mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits erhalten wir grosse Unterstützung von unserer Kundschaft. Wir haben beispielsweise Gutscheine für das «L’Arbre» gemacht, diese verkaufen sich gut. Andererseits reicht das halt einfach nicht. Es gibt uns erst seit einigen Monaten, im Herbst 2019 war die Eröffnung. Als Corona kam und wir schliessen mussten, war das Geschäft gerade erst so richtig ins Rollen gekommen.

Wöchentlich sprechen wir uns im Team ab, wie wir weiterfahren sollen. Momentan bieten wir weder Take-away noch einen Online-Shop an. Das ist aber auch alles kompliziert und mit verschiedenen Abklärungen verbunden, solche Dinge brauchen Zeit. Da wir Gastronomiebetrieb und Boutique zugleich sind, ist es doppelt schwer. Bisher haben wir uns gegen einen Online Shop für die Boutique entschieden, weil wir viele Einzelstücke anbieten – wir wollen nicht, dass sich dann drei Kunden für das gleiche Stück interessieren, es aber nur einer kaufen kann. Wenn die Situation so weitergeht, müssen wir uns aber nichtsdestotrotz etwas einfallen lassen, wie wir uns über Wasser halten können. Gerade sind überall Fragezeichen.

Bar, Bistro und Boutique zugleich: Das «L’Arbre» an der Winkelriedstrasse in der Luzerner Neustadt.

Bar, Bistro und Boutique zugleich: Das «L’Arbre» an der Winkelriedstrasse in der Luzerner Neustadt.

Bild: PD

Schön ist aber, dass wir die Zeit nutzen können, um noch kreativer zu werden. Wenn das Zusammensein wieder erlaubt ist, soll das «L’Arbre» stärker zu einem Ort der Begegnung werden. In diesem Sinne planen wir auch verschiedene Kulturveranstaltungen, die dann regelmässig stattfinden sollen. Ausserdem wollen wir in Zukunft junge Künstlerinnen und Künstler dazu animieren, ihre Kunstwerke bei uns auszustellen. Für die Planung all dieser Dinge haben wir jetzt endlich mehr Zeit.

Das Schwierigste an dieser ganzen Situation ist der fehlende Ausgleich. Man ist immer beschäftigt, aber der direkte Austausch mit der Kundschaft fehlt. Die Gäste geben einem so viel zurück. Jetzt kommt einfach gar nichts.

Aufgezeichnet von Elena Oberholzer

Zur Person: Arberije Kurath (36) aus Luzern ist Geschäftsführerin und eine der Inhaberinnen des «L’Arbre». Der kreative Ort der Begegnung an der Luzerner Winkelriedstrasse, der Bar, Bistro und Boutique zugleich ist, öffnete erst im Herbst 2019 seine Tore.


Aurel Glatt (28), Mitinitiant von Soli-Shirt Luzern und Textildrucker

Als die Corona-Pandemie ihren Lauf nahm, bedeutete das für mich zunächst eine gewisse Ratlosigkeit und Auftragsausfälle. Leider fallen dabei auch wichtige Aufträge weg, die nicht nachgeholt werden können. Dies gab mir die Möglichkeit, einige Änderungen in der Druckerei vorzunehmen, wozu mir vorher die Zeit fehlte.

Dann stiess ich über Social Media auf eine schöne Idee: T-Shirts für kleine Firmen zu verkaufen, wobei ein Teil des Preises direkt an die Firmen geht – quasi als Soforthilfemassnahme. In den USA werden meist individuelle T-Shirts für jede Firma gemacht. Niels Blaesi, der das Sujet gestaltet hat, und ich haben jedoch entschieden, dass uns ein identisches T-Shirt für die ganze Stadt besser gefällt.

Aurel Glatt ist 28 Jahre alt und hat sich mit der Luzerner Firma EINFACH.SIEBDRUCK selbstständig gemacht.

Aurel Glatt ist 28 Jahre alt und hat sich mit der Luzerner Firma EINFACH.SIEBDRUCK selbstständig gemacht.

Bild: Kultissimo Luzern 2019 – Ingo Höhn

5000 Franken wurden schon gesammelt

Bereits bevor wir mit der Aktion beginnen konnten, haben wir viele Stunden in Design, Homepage und allgemeine Vorbereitungen investiert. Momentan sind wir vor allem in Kontakt mit interessierten Betrieben und nehmen Bestellungen entgegen. In einem nächsten Schritt drucken wir dann die T-Shirts und verschicken sie. Der Aufwand beläuft sich ungefähr auf ein 50-Prozent-Pensum, das Niels Blaesi und ich uns teilen. Die Zusammenarbeit funktioniert dabei sehr gut, wir haben bereits darüber gesprochen, dass wir auch in Zukunft gemeinsame Projekte durchführen möchten.

Konkret funktioniert die Aktion folgendermassen: Interessierte können auf unserer Webseite ein T-Shirt einer der teilnehmenden Firmen bestellen. Dies kostet 33 Franken. 15 Franken gehen an die gewählte Firma und der Rest dient zur Deckung der Produktionskosten. Zuerst haben vor allem Betriebe aus unserem näheren Umfeld mitgemacht. Jetzt kommen täglich neue Betriebe dazu. Wir haben schon 5000 Franken gesammelt, also über 300 Soli-Shirts verkauft.

Mit dem Ende der Corona-Krise wird auch das Projekt Soli-Shirt zu Ende gehen. Dabei freue ich mich in erster Linie auf ein lockeres Zusammenleben und darauf, dass viele Menschen wie meine Grosseltern wieder uneingeschränkt leben können.

Aufgezeichnet von Jessica Bamford

Zur Person: Aurel Glatt ist 28 Jahre alt und hat sich mit der Luzerner Firma EINFACH.SIEBDRUCK selbstständig gemacht. Während der Corona-Krise hat er mit einem Kollegen die Aktion Soli-Shirt Luzern initiiert. Dabei werden T-Shirts verkauft, um Geld für in Not geratene Kleinbetriebe zu sammeln.


Alain Glanzmann (39), Fahrlehrer aus Rothenburg

Bereits bevor der Bundesrat am 15. März neue Bestimmungen erlassen hat, habe ich vermutet, dass Fahrstunden nicht mehr lange möglich sein werden. Vorher gab ich von Montag bis Samstag von 7 bis 19 Uhr Fahrstunden. Zusätzlich organisierte ich Theoriekurse. So habe ich seit dem 15. März plötzlich extrem viel Zeit. Diese habe ich zum einen genutzt, um meine Theoriekurse komplett zu überarbeiten und ein digitales Schülerheft zu erstellen. Das war ein rechter Brocken. Zum anderen habe ich begonnen, jeden Tag Sport zu betreiben und das ganze Haus auf Vordermann zu bringen.

Alain Glanzmann.

Alain Glanzmann.

Bild: PD

Der Lockdown gab mir die Möglichkeit, mein Leben komplett zu entschleunigen. Mir wurde dadurch bewusst, dass Freizeit in meinem Berufsleben zurzeit viel zu kurz kommt. Das werde ich ändern.

Die Ungewissheit belastet mich

In der ersten Zeit nach der Lockerung wird dies aber wahrscheinlich nicht möglich sein. Ich erwarte, dass es dann zu einem Ansturm kommt. Schon jetzt sind Planungen und Anfragen im Gange. Um diesen Ansturm zu bewältigen werde ich versuchen, so viele Zeitfenster zu öffnen wie möglich und vernünftig sind. Unklar ist zurzeit aber noch, wie das Strassenverkehrsamt Luzern mit den Prüfungsterminen umgeht. Denn bevor die Krise startete hatte ich noch viele Prüfungen angemeldet, welche alle storniert worden sind. Diese Ungewissheit belastet mich. Auch weil die ganze Planung durcheinandergeraten ist.

Um meine Gesundheit mache ich mir bei den zukünftigen Fahrstunden keine Sorgen. Ich nehme an, dass der Bund uns Schutzmassnahmen auferlegen wird. Ich bin der Meinung, dass wir mit gesundem Menschenverstand das Beste daraus machen werden. Sollte sich ein Schüler nicht gesund fühlen wird es besser sein, dass er zu Hause bleibt.

Finanzielle Einbussen habe ich natürlich momentan, denn Mietkosten, Krankenkasse, Versicherungen und so weiter muss ich weiterbezahlen, obwohl ich zurzeit keine Einnahmen habe. Meine Frau und ich haben aber unsere Auslagen minimiert, sodass wir keine grösseren Probleme haben. Bei uns Selbständigen ist es ja so, wenn wir Ferien nehmen, haben wir auch kein Einkommen. Im Fall von Corona waren es halt einfach ein paar Wochen mehr.

Aufgezeichnet von Jessica Bamford

Zur Person: Alain Glanzmann ist 39 Jahre alt und wohnt in Rothenburg. Seit dem Jahr 2002 arbeitet er selbstständig als Fahrlehrer für Schüler und Schülerinnen aus Rothenburg und Umgebung.


Michèle Kritzer (26), Lehrerin in Beromünster

Seit der Medienkonferenz des Bundesrats am 13. März hat sich meine Arbeit um 180 Grad gedreht. Am Mittag hatte ich mich noch ganz normal von den Kindern verabschiedet und am Nachmittag wusste ich nicht mehr, wann ich sie das nächste Mal im Schulzimmer begrüssen darf. Dadurch hat sich natürlich mein Alltag komplett verändert – ich betreue entweder im Klassenzimmer Kinder oder bereite von zuhause aus den Fernunterricht vor. Bei uns in der Basisstufe schicken wir den Kindern wöchentlich neue Aufträge und Ideen per Post. Unserer Kreativität sind dabei keine Grenze gesetzt. Wir versuchen ausserdem, über Anrufe, Videos und Fotos mit unseren Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben. Auch mit den Eltern sind wir ständig im Austausch und versuchen, so gut wie möglich bei der Umorganisation auf Homeoffice und Homeschooling, aber auch bei den schulischen Fragen und Anliegen zu unterstützen.

Michèle Kritzer.

Michèle Kritzer.

Bild: PD

Durch diese Veränderungen kann ich meine Arbeitszeiten zurzeit viel flexibler festlegen, wodurch es sich anfühlt, als hätte ich mehr Freizeit. Trotzdem bin ich immer auf Abruf und habe mein Natel in der Nähe. Schliesslich möchte ich jederzeit für die Eltern erreichbar sein, um bei allfälligen Fragen und Schwierigkeiten rasch reagieren zu können. Zudem ist es in der Corona-Zeit schwierig, meine Arbeit voraus zu planen. Ich bin auf Rückmeldungen der Eltern angewiesen. Ich versuche, spontan auf ihre Anliegen einzugehen und ihnen das benötigte Material zur Verfügung zu stellen. Dann kann es auch sein, dass einmal spät am Abend oder am Wochenende gearbeitet wird, damit die Kinder so schnell wie möglich ihr versprochenes Material zuhause im Briefkasten haben, um weiterarbeiten zu können.

«Die Schule hat einen riesengrossen Schritt gemacht»

Mit dem Lehrplan 21 werden viele Kompetenzen spielerisch erlernt. Dafür ist der soziale Kontakt unter den altersdurchmischten Kindern in der Basisstufe nicht wegzudenken. Wenn die Kinder während dem Unterricht gemeinsam spielen, lernen sie immer etwas dabei. Gerade diese Möglichkeit fehlt den Kindern jetzt, wenn sie zuhause lernen sollen. Auch die individuelle Betreuung der Kinder, die im normalen Unterricht zentral ist, ist jetzt schwierig umzusetzen. Vor allem, weil es immer einige Tage dauert, bis angepasstes Material bei den Kindern ankommt. Um das Homeschooling trotz diesen Schwierigkeiten so gut wie möglich zu realisieren, hat unsere Schule in dieser Zeit bezüglich Digitalisierung einen riesengrossen Schritt vorwärts gemacht. Die Elternkommunikation verläuft neu über eine App, viele Schülerinnen und Schüler und besonders Lehrpersonen haben im Bereich Medien und Informatik grosse Fortschritte gemacht.

Seit die Schule geschlossen wurde, habe ich viele Fotos und Videos von Ideen und Projekten, die Eltern zusammen mit ihren Kindern zuhause umgesetzt haben, erhalten. Ich finde es toll, wie die Mädchen und Jungs die Zeit mit der Familie geniessen und auch die Eltern grosses Engagement und Flexibilität zeigen. Ich vermisse die Kinder jedoch sehr und freue mich darauf, ihre strahlenden Augen wieder zu sehen und all die interessanten Geschichten zu hören.

Aufgezeichnet von Jessica Bamford

Zur Person: Michèle Kritzer ist 26 Jahre alt und unterrichtet seit 3.5 Jahren in Beromünster in der Basisstufe. In dieser Stufe werden Kinder bis zur zweiten Klasse ihren Bedürfnissen entsprechend geschult, bis sie für den Übertritt in die dritte Klasse bereit sind.


Jacques Holtz (85), Rentner und ehemaliger Produzent von Sportstrickwaren aus Luzern

Das Coronavirus hat überall auf der Welt massive Umstellungen zur Folge. Und da ich mit meinen bald 85 Jahren zur Risikogruppe gehöre, stellt diese Coronakrise insbesondere auch mein Leben auf den Kopf. Es nimmt einem ein Stück Freiheit. Mir fehlt das, unbefangen ins Zentrum zu gehen, etwa um an der Reuss einen Kaffee zu trinken. Ich bin eigentlich gerne unter Leuten und oft auch mit meinem Elektromobil unterwegs. Kurz vor dem Lockdown und der Weisung, zuhause zu bleiben, fuhr ich durch die Stadt. Das war schon sehr eigenartig, ganz speziell. Man merkte, dass da etwas in der Luft lag. Die ganze sonst so normale städtische Hektik war auf einmal weg. Eine ganz andere Stimmung auch in der Bevölkerung, eine dumpfe Ruhe. Das hat mich sehr beeindruckt, stimmte mich gleichzeitig aber auch sehr nachdenklich. Leergefegte Strassen und Boulevards, sowas habe ich in Luzern noch nie erlebt.

Jacques Holtz.

Jacques Holtz.

PD

Angst vor dem Virus habe ich keine, aber grossen Respekt. Angesichts der Lage macht man sich schon Sorgen darüber, was da alles noch kommen mag. Und wenn ich daran denke, was da nur schon wirtschaftlich auf uns zukommt, bin ich irgendwie froh, dass ich schon so alt bin. Ich hatte das Glück gehabt, in eine Zeit der Hochkonjunktur geboren worden zu sein. Umso mehr macht mir die ganze Entwicklung schon Bauchweh. Die grosse Unsicherheit, all die Zukunftssorgen, das beschäftigt mich – wenn auch nicht mehr im gleichen Masse wie jüngere Zeitgenossen.

Ich muss aber auch sagen, dass ich die ganze Bevölkerung als sehr diszipliniert wahrnehme. Ich habe das Gefühl, dass man in dieser Krise ein bisschen näher zusammenrückt und zueinander schaut. Das zeigt, dass die Gesellschaft funktioniert. Ich etwa bin sehr froh um mein persönliches Umfeld, all die netten Nachbarn, die mir beim Einkaufen helfen oder diejenigen, die sich telefonisch auch einfach mal so bei mir melden.

Besonders beeindruckt bin ich vom grossartigen Einsatz unseres Gesundheitspersonals. Kürzlich musste ich notfallmässig ins Luzerner Kantonsspital. Schon der Weg dahin zeigte mir, dass alles anders läuft als sonst. Zwischen meiner Ankunft und der ersten Untersuchung musste ich verschiedene Kontrollstellen passieren. Alles war hochsteril und alle arbeiteten hochkonzentriert. Ärzte und Pflegepersonal haben sich sehr aufopfernd um mich gekümmert. Und trotz intensiver beruflicher Belastung waren sie immer aufgestellt, ruhig, hilfsbereit und freundlich. Ich merkte, dass das Menschen sind, die ihren Beruf während 24 Stunden am Tag lieben, das war schlicht und einfach beeindruckend. Ich habe mich extrem gut aufgehoben gefühlt. Und dafür möchte ich dem Personal im Spital ein Kränzchen winden. Das liegt mir sehr am Herzen.

Aufgezeichnet von David von Moos

Zur Person: Jacques Holtz (85) lebt in der Stadt Luzern. Der vielseitig interessierte Rentner ist oft und gerne unterwegs. Vor seiner Pensionierung war Holtz Kaufmann und Produzent von Sportstrickwaren. Unter anderem hat Holtz zusammen mit seinem Bruder die bekannten SKA-Skimützen produziert, die mittlerweile Kultstatus geniessen.


Claudia Bachmann (47), Inhaberin eines Näh- und Stoffladens in Emmenbrücke

Die Corona-Krise hat meine Arbeit im Näh- und Stoffladen "salut ma Scher" in Emmenbrücke gänzlich auf den Kopf gestellt. Als die Geschäfte schliessen mussten, stand plötzlich die Frage im Raum: Huch, was mache ich jetzt? Meine erste Idee war, die Leute vom Schaufenster aus in den Laden blicken zu lassen. Das wäre aber zu umständlich gewesen.

Dann kam mir der Einfall, eine digitale Tour durch den Laden anzubieten. Wenn jemand einen besonderen Stoff sucht, ist das am einfachsten. Per WhatsApp-Videoanruf zeige ich meinen Kunden einzelne Produkte, sodass sie sie vergleichen und auswählen können.

Etwa ein bis zweimal die Woche wird dieses Angebot genutzt. Ansonsten erhalte ich die Anfragen vor allem per Chat, Telefon oder Email.

Für mich ist das eine grosse Umstellung: Von einem Tag auf den nächsten muss ich den Überblick über Bestellungen und Zahlungen halten sowie Pakete zur Post bringen. Das bringt einen ein grossen administrativen Aufwand mit sich. Ausserdem vermisse ich es, direkt im Geschäft mit meinen Kunden in Kontakt zu treten und die Nähkurse, vor allem auch die Kinderkurse, abzuhalten.

Gerade beim Kauf von Stoffen ist es wichtig, sie in den Händen halten zu können. Selbst meine digitale Tour ist nur ein schwacher Ersatz dafür. Immerhin hilft sie dabei, Stoffe zu kombinieren und zu vergleichen und das ganze Sortiment zu sehen. Ausserdem erübrigt sich dadurch das Einrichten eines Online-Shops. Müsste ich für alle meine Stoffe einen Artikel anlegen, käme ich vom Hundersten ins Tausendste!

Kundenkontakt zu Zeiten von Corona.

Kundenkontakt zu Zeiten von Corona.

Bild: PD

Damit man sich nicht durch unzählige Artikel wühlen muss, biete ich neu verschiedene Nähkits an, da sind alle Materialien für ein bestimmtes Produkt - etwa Fahrradsattelschutz oder Rucksack - mit dabei. Finanziell kann ich mich momentan noch mit den neuen Angeboten über Wasser halten. Da ich aber erst im Oktober 2019 mein Laden eröffnet habe, konnte ich noch keine Geldreserven aufbauen und die Einnahmen der Nähkurse fallen ganz weg.

Aufgezeichnet von Simon Mathis

Zur Person: Claudia Bachmann (47) ist die Gründerin und Inhaberin des Nähladens «salut ma Scher» in Emmenbrücke. Die gelernte Kindergärtnerin lebt mit ihrer Familie gleich neben dem Raum für Stoffideen.


Woche 4: Eine Lernende, ein Jodler, ein Soldat und eine Drogistin


Flavia Röthlin (19) aus Kerns, Lernende in der Luzerner Buchhandlung Hirschmatt

Flavia Röthlin.

Flavia Röthlin.

Bild: PD

Viele Menschen haben im Moment weniger zu tun, bei uns gab es gerade den umgekehrten Effekt. Es kommen stapelweise Online-Bestellungen rein und wir kommen fast nicht nach. Zurzeit sind es rund 50 bis 60 Pakete am Tag, die wir in der Buchhandlung parat machen und dann versenden. Als zusätzliche Hilfe haben sich drei Studenten bereit erklärt, die Pakete für uns mit Ihren Velos in der Innenstadt zu verteilen. Zurzeit sind vor allem wir jüngeren Mitarbeiter im Büro, damit unsere anderen Mitarbeiter geschützt werden können.

Viele Bestellungen kommen von unseren Stammkunden, die auch herzige Kommentare im Online-Shop hinterlassen. So wollen einige das Porto gerne trotzdem übernehmen, auch wenn wir zurzeit gratis liefern. Auch haben viele schon ein Trinkgeld draufgezahlt, um uns zu unterstützen. Das berührt uns sehr.

Zurzeit arbeite ich beinahe Vollzeit im Büro, und das bedeutet für mich, das ich eher einen KV-Job ausübe als denjenigen einer Buchhändlerin. Ich vermisse den Kundenkontakt und die persönlichen Beratungen im Laden. Per Telefon funktioniert das nur halb so gut. Wir hoffen, dass wir den Laden bald unter Auflagen wieder öffnen dürfen. Vermissen tu ich auch meine Hobbys. Ich bin Leichtathletik-Trainerin und würde eigentlich jeden Montag Kinder unterrichten. Das und die Treffen mit meinen Kollegen fehlen mir sehr.

Jetzt waren gerade Frühlingsferien aber nun muss ich wieder zur Berufsschule, natürlich von zu Hause aus. Ich mache dieses Jahr meinen LAP-Abschluss, das ganze Hin und Her, ob die Prüfungen nun stattfinden dürfen oder nicht war eine sehr stressige Zeit für mich. Die Nachricht, dass nicht nur die schriftlichen, sondern auch unsere praktische Prüfung ausfällt, hat in mir gemischte Gefühle ausgelöst. Wir hätten am 20. April mit den Prüfungen angefangen, nun wissen wir noch nicht einmal, ob wir danach noch Unterricht haben. Ich gehe gerne zur Schule, deshalb finde ich es sehr schade, dass ich den Abschluss nach drei Jahren Lehre nicht mit Prüfung machen kann.

Dafür bleibt mir nun mehr Zeit zum Lesen. Bei den Büchern sind im Moment Kochbücher und Ratgeber, wie beispielsweise Yoga für Zuhause sehr beliebt. Aber natürlich laufen auch die Neuerscheinungen gut. Was uns überrascht hat, ist, dass wir plötzlich sehr viele Bestellungen für das Buch «die Pest» von Albert Camus aus dem Jahr 1947 erhalten haben. Auch von Lehrern, die das Buch für ihre Schüler bestellt haben. Es war eine Zeit lang sogar ausverkauft. Ich würde unseren Lesern eher Unterhaltungsliteratur empfehlen, nichts allzu Düsteres. Das macht die jetzige Situation nur noch schlimmer. Gerade beim schönen Frühlingswetter ist es jetzt doch toll, draussen ein gutes Buch zu lesen und dem Alltag – zumindest für eine kurze Weile - zu entfliehen.

Aufgezeichnet von Zéline Odermatt

Zur Person: Die 19-jährige Kernserin Flavia Röthlin (19) absolviert zurzeit das dritte und letzte Jahr ihrer Lehre bei der Buchhandlung Hirschmatt in Luzern. Im Sommer wird Sie die Berufsmatura in Sarnen beginnen.


Fritz Brun (62), Präsident Jodlerclub Heimelig

Fritz Brun

Fritz Brun

Bild: PD

Die ganze Coronakrise hat uns unmittelbar vor dem Beginn der Probesaison erwischt. Alle Proben wurden abgesagt. Da mussten wir schnell reagieren. Nicht zuletzt, weil einige Mitglieder vom Alter her zur Risikogruppe gehören.

Uns beschäftigt im Moment vor allem eines: Vom 26. bis 28. Juni würde in Basel das Eidgenössische Jodlerfest stattfinden. Ob der Grossanlass durchgeführt wird, ist noch offen. Da hängen wir jetzt in der Luft, müssen abwarten. Wenn es tatsächlich stattfindet, dann kommen wir unter Zeitdruck, weil wir unseren Wettbeitrag, der bewertet wird, erst noch proben müssen. Und wir hatten ja jetzt vier Wochen lang keine einzige Probe. Besonders schwierig ist das für unsere Dirigentin und die Neumitglieder, die das Lied überhaupt noch nicht kennen und von Grund auf einstudieren müssen.

Da stellt sich für uns als Verein schon die Frage, ob das noch gut kommt oder nicht. Wenigstens sind wir mit dieser Problematik nicht alleine, das ist etwas, das die ganze Szene beschäftigt. Wir haben uns angemeldet, aber noch nichts einbezahlt. Wir könnten also unsere Teilnahme immerhin ohne grosse finanzielle Folgen absagen.

Aber es gibt welche, die haben da noch ganz andere Sorgen. Schlimm ist es vor allem für das Basler Organisationskomitee. Da kann ich richtig mitfühlen, haben wir doch bei uns letzten Sommer das Zentralschweizerische Jodlerfest organisiert. Für das Organisationskomitee in Basel ist diese Situation der Horror. Da bin ich echt froh, muss ich das nicht mitentscheiden. Von der Durchführung des Fests in Basel hängt so viel ab. Im nächsten Jahr alleine sind vier verschiedene Jodlerfeste von Unterverbänden geplant, wo man sich jeweils für das nächste Eidgenössische Verbandsfest qualifizieren kann. Da würde eine Verschiebung des Anlasses in Basel vieles durcheinanderbringen. Für die ganze Jodlerszene wäre das eine Katastrophe.

Aber auch bei unserem Programm bringt das Coronavirus so einiges durcheinander. Den traditionellen Jodlerabend am 25. April in Horw mussten wir leider auch absagen. Da haben wir auch schon viel Zeit und Aufwand investiert. Die Tatsache, dass wir nicht auftreten können, schmerzt uns am meisten.

Und auch die Einnahmen aus dem Anlass werden uns im Moment fehlen. Wenigstens können wir hier beim Bundesamt für Kultur bis Ende Mai eine Ausfallentschädigung beantragen. Im Moment stellen wir die zahlreichen Unterlagen zusammen, die es für die Einreichung des Gesuchs braucht. Wir wären nur schon froh, wenn das ein paar Tausend Franken geben würde. Dann kämen wir finanziell über die Runden.

Nichtsdestotrotz steht das Vereinsleben derzeit nicht ganz still. Wir bleiben über Telefon und durch WhatsApp und auch E-Mail miteinander in Verbindung.

Diese Art der Kommunikation ist gewöhnungsbedürftig, funktioniert aber mittlerweile ganz gut. Das «Miteinander» leidet aber trotzdem. Man merkt das an den Reaktionen der Mitglieder im Chat. Wir würden so gerne wieder miteinander jodeln, das fehlt uns halt schon extrem – genauso wie der Kontakt untereinander. Denn: Alleine zu jodeln, ist schwierig, weil die anderen Stimmen fehlen. Jodeln ist etwas, dass in einem Verein nur zusammen als Gemeinschaft geht.

An diese Coronakrise werden wir Jodler uns noch lange erinnern. Soviel ich weiss, hat es in unserer 82-jährigen Vereinsgeschichte noch nie gegeben, dass grosse Anlässe abgesagt werden muss.

Aufgezeichnet von David von Moos

Hinweis: Das Gespräch wurde vor der Absage des Eidgenössischen Jodlerfests in Basel, an dem der Jodlerklub Heimelig auch teilgenommen hätte, aufgezeichnet.

Zur Person: Fritz Brun (62) jodelt seit über 15 Jahren und ist seit neun Jahren Präsident des Horwer Jodlerklubs Heimelig. Ausserdem ist der begeisterte Fasnächtler seit 42 Jahren Mitglied der Guuggenmusig Hügü-Schränzer Lozärn, wo er Tuba spielt. Weiter ist Fritz Brun oft mit seiner Frau oft und gerne in den Bergen unterwegs und verbringt gerne viel Zeit mit seiner Familie und dem Grosskind.


Cornelia Friedli (26), Drogistin aus Emmenbrücke

Cornelia Friedli

Cornelia Friedli

Bild: PD

Seit Beginn der Corona-Krise hat sich mein beruflicher Alltag drastisch verändert. Ich verbringe viel Zeit damit, ängstliche Personen zu beruhigen und ihnen gesundheitliche Fragen zu beantworten. Zudem ist der Betrieb im Allgemeinen sehr hektisch – wir hatten etliche Hamsterkäufe. Unsere Aufrufe dazu, das Immunsystem zu stärken statt Massen von Desinfektionsmitteln und Masken zu kaufen, blieben von den Meisten ungehört. Obwohl sich die Lage in den vergangenen Tagen etwas beruhigt hat, sind die Kunden und Kundinnen angespannt.

Auch der Umgang mit den Kunden hat sich verändert. So leben wir als Drogerie von persönlichen und diskreten Beratungsgesprächen. Wegen der 2-Meter-Abstandregel ist es jedoch schwierig, die notwendige Nähe herzustellen. Trotz allem bin ich extrem dankbar dafür, dass wir überhaupt weiterarbeiten dürfen.

«Ich habe meine Eltern seit drei Monaten nicht gesehen»

Durch die höhere Belastung am Arbeitsplatz brauchte ich vor allem zu Beginn der Krise mehr Schlaf und hatte keine Energie mehr am Abend. Deshalb war ich sehr froh darum, dass mein Partner, der zurzeit nicht arbeiten kann, viele Hausarbeiten übernommen hat.

Dadurch, dass jegliche Vereinsprogramme- und Trainings abgesagt sind, habe ich zurzeit an den Wochenenden viel Zeit um mich zu erholen. Auch Besuche bei meinen Eltern im Emmental sind zurzeit natürlich nicht möglich – ich habe sie seit drei Monaten nicht mehr gesehen. So verbringe ich mehr Zeit in der Natur und treibe mehr Sport draussen. Auch Netflix profitiert natürlich von der gewonnenen Zeit.

Wenn der ganze Trubel vorbei ist, freue ich mich ganz besonders darauf, meine Freunde und Familie wieder zu treffen und, dass Berührungen und Umarmungen wieder ganz normal sind. Wenn die Trainings und Proben wieder stattfinden dürfen, wird es schön sein, wieder auf etwas hinarbeiten zu können, wie zum Beispiel ein Musikkonzert mit der Feldmusik Rothenburg.

Aufgezeichnet von Jessica Bamford

Zur Person: Cornelia Friedli ist 26 Jahre alt und wohnt seit vergangenem Sommer in Emmenbrücke. Sie arbeitet seit sechs Jahren bei der Drogerie Seiz und wird im kommenden Herbst eine Ausbildung zur Craniosacral-Therapeutin beginnen.


Timothy Bamford (19), Soldat aus Rothenburg

Seit vier Wochen können wir am Wochenende nicht mehr nach Hause. Ich habe dabei das Glück, dass ich an den Wochenenden immerhin etwas weniger Arbeit habe, weil ich vor allem mit Berufsmilitaristen zu tun habe. Zu Beginn hatten wir mit den fehlenden Ausgängen keine grossen Probleme, wir haben viel Spiele gespielt und uns abgelenkt. Jetzt merkt man aber langsam, dass es auf die Nerven schlägt. Es gibt immer häufiger kleine Konflikte zwischen den Soldaten.

Die Freizeit ist auf die Zeit zwischen dem Abendessen und dem «Lilö» – dem Lichterlöschen bei Nachtruhe – begrenzt. Die Motivation nimmt weiter ab. Dies obwohl die meisten Angehörigen und Freunde von Soldaten mit überdurchschnittlich vielen «Frässpäckli» beschenkt werden.

Zimmerordnung ist weniger wichtig

Diese aussergewöhnliche Zeit hat aber auch positive Effekte. Zurzeit wird viel weniger auf Kleinigkeiten, wie etwa die Zimmerordnung geschaut. Auch Bestrafungen für kleine Fehlverhalten fallen etwas tiefer aus. Ausserdem erhalten wir pro Tag 5 Franken mehr, weil wir an den Wochenenden nicht nach Hause dürfen.

Für das Kader, das die Planung der kommenden Tage und Wochen machen muss, ist die Situation schwierig, weil nicht einmal die Höchsten wissen, wie es weitergeht und wann wir wieder nach Hause dürfen. Wir hoffen darauf, dass es in den kommenden Wochen eine Lockerung des Regimes gibt. Dann können wir endlich unsere Familien und Freunde wiedersehen und ein richtig gutes Essen geniessen.

Aufgezeichnet von Jessica Bamford

Zur Person: Timothy Bamford ist 19 Jahre alt und hat im vergangenen Sommer das KV-Bank abgeschlossen. Im Herbst reiste er durch Ghana und Namibia und im Januar hat er mit der Rekrutenschule begonnen. Er macht den Durchdiener als Büroordonnanz in Kloten, wo er bis im November noch im Dienst sein wird.


Emanuel Zimmermann (53), Inhaber einer Biogärtnerei in Horw

«Normalerweise bin ich am Freitagmorgen immer am Horwer Wochenmarkt, dort verkaufe ich im Frühling nicht nur Schnittblumen, sondern auch Gemüse und Gemüsesetzlinge, alles in Bioqualität.

Emanuel Zimmermann in der Biogärtnerei in Horw.

Emanuel Zimmermann in der Biogärtnerei in Horw.

Bild: PD

Wegen dem von Bundesrat verordneten Lockdown ist das leider nicht mehr möglich. Ich darf im Moment keine Schnittblumen mehr verkaufen, auch nicht mehr ab Hof. Bei den Gemüsesetzlingen habe ich aufgehört, weitere Sätze zu produzieren. Ein Teil der Gemüsesetzlinge davon wird noch ausgepflanzt, der Rest muss leider kompostiert werden. Die Tulpen verblühen, da lässt sich leider nichts machen. Da erleide ich momentan einen fast 100-prozentigen Ertragsausfall.

Frühling ist auch bei uns Hochsaison. Beim Anbau unserer Freiland-Schnittblumen verzichten wir vollständig auf chemische und synthetische Gifte und arbeiten ausschliesslich mit natürlichen Methoden. Unsere Enten etwa reduzieren den Schneckenbestand optimal, so dass die Kulturen keinen Schaden nehmen. Die Katzen Nora und Tiger sind sehr aufmerksam und schauen, dass die Mäuse nicht Überhand nehmen.

Im Moment sind bei uns gerade Tulpen, Hyazinthen, Osterglocken aktuell. Dann sehr viel Schnittpflanzen wie etwa Kirsch- und Pfirsichblüten, Schneeball-Sträucher, deren blühende Triebe man jetzt schneiden kann oder auch Kirschzweige, die zum Beispiel mit Tulpen kombiniert wunderbare Blumensträusse abgeben – oder abgeben würden. Denn momentan fällt auch die Belieferung von Grossabnehmern wie Detaillisten weg, weil die ja auch keine Pflanzen mehr verkaufen dürfen.

Ich habe zwei Festangestellte, eine Gärtnerin und eine Lehrtochter. Die beiden sind im Moment mit Kompostierarbeiten beschäftigt, darüber hinaus packen sie auch auf meinem Landwirtschaftsbetrieb mit an. Wir haben Hochstammobstbäume, und wir produzieren Heu für eine kleine Pferdepension. Zum Glück habe ich noch dieses Standbein, so kann ich meine Angestellten trotz Einbruch des Blumen- und Gemüsegeschäfts weiterbeschäftigen.

Bild: PD

Diversifizierung ist sicher immer ein Vorteil. Ich bin eher ein Sommergärtner, habe auch viele Sommerblumen, die jetzt erst wachsen - beispielsweise Sonnenblumen. Ich hoffe, dass sich die Lage bis dann wieder etwas normalisiert hat. Sonst wird es dann auch für mich eng. Die Luzerner Kantonalbank hat mir einen Überbrückungskredit gesprochen. Das hilft mir, so habe ich wenigsten im Moment keinen finanziellen Stress.

Ich bin noch relativ gut dran, andere Gärtner sind viel mehr als ich auf das Frühlingsgeschäft ausgerichtet. Bei den meisten Gärtnereien ist während der Monate März bis Mai Hauptsaison, in der rund 80 Prozent vom Jahresumsatz erzielt werden. Im Vergleich dazu habe ich Glück im Unglück, wenn bis im Sommer alles wieder normal läuft.»

Aufgezeichnet von David von Moos

Zur Person: Emanuel Zimmermann (53) von der gleichnamigen Biogärtnerei in Horw (www.bioblumen.ch) produziert hauptsächlich Schnittblumen und verkauft diese an lokale Abnehmer und an Grosshändler in der ganzen Schweiz.


Joël Wyss (20) und Lars Kienle (21), Co-Geschäftsführer einer Marketingagentur

Joël Wyss: «Wir sind ein Werbe- und Kommunikationsdienstleister und beraten unsere Kunden vor allem im Online-Bereich. Wachstum kam für uns nie an erster Stelle, für uns stand immer Kreativität und Qualität im Zentrum. So hat sich das mit dem eigenen Unternehmen in einem schleichenden Prozess ergeben. Unser Unternehmen ist noch relativ jung, uns gibt es erst seit knapp zwei Jahren. Mittlerweile sind wir drei Vollzeitangestellte und rund zehn Freelancer, die uns projektbasiert unterstützen.»

«Wegen dem Corona-Virus und den damit verbundenen Massnahmen sind wir jetzt höchstens noch zu dritt im Büro. All unsere Freelancer arbeiten im Homeoffice. Abgesehen davon gehen wir aber normal unseren Aufträgen nach. Natürlich bekommen auch wir die Krise zu spüren. Langfristige Projekte laufen zwar weiter, wir bekommen aber viel weniger spontane Aufträge. Die freiwerdenden Ressourcen nutzen wir, um unsere treuen Kunden etwas zurück zu geben und diese Beziehungen zu pflegen. Von dieser Pro-Bono-Aktion profitieren beispielsweise unsere Kunden Heimat Tabak oder Lattesso.»

Lars Kienle (links) und Joël Wyss.

Lars Kienle (links) und Joël Wyss.

Bild: PD

Lars Kienle: «Wir merken, dass uns der persönliche Austausch mit unseren Kunden und Mitarbeitern fehlt. Beim Marketing, wo viel zwischen den Zeilen passiert, ist es schon sehr wichtig, dass man zusammen an einem Tisch sitzt. Das geht jetzt halt momentan leider nicht. Insofern ist Homeoffice in unserer Branche nicht wirklich eine Lösung. Auf der persönlichen Ebene aber kann ich der ganzen Sache auch viel Positives abgewinnen. Für mich hat das wahnsinnig viel mit Entschleunigung zu tun. Ich bin viel unterwegs. Das Virus sorgt für sowas wie eine Art Zwangspause. Das zwingt uns, den Alltag viel bewusster zu leben. Speziell ist an der derzeitigen Situation, dass wir die Coronakrise auch beruflich begleiten dürfen. Wir beraten und begleiten den kantonalen Führungsstab des Kantons Nidwalden im öffentlichen Auftritt. Da ist alles etwas anders als sonst.»

Joël Wyss: «Sie sind auf uns zugekommen und sagten, sie wollten Möglichkeiten, um ihre Botschaften noch effektiver zu übertragen. Für uns ist das nicht zuletzt sehr interessant, weil wir so die Krise aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten und miterleben dürfen. Krisenkommunikation muss nicht immer todernst, sondern darf auch kreativ und verspielt sein.»

Aufgezeichnet von David von Moos

Zu den Personen: Die beiden Jungunternehmer Joël Wyss (20) und Lars Kienle (21) sind Co-Geschäftsführer der Marketingagentur «Neum». Kienle hat an der Zürcher Hochschule der Künste und Wyss an der Hochschule Luzern – Wirtschaft studiert. Beide haben sie ihr Studium zugunsten des eigenen Unternehmens aufgegeben.


Andreas Fankhauser (36), Inhaber Fankhauser Verpackungs-Service AG und Präsident der Musikgesellschaft Oberrüti

Seit dem Lockdown am 16. März hat sich die Arbeit im Betrieb langsam angepasst. Zum Glück dürfen wir, wenn auch reduziert, noch weiterarbeiten. Jedoch gehen die Aufträge sukzessiv zurück, sei es mangels Bestellung oder sei es, weil gewisse Lieferanten aus dem Ausland die Lieferungen von Gütern eingestellt haben.

Durch diesen Rückgang gibt es bei mir auch mehr «Freizeit» im Privatleben. Im Moment durchstöbere ich meine Wohnung auf Dinge, die ich mal ausmisten sollte und der Frühlingsputz kann zudem in Angriff genommen werden.

Bild: PD

Eigentlich hätte ich neben meiner Arbeit ein sehr grosses Projekt auf Ende Mai mitorganisiert. Zusammen mit meinem Verein, der Musikgesellschaft Oberrüti, hätten wir den Aargauischen Musiktag in Oberrüti im Freiamt durchgeführt. Als Mitglied des Organisationskomitees und Präsident der Musikgesellschaft war ich in den letzten Zügen der Vorbereitung. Leider mussten wir Ende März den Musiktag absagen. Da die aktuelle Situation keine Proben für die Vereine zulässt, fanden wir keine bessere Alternative. Eine Verschiebung im selben Jahr ist fast nicht möglich, da eine Koordination mit über 60 teilnehmenden Vereinen und über 2000 Musikantinnen und Musikanten kaum realisierbar ist. Wir haben uns nun entschieden, den Anlass um einige Jahre zu verschieben. Unser Ziel ist es, im Jahr 2024 einen neuen Anlauf zu nehmen.

Durch den frühen Rückzug ist der finanzielle Ausfall noch überschaubar und nicht sehr drastisch wie bei anderen Veranstaltungen. Dennoch sind wir in Abklärung, ob und wie uns der Bund unterstützen kann, damit wir kein Defizit ausweisen müssen. Mit der Durchführung des Musiktages hoffte die Musikgesellschaft auf einen Gewinn, mit dem wir in den kommenden Jahren Investitionen für Instrumente, Uniform und in die Ausbildung der Jugend investieren könnten. Dies bleibt nun aus und der Verein muss die Budgetplanung überarbeiten und allfällige Investitionen um einige Jahre verschieben.

Aufgezeichnet von Pascal Studer

Zur Person: Andreas Fankhauser ist 36 Jahre alt und führt über 13 Jahre die Fankhauser Verpackungs-Service AG. Kernbereich ist die Verpackung von Briefmailings und Paketversände. Fankhauser ist zudem Präsident der Musikgesellschaft Oberrüti.


Woche 3: Ein Segler, ein Politiker, ein Masseur und eine Lebensberaterin


Sämu Künzli (49), Lastwagenchauffeur aus Dagmersellen

Ich fahre oft ins Ausland und auf den Strassen in Deutschland, Holland, Frankreich oder Italien gibt es weniger Verkehr. Ich bin praktisch alleine auf der Strasse, so komme ich schneller vorwärts. Aktuell ist für uns Selbstversorgung angesagt. Ich habe einen Grill und 30 Liter Wasser bei mir im Lastwagen. Die Tankstellen und Raststätten sind teilweise geöffnet. Ich meide sie aber im Moment, wenn ich kann. Ich halte Abstand und achte sehr auf die Hygiene. Ich habe nicht Angst, aber schon grossen Respekt vor der aktuellen Lage.

Bild: PD

Berufskollegen, die Lebensmittel transportieren, haben gerade mehr als üblich zu tun. Seit die Bahn nicht mehr regelmässig fährt, verschiebt sich besonders der Transport von frischen Lebensmitteln auf die Strasse, im internationalen Verkehr. Ich chauffiere oft Güter für die Pharmabranche und habe in etwa gleich viel Arbeit wie sonst auch. Mundschutz und Latexhandschuhe habe ich immer dabei. Bei bestimmten Pharmabetrieben in der Schweiz ist das sowieso Vorschrift. Wenn ich im Ausland, etwa in Italien oder Griechenland sehe, dass die Leute einen Mundschutz tragen, tu ich das auch.

An der Grenze kommt es manchmal zu Schlangen, beispielsweise vor dem Zollbüro. Da merkt man, dass Chauffeure aus anderen Ländern keinen Sicherheitsabstand kennen. Andererseits war ich kürzlich auf einer Fähre von Italien nach Griechenland. Da wurde ich bei der Polizei in Italien und bei der Fährgesellschaft registriert und jeder Chauffeur erhielt ein eigenes Zimmer inklusive Dusche.

Ich finde es schön, dass wir zurzeit mehr geschätzt werden. Unser Beruf, unsere Arbeit geht sonst oft vergessen. Erst wenn etwas passiert wie die Krise jetzt, denken die Menschen wieder nach. Wir erhalten nun mehr Aufmerksamkeit. Ich merke dies auf der Strasse, erhalte beispielsweise öfter Vortritt. Langfristig hat die Krise wohl aber wenig Einfluss auf die Gesellschaft. Einige Leute halten die aktuellen Regeln ja gar nicht ein, dann wird sich auch nichts an ihrer Einstellung ändern.

Als Chauffeur ist es schwierig, ein Hobby zu verfolgen. Aber ich bin ein leidenschaftlicher Fussballfan. Wenn immer möglich, besuche ich die Spiele. Das fällt jetzt natürlich komplett weg. Dafür sehe ich meinen Junior häufiger.

Aufgezeichnet von Sandra Peter

Zur Person: Samuel Künzli (49) aus Dagmersellen ist gelernter Strassentransportfachmann (frühere Bezeichnung Lastkraftwagenfahrer). Er arbeitet als Lastwagenchauffeur seit er 18 Jahre alt ist und fährt für die Blättler Transport AG in Littau unter anderem mit Pharmaprodukten nach Holland und mit Lebensmitteln zurück in die Schweiz.


Andreas Kälin (29), Gemeinderat und Wissenschaftlicher Mitarbeiter aus Nidwalden

Wenn es gut läuft, kann ich einen Tag in der Woche ins Labor, um Daten zu erheben. Die meiste Arbeitszeit verbringe ich im Home Office zu Hause in Ennetbürgen. Das erfordert viel Disziplin, ist jedoch auch eine Chance, ungestört und effizienter arbeiten zu können. Der soziale Kontakt zu meinen Arbeitskollegen fehlt mir jedoch schon.

Bild: PD

Ab Juli darf ich im Ennetbürger Gemeinderat mitwirken. Als junger Mensch möchte ich meinen Beitrag leisten und unsere Zukunft mitgestalten, weshalb ich 2012 in den Vorstand der FDP Ennetbürgen eingetreten bin. Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns in der Schweiz so gut geht und ich hoffe, dass die Leute diesen Umstand nun umso mehr schätzen lernen.

Die wichtigste Aufgabe der Politik ist es zurzeit, die gesamte Bevölkerung auf denselben Nenner zu bringen. Während sich die ältere Generation vor allem aus gesundheitlichen Gründen aktiv vor dem Virus schützen muss, dürfen wir Jungen nicht durch eine «Wir werden eh nicht krank»-Mentalität und egoistisches, rücksichtsloses Verhalten zur weiteren Verbreitung beitragen. Solidarität ist jetzt von allen gefragt. Denn das Ignorieren der umzusetzenden Massnahmen ist ein Schlag ins Gesicht all jener medizinischer Fachkräfte an vorderster Front der Krise, die aktuell – und das für unser aller Wohl – fast schon Unmenschliches leisten.

Ich möchte, dass wir als Gesellschaft miteinander und nicht gegeneinander agieren. Die Corona-Krise ist ein gutes Beispiel dafür. Die Menschen merken, wie wichtig soziale Kontakte sind. Ich wünsche mir, dass man nach dieser Krise bei Streitigkeiten wieder mehr miteinander redet, ehe man direkt mit Einsprachen oder dem Anwalt droht.

In meiner Freizeit hat sich nicht viel verändert. Ich habe schon früher gerne Games gespielt. Einfach mein Sportprogramm hat sich nach Innen verlagert – das aber auch wegen den kälteren Temperaturen. Während ich sonst viel auf dem Mountainbike unterwegs bin, bin ich jetzt halt auf dem Cross-Trainer. Und natürlich vermisse ich die Zeit mit meinen Kollegen. Im Mai werde ich 30, das hätte mit einer grossen Party gefeiert werden sollen. Diese muss ich nun halt verschieben. Hauptsache ist, wir können das irgendwann gemeinsam nachfeiern. Das Motto wäre 5 vor 30 gewesen. Jetzt wird es halt 5 nach 30 sein.

Aufgezeichnet von Zéline Odermatt

Zur Person: Andreas Kälin (29) ist in Ennetbürgen (NW) wohnhaft und aufgewachsen und wird dort ab Juli im Gemeinderat tätig sein. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Luzern T&A in Horw.


Annina Gutmann (30), Lebensberaterin und Helferin bei Vicino Luzern

Für Menschen da zu sein, unabhängig davon in welcher Situation sie sich befinden, ist eine Herzensangelegenheit für mich. Als körperzentrierte psychologische Beraterin gehört es zu meinem Berufsalltag. Zu spüren, dass ich etwas bewirke, berührt mich jeweils sehr. Auch die Gespräche über die individuellen Lebensgeschichten schätze ich enorm. Die Beratungsgespräche führe ich in den Praxisräumen in der Neustadt oder draussen als «Walk to Talk» durch. Situationsbedingt ist es jetzt aber gerade sehr ruhig und die Beratungsgespräche finden per Telefon oder Videochat satt. Ich stelle jedoch fest, dass persönliche Begegnungen bevorzugt werden, wodurch ich momentan nur wenige Termine habe.

Annina Gutmann arbeitet als psychologische Beraterin in Luzern.

Annina Gutmann arbeitet als psychologische Beraterin in Luzern.

Bild: Eveline Beerkircher, Luzern, 2. April 2020

Doch auch in Zeiten des Coronavirus gehe ich meiner Berufung
– für die Menschen da zu sein – nach, auch wenn unter anderen Umständen und unbezahlt. So bin ich beim Helfernetzwerk von Vicino Luzern registriert und gehe für ältere Menschen einkaufen, Medikamente holen oder telefoniere mit ihnen. Ich erlebe hierbei sehr berührende Momente. Beispielsweise sind die Einkaufszettel oft mit sehr viel Liebe verfasst und die Dankbarkeit der Hilfebedürftigen ist rührend.

Immer wieder komme ich auch in Gespräche mit älteren Menschen, vom Balkon aus, an der Tür mit Abstand oder am Telefon. Ich spüre dabei eine sehr grosse Wertschätzung und merke, dass ihr Bedürfnis nach einer Gesprächspartnerin meistens fast ebenso gross ist wie dasjenige nach einer Einkaufsbotin. Dabei erlebe ich, dass viele der älteren Menschen gerne jemanden zum Austausch hätten und sich nicht hilfebedürftig fühlen möchten.

Ich schätze die momentane Solidarität und Hilfsbereitschaft zwischen den Menschen sehr, denn nicht für alle gehört dies zum Arbeitsalltag wie bei mir. Ich bin überzeugt, dass die Coronakrise Vielen die Augen öffnet, sich mehr Gedanken um ihre Mitmenschen zu machen und dies auch in einer «gewöhnlichen» Zeit beizubehalten. Wieso nicht einfach mal bei einem älteren Nachbarn anrufen, Hilfe anbieten oder einfach nur ein bisschen Plaudern?

Es sind auch andere Kleinigkeiten, die eine gegenseitige Achtsamkeit und Verbundenheit der Menschen erkennen lassen. So habe ich im Wald aufmunternde Plakate von Kindern entdeckt oder erlebt wie in Innenhöfen musiziert wurde. All dies können wir als etwas Gutes in dieser Zeit für die Zukunft mitnehmen.

Aufgezeichnet von Raissa Bulinsky

Zur Person: Annina Gutmann (30) ist ang. ganzheitliche psychologische Beraterin und lebt in Luzern. In der Neustadt hat sie ihre eigene Praxis. Auch in Coronazeiten ist sie für andere Menschen da und engagiert sich bei Vicino Luzern.


Marina Hauser (25), Studentin und Mitarbeiterin meinRad

Marina Hauser beliefert mit einem Lastenvelo die Kunden.

Marina Hauser beliefert mit einem Lastenvelo die Kunden.

Bild: PD

«Vor drei Wochen noch hatte ich Vieles rund um das Coronavirus für mediale Übertreibung gehalten. Dann schlossen die Schulen und viele Läden. In diversen Ländern wurden Grenzkontrollen eingeführt. Darunter auch in Argentinien, wo mein Freund auf einer Radreise war. Plötzlich musste alles schnell gehen. Über Umwege schaffte er es aber mit regulären Verbindungen zurück in die Schweiz. Da wurde mir bewusst, dass Covid-19 nicht zu unterschätzen ist.

In meinem Alltag hat sich jedoch nicht viel geändert. Mein Teilzeitstudium läuft weiter im Fernunterricht. Auch arbeiten kann ich noch. Bei meinRad dürfen wir weiterhin Mittagsmenüs via Lastenvelo verkaufen sowie Lieferungen unserer Produkte ausführen. An den Mittagen während den Verkäufen der Menüs begegne ich verschiedenen Menschen. Es ist spannend, durch Gespräche zu erfahren, wie jede und jeder auf seine Art mit der neuen Situation umgeht. Einige reagieren mit Wut und fühlen sich machtlos. Andere sind optimistisch eingestellt und geniessen die neu gewonnene Zeit. Besonders schön finde ich die Bildung von neuen Plattformen, auf denen sich Junge zusammentun, um älteren Menschen zu helfen.

Ich finde, diese «ausserordentliche Lage» soll auf jeden Fall ernst genommen werden. Gleichzeitig ist es wichtig, positiv zu bleiben und auch die Chancen, die sich bieten, zu erkennen und zu nutzen. Zum Beispiel Dinge zu tun, die schon lange auf der To-do-Liste standen. Ich zumindest nutze die Zeit zum Joggen und zum Lesen, Kochen, Ausmisten und um kreativ zu sein.»

Aufgezeichnet von Pascal Studer

Zur Person: Marina Hauser arbeitet neben ihrem Studium für meinRad und verkauft auf den Strassen von Luzern frische Säfte, Suppen, Smoothies und mehr. Während ihrer Arbeit tauscht sie sich regelmässig mit Leuten über die Corona-Pandemie aus. Die 25-Jährige wohnt in Luzern.


Irène Meuris (36), Standortleiterin Caritas Wohnen und Caritas Markt Luzern

«Wir beschäftigen sowohl im Caritas Wohnen (Brocki) als auch im Caritas Markt Programmteilnehmer vom RAV, Sozialamt und gelegentlich von der IV. Wir bieten Ihnen die Chance, ins Berufsleben zurückzufinden oder schneller wieder eine Arbeitsstelle anzunehmen um sich beim RAV abzumelden. Momentan dürfen wir das Caritas Brocki leider nicht betreiben. Da geht viel Umsatz verloren, welcher uns für die Hilfe der Armutsbetroffenen fehlt. Ein Teil der Beschäftigten muss Zu Hause bleiben. Das Ganze stellt mein Team und mich vor grosse Herausforderungen. Um die Vorsichtsmassnahmen des Bundes einzuhalten, waren einige Umstrukturierungen im Betrieb nötig.

Unser oberstes Ziel besteht darin, den Caritas Markt trotz allem weiterhin einwandfrei am Laufen zu halten – unsere Kundschaft ist auf dieses Angebot angewiesen. Pro Tag packen hier deswegen 15 Leute mit an. Türklinken und Einkaufskörbe müssen desinfiziert, eine Eingangskontrolle gemacht und der Laden betreut werden. Um die Abstandsregeln einhalten zu können, haben wir eine «Schleuse» eingerichtet. Sie führt durch das Caritas Brocki in den Caritas Markt.

Da wir jeweils nur fünf Personen auf einmal in den Markt lassen dürfen, ist die Schlange in der Schleuse lang. Dort schaue ich zum Rechten und betreue unsere Kundinnen und Kunden. Dafür musste ich zwar viele meiner administrativen Aufgaben auf Eis legen. Das Schöne (und eigentlich Paradoxe) an der ganzen Situation ist aber: In Zeiten von Social Distancing und Homeoffice bin ich unseren Kundinnen und Kunden näher denn je. Da wurde ich nun schon in so manches spontane Gespräch verwickelt und habe viel über die Schicksale armutsbetroffener Menschen erfahren. Es ist erstaunlich, wie schnell es mit einem finanziell bergab gehen kann.

Da ich ein positiver Mensch bin, mache ich mir grundsätzlich keine Sorgen wegen des Coronavirus. Ich nehm’s vorweg und mache gemeinsam mit meinem Team das Beste aus dieser Situation. Ich mache mir eher Gedanken um Leute, die davon hart getroffen sind. Jene, die ihren Job verlieren oder wegen ihrer reduzierten Pensen ihre Mieten nur noch mit Müh und Not zahlen können. Wie lange wird die Krise anhalten? Wie lange werden sich Menschen durch schwierige finanzielle Situationen kämpfen müssen? Die Krise zeigt uns, dass vieles nicht selbstverständlich ist. Und dass niemand vor dem Corona sicher ist, egal wie viel Geld man hat.»

Aufgezeichnet von Linda Leuenberger

Zur Person: Irène Meuris ist Standortleiterin von Caritas Wohnen und vom Caritas Markt Luzern. Als solche ist sie normalerweise vor allem mit administrativen Aufgaben beschäftigt.


Severin Hofer (25), Kindergärtner in Zug

Severin Hofer mit seiner Brille aus Zeitung.

Severin Hofer mit seiner Brille aus Zeitung.

Bild: PD

Auch der Kindergarten betreibt jetzt «Home Schooling». Für mich als Kindergärtner ist das eine neue Herausforderung. Was kann ich den Kindern per Video vermitteln? Womit können wir arbeiten? Nicht jedes Kind hat Unmengen an Bastelmaterial zuhause. Schnell kam mir aber in den Sinn, was die meisten Familien zuhause haben: Zeitungen.

So entstand die Idee zu meinen «Zauberzeitungen»-Videos. Das Konzept ist einfach: in jeder Folge zaubert meine Zeitung etwas Neues oder es kommt mir eine Idee. Die Videos sind kurz, sie sollen für die Kinder leicht verständlich sein und nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Schliesslich ist das Ziel, dass die Kinder selbst aktiv werden.

Anfänglich war die «Zauberzeitung» nur für meinen Kindergarten gedacht, doch das Feedback von Kindern, Eltern und Kollegen war so positiv, dass ich mich dazu entschied, die Videos öffentlich zu machen. Auf meinem Youtube-Kanal erscheint pro Tag eine Folge, mittlerweile sind es schon 14. Die Rückmeldungen machen grossen Spass. Zu sehen, was die Kinder für Ideen mitnehmen und selber basteln, ist der schönste Teil der «Zauberzeitung».

Die Geschichten der «Zauberzeitung» sollen Kinder anregen, selber zu basteln, selber Geschichten zu erfinden. Denn gerade jetzt ist es wichtig, dass man nicht vergisst, sich Geschichten auszudenken und zu erzählen. Die «Zauberzeitung» bietet die Möglichkeit, für einen kurzen Moment in eine ganz andere Welt einzutauchen.

Ich habe insgesamt 18 Videos produziert, dann ist für’s erste Schluss. Doch wer weiss, vielleicht mache ich noch mehr. Ich spiele einfach weiter, so wie die Kinder.

Aufgezeichnet von Sandro Renggli

Zur Person: Severin Hofer (25) arbeitet Teilzeit in einem Kindergarten im Kanton Zug. Er denkt sich gerne Geschichten aus und teilt sie mit seinen Mitmenschen. Manchmal gibt es dafür sogar Applaus.


Samuele Fenu (40), Masseur in der Stadt Luzern

Samuele Fenu (rechts) mit seiner Frau bei der Aufzeichnung eines Video-Trainings für deren Kunden.

Samuele Fenu (rechts) mit seiner Frau bei der Aufzeichnung eines Video-Trainings für deren Kunden.

Bild: PD

Als Masseur kann ich momentan nicht für meine Kunden da sein – seit dem 9. März ist meine Praxis zu und Alternativen gibt es kaum. Ich könnte Übungen vorzeigen oder per Video für meine Kunden bereitstellen. An eine Massage kommt ein solches Angebot aber nicht annähernd heran. Anders sieht das bei meiner Frau aus: sie ist Fitnesscoach, bietet beispielsweise Pilates-Trainings an.

Sie ist ebenfalls selbständig und macht nun immerhin von zu Hause aus Video-Trainings für ihre Kunden. Meine Aufgabe dabei: filmen und fotografieren. Ein Bereich, der mich schon immer interessiert hat, den ich jetzt vertieft entdecken kann.

Meine Frau und ich gehen momentan nicht aus dem Haus. Sie ist schwanger und ich bin Diabetiker, gehöre also zur Risikogruppe. Ich muss sagen: Ich bin glücklich, jetzt zu Hause zu sein. Die Gesundheit steht an oberster Stelle und ich will bei meiner Frau sein. Da ich etwas Geld angespart habe, komme ich einige Monate ohne Arbeit und Einkünfte gut über die Runden. Zudem hat mir meine Vermieterin die Miete für die Praxis erlassen, wofür ich sehr dankbar bin.

Meine Eltern und meine beiden Brüder leben in Italien. Dort ist alles noch viel schlimmer und die Regeln viel restriktiver. Ich hoffe sehr, dass die Schweiz dieses Virus nicht auf die leichte Schulter nimmt. Das ist eine grosse Sache: Wir sind in einem Krieg und können einfach nur warten.

Aufgezeichnet von Janick Wetterwald

Zur Person: Samuele Fenu ist 40 Jahre alt und wohnt zusammen mit seiner Frau in der Stadt Luzern. Fenu betreibt seit 2016 als Selbständiger eine Massagepraxis in der Stadt.


Werner Ottiger (57), Weltumsegler aus Rothenburg

Am 29. Dezember 2019 habe ich mir meinen langjährigen Traum, mit dem Segelboot auf Weltreise zu gehen, endlich erfüllt. Mit drei Bekannten startete ich von Portugal aus über den Atlantik. Mittlerweile bin ich in der Karibik angelangt, wo ich bis Ende Mai von Insel zu Insel segeln wollte. Danach war der Plan, das Boot in Curacao auszuwassern, weil es dann hier wegen der Hurrikan-Saison ziemlich ungemütlich wird. Die Coronapandemie hat mir aber einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht: Ich sitze am Pointe-a-Pitre in Guadeloupe fest.

Werner Ottiger sitzt mit seinem Segelboot in der Karibik fest – und kann der Situation dennoch viel Positives abgewinnen.

Werner Ottiger sitzt mit seinem Segelboot in der Karibik fest – und kann der Situation dennoch viel Positives abgewinnen.

Bild: PD

Da die Insel zu Frankreich gehört, gelten auch hier die strengen Ausgangsbeschränkungen unseres Nachbarlandes. So darf ich das Boot nur noch zum Einkaufen verlassen. Kontrolliert wird durch die Polizei mit Patrouillen per Boot und aus der Luft. Ähnlich wie in Italien gibt es auch hier ein Ritual zur Coronakrise: Jeweils um 20 Uhr werden die Bootsirenen gehupt.

Viele Segler werden mit Blick auf die Hurrikan-Saison langsam nervös. Hier zu bleiben ist keine gute Option. Und wenn wir nicht zu Hurrikan-sicheren Inseln wie etwa die Inselgruppen Aruba, Bonaire und Curaçao segeln können, bleibt die Rückreise nach Europa. Es hat sich deshalb auch eine Whatsapp-Gruppe gebildet. Da die Crew für die Atlantiküberquerung zurzeit nicht eingeflogen werden kann, machen sich viele Sorgen, dass sie ihr Boot hier lassen müssen. Denn alleine sind drei bis vier Wochen auf hoher See sehr hart. Wirklich Sorgen mache ich mir trotz allem nicht. Ich nehme es wie es kommt und hoffe, dass ich im Sommer meine Familie wiedersehe.

Zurzeit kann ich der Situation viel Positives abgewinnen. Ich kann Reparaturarbeiten an meinem Segelboot erledigen, die ich bisher aufgeschoben habe und es ist spannend auf diese Weise Kontakte zu anderen Seglern aufzubauen. So trifft man sich immer wieder beim lokalen W-lan Hotspot, natürlich mit gebührendem Abstand. Ausserdem ist es einfach, bei warmer Karibik-Sonne im Gesicht das Positive zu sehen.

Aufgezeichnet von Jessica Bamford

Zur Person: Werner Ottiger (57) war bis zu seiner Frühpension im vergangenen Sommer Elektroingenieur und Mitglied der Geschäftsleitung seines Betriebs. Seither reiste er von Deutschland aus der Europäischen Küste nach bis nach Portugal und segelte während mehreren Monaten im Mittelmeer, bevor er zur Atlantiküberquerung aufbrach.

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