Obwaldner Spitzenkoch hat in China 150 Mitarbeiter in die Ferien geschickt

Marco Mehr arbeitet in Schanghai – wegen des Corona-Virus derzeit eine Geisterstadt. An eine Heimkehr denkt der 33-Jährige trotzdem nicht.

Christian Glaus
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Seit Januar sorgt der bisher unbekannte Erreger weltweit für Aufregung. Inzwischen ist das Virus mit all seinen Nebenwirkungen auch in der Schweiz angekommen. Seinen Ursprung hat das Corona-Virus in China, wo Zehntausende Menschen mit dem Virus infiziert sind. In diesem Land wohnt und arbeitet der Obwaldner Spitzenkoch Marco Mehr. Der 33-Jährige ist Executive Chef im Hotel Park Hyatt in der Megametropole Schanghai mit rund 24 Millionen Einwohnern.

Marco Mehr in der leer gefegten Küche des 100 Century Avenue Restaurant im Park Hyatt Hotel in Schanghai.

Marco Mehr in der leer gefegten Küche des 100 Century Avenue Restaurant im Park Hyatt Hotel in Schanghai.

Bild: PD

Normalerweise wuselt es auf den Strassen von Schanghai wie in einem Ameisenhaufen. 24 Stunden am Tag herrscht Betrieb, wirklich ruhig wird es nie. Mit einer Ausnahme: Wenn das Corona-Virus das Leben lahmlegt. «In den letzten paar Wochen hatte ich das Gefühl, in einer Geisterstadt zu leben.» Mehr erzählt von Freunden, die das Haus fast einen Monat lang nicht mehr verlassen haben. Er selber bewegt sich zwischen seiner Wohnung und dem Hotel. Zur Fortbewegung nutzt er das Taxi. «Da hat man relativ wenig Kontakt mit anderen Menschen.» Langsam kehre etwas Leben zurück in die Stadt, erzählt der Obwaldner. In der «schlimmsten Phase» habe er im Hotel gelebt und sich nur noch zwischen seinem Zimmer und dem Arbeitsplatz bewegt.

Marco Mehr in der Strasse vor seinem Appartement, wo man «normalerweise Schanghais Plus fühlt».

Marco Mehr in der Strasse vor seinem Appartement, wo man «normalerweise Schanghais Plus fühlt».

Bild: PD

Apropos Arbeitsplatz: Auch dort ist nichts, wie es einmal war. Das Luxushotel Park Hyatt verfügt über 170 Zimmer und sieben Restaurants. 155 Köche verköstigen die Gäste. Normalerweise. «Aktuell bin ich noch zusammen mit vier weiteren Köchen am Arbeiten», erzählt Marco Mehr. Die restlichen 150 Köche bauen Überstunden ab oder wurden in die Ferien geschickt, weil es schlicht nichts zu tun gibt. Nur die Lounge ist geöffnet, alle anderen Restaurants sind zu. Kein Wunder, wenn pro Tag nur drei bis fünf Gäste im Hotel sind. «Das fühlt sich schon komisch an. In unserem Hotel herrscht sonst während 365 Tagen Hochbetrieb. Inzwischen ist alles wie ausgestorben.»

Alle 20 Minuten geht es zum kollektiven Händewaschen

Das Hotel hat wegen des Virus spezielle Schutzmassnahmen getroffen, die auch für die Mitarbeiter gelten. Masken und Handschuhe sind während der Arbeit «ein absolutes Muss». Rund um die Uhr ist ein Hygiene-Team unterwegs, das reinigt und desinfiziert. Und: «Küchenchefs müssen alle 20 Minuten ihre Teams zum kollektiven Händewaschen auffordern.» Auch auf den Etagen ist nichts mehr, wie es einmal war: Ein Stockwerk wurde in eine Isolationsebene umgerüstet. Ganz neu gibt es zudem separate Etagen für Gäste aus Japan und Korea, weil dort das Corona-Virus nun auch grassiert. Die Gäste aus diesen beiden Ländern dürfen zudem auf Anweisung der chinesischen Regierung nur den Zimmerservice beanspruchen. Die Lounge ist für sie gesperrt.

Marco Mehr ist erst seit dem 23. Januar wieder in Schanghai. Zuvor hat er über die Festtage seine Familie im Kanton Obwalden besucht. Erst zwei Tage vor seinem Abflug habe er vom Corona-Virus gehört. Danach sei die Entwicklung fast schon dramatisch gewesen. «Am 23. Januar zeigte sich bei der Arbeit, dass alles zusammenbricht. Reihenweise wurden Reservationen storniert. In nur vier Tagen ging es von 100 runter auf 0.» Ähnlich schnell sei das öffentliche Leben in der Millionenmetropole stillgestanden. Der Koch nimmt die Situation «sehr ernst», wie er sagt. «Trotzdem will ich nicht überreagieren. Es sieht immer noch so aus, dass mehr Menschen durch die saisonale Grippe sterben als durch das Corona-Virus.» Die aktuellsten Informationen über den Erreger und die Lage im Land bezieht er vom Manager für General Affairs des Hotels. Dieser stehe in direktem Kontakt zur Regierung. «Ich höre auf ihn, nicht auf die Medien, die teilweise auch Falschinformationen verbreiten. Sonst macht man sich noch verrückt.» Die Ausreise aus Asien ist für den Spitzenkoch kein Thema, er scheint zu sehr an seinem Job zu hängen. Auch seine Verwandten würden diese Haltung unterstützen. Bisher habe in niemand zu überreden versucht, in die Schweiz zurückzukehren.

Wie lange der Ausnahmezustand in Schanghai und im Luxushotel noch anhält, lässt sich nicht abschätzen. Marco Mehr rechnet damit, dass bis Anfang April maximal ein zusätzliches Restaurant im Hotel geöffnet wird. «Jetzt muss man halt einfach die Situation beobachten und das Beste daraus machen.» Für Mehr bedeutet dies: einen Aktionsplan um den anderen erstellen. Denn der Besitzer des Luxushotels will ganz genau wissen, was im Hotel läuft und wie in dieser misslichen Lage Geld eingespart werden kann. Ihm werde nicht langweilig, sagt Mehr. Auch ohne Gäste gibt es genug zu tun: «In den ersten paar Wochen nach Ausbruch des Corona-Virus haben wir alles abgestellt und geputzt. Auch die Kühler wurden abgestellt.» Nun prüft er verschiedene Szenarien für seine Mitarbeiter. Dazu gehören ein Zwangsurlaub (bezahlt oder unbezahlt) sowie Weiterbildungen. «Für Köche gibt es hier in China keine Ausbildung. Wir möchten die Möglichkeit nun nutzen, sie zu schulen und Standards wieder aufzufrischen.» Besonders wichtig ist Marco Mehr aber folgende Aussage: «Es wird sicher niemand entlassen.»