Das Fischerparadies in Lungern – Plausch oder Plage?

Die Forellenfischerei zieht jedes Jahr Tausende Hobbyfischer an den Lungerersee. Doch gegen die «fremden» Forellen wird auch Kritik laut. Es ist nicht leicht herauszufinden, wie sich die Fische tatsächlich auf die Umwelt auswirken.

Franziska Herger
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Diese Erdkröte landete auf ihrer Wanderung zum Lungerersee in einem Eimer der Gemeinde und wurde mit ihren Artgenossen gezählt. (Bild: Nadja Schärli, 18. April 2019)

Diese Erdkröte landete auf ihrer Wanderung zum Lungerersee in einem Eimer der Gemeinde und wurde mit ihren Artgenossen gezählt. (Bild: Nadja Schärli, 18. April 2019)

Seit acht Jahren warten im «Fischerparadies Lungern» jährlich rund 30 Tonnen ausgesetzte Regenbogenforellen auf Hobbyfischer. Ein voller Erfolg: Die Patentverkäufe nahmen von anfangs 160 Jahres- und 4300 Tagespatenten auf über 800 Jahres- und rund 16 400 Tagespatente im Jahr 2018 zu. «Rund 50 Prozent der Forellen, zu deren Fang die Fischer nach Patent berechtigt wären, ziehen sie bei uns auch aus dem See», sagt Willy Walker, Fischereiverantwortlicher der Lungerersee AG, die das «Paradies» betreibt. «So eine gute Quote spricht sich herum.»

Doch bei der Gründung war das Projekt umstritten. Der Lungerersee ist ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung. Umweltorganisationen fürchteten einen zu starken Eingriff ins Ökosystem durch die aus Nordamerika stammenden Regenbogenforellen. Auch heute gibt es Gegner. «Die Forellen fressen den Laich der geschützten Erdkröten am See», sagt Joe Vogler, Seeanwohner und Lungerer CSP-Kantonsrat. «Ein Tier, das so schnell wächst, muss schlichtweg alles fressen, was es irgendwie erhaschen kann. Wer behauptet, das sei nicht so, der will die Zusammenhänge nicht sehen.»

Forellenmägen werden ohne Aufsicht untersucht

Genau das behauptet nicht nur der Kanton, sondern auch der Bund. Der Kanton, der 2010 der Gemeinde die Teilnutzung des Sees für die Fischerei übertrug und nach wie vor die Oberaufsicht hat, zog 2018 eine positive Bilanz: Trotz intensiver Bewirtschaftung seien keine wesentlichen Beeinträchtigungen der einheimischen Pflanzen- und Tierwelt bekannt, schrieb das Amt für Umwelt.

Und das Bundesamt für Umwelt, das den Einsatz der Regenbogenforelle als landesfremde Fischart absegnen muss, hat deren Einsatz 2018 für weitere fünf Jahre bewilligt. Regelmässige Magenanalysen gefangener Regenbogenforellen hätten gezeigt, dass die Fische keine unter Schutz stehenden Amphibien frässen, steht im Rechenschaftsbericht der Regierung.

Die Analysen jedoch werden von der Lungerersee AG durchgeführt – ohne Aufsicht, wie Alain Schmutz, Leiter der Abteilung Umwelt, auf Anfrage sagt. Während bei anfänglichen Untersuchungen des Mageninhalts von Forellen noch der Fischereiaufseher dabei war, geschehe dies aus Zeitgründen jetzt nicht mehr. «Das ist für uns eine Frage des Vertrauens», sagt Alain Schmutz.

«Wenn jemand anderes die Analyse machen will, bin ich sofort bereit, das abzugeben», betont Walker. «Die Forellen mögen keine Kaulquappen, das können Sie jeden Fischer fragen.» Ähnliches schreibt auch die Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch) auf ihrer Website über Erdkröten: «Eier, Larven und Adulte scheinen bei den Fischen aus geschmacklichen Gründen nicht beliebt zu sein.»

Die Zahl der Erdkröten schwankt über die Jahre

Wie also geht es der Erdkrötenpopulation am See? Beim Kanton sind keine Zahlen erhältlich. Zwar wurden kürzlich – wie jedes Jahr – die Amphibien gezählt, die während der Krötenwanderung vom Winterquartier zum See in den von der Gemeinde in Bürglen aufgestellten Eimern landen. Doch diese Zahlen seien wegen der unvollständigen Zählreihen und des kleinen Perimeters für den Bestand nicht aussagekräftig, sagt Heidi Budmiger, Umweltingenieurin beim Amt für Wald und Landschaft. Die Zahlen schwankten über die Jahre, ergänzt Maria Jakober, Vertreterin der Karch für Obwalden. «Aber es ist bekannt, dass Amphibienvorkommen von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich sein können.» Eine Bestandesaufnahme des gesamten Laichgebiets sei anspruchsvoll und erachte man derzeit nicht als nötig, so Budmiger.

Kormorane fressen den Fischern den Fisch weg

Doch Joe Vogler sieht noch andere Tierarten gefährdet. «Seit die Forellen hier sind, hat es plötzlich auch Silbermöwen. Die sind so gross wie ein Mäusebussard und fressen auch junge Entchen.» Er habe selber beobachtet, wie eine Entenfamilie von neun auf sieben und zuletzt auf ein Junges geschrumpft sei. Auch die Kormorane seien erst mit den Forellen nach Lungern gekommen. «Jetzt blasen die Jäger zum Halali gegen diesen imposanten Vogel.»

Wildhüter Eugen Gasser stimmt zu, dass es seit Einführung der Fischerei mehr Kormorane am See habe. Willy Walker bestätigt, dass die Lungerersee AG Jägern eine Munitionsentschädigung von 10 Franken pro abgeschossenem Kormoran bezahlt – weil die Vögel den Fischern Konkurrenz machen. «Im Jahr fressen uns die Kormorane 2 bis 3 Tonnen Fisch weg. Das ist ein Schaden von bis zu 27 000 Franken.» Pro Saison würden etwa 30 Vögel geschossen.

Silbermöwen kämen wohl auch ohne Forellen

Was die Silbermöwen angeht, so höre man von verschiedenen Fischern, dass deren Zahl an ihren Seen zunehme, sagt Philip Dermond von der Fischereiberatungsstelle Fiber. «Man weiss, dass viele Beutetiere Räuber anlocken können. Die Grösse der Besatzfische am Lungerersee übersteigt aber das übliche Beuteschema der Silbermöwe. Ein solcher Zusammenhang am Lungerersee ist also nicht eindeutig.» Dass Möwen Entchen frässen, höre man auch vom Vierwaldstättersee, wissenschaftliche Studien dazu seien ihm aber nicht bekannt. Eine gewisse Regulation der Entenbestände sei natürlich und problemlos, ergänzt Wildhüter Gasser. «Am Lungerersee hat es ein Bodenbrüter wie die Ente aber schwer, Junge aufzuziehen. Dies vor allem wegen der Absenkung des Sees im Winter, aber auch wegen der Nutzung durch Touristen und Fischer.»

Weniger Wasservögel seit Beginn der Fischerei

Hier macht Joe Vogler einen weiteren Missstand aus: «Ich bin in Lungern seit über 30 Jahren bei der europäischen Wasservogelzählung dabei. Die Zahl der überwinternden Vögel nimmt markant ab. Sie werden durch die Fischer verscheucht.» Daten der Vogelwarte Sempach zeigen, dass seit dem Start der Fischerei weniger Blässhühner am Lungerersee gezählt wurden, seit 2014 auch weniger Stockenten und Haubentaucher, und dass die Zahl der Wasservögel allgemein abnimmt.

Auch ihm sei aufgefallen, dass es in den letzten Jahren weniger Wasservögel habe, meint Eugen Gasser. Schwankungen könne es immer geben, sagt Stefan Werner von der Vogelwarte, vor allem auf so kleinräumigem Gebiet und wenn die Vögel wie in Lungern nur zweimal im Jahr gezählt werden. Neben ökologischen Veränderungen könnten auch Fischerboote – im Fischerparadies wurden 2018 über 2000 Bootsmieten verzeichnet – negativen Einfluss auf Wasservögel haben, «besonders in einem kleinen Gewässer mit wenig Rückzugsraum». Die Frage, wie genau sich die Regenbogenforellen auswirken, kann also nur schwer schlüssig beantwortet werden. Joe Vogler bleibt dabei:

«Die Lungerer haben den See verkauft.»

Das fänden auch andere in der Gemeinde. «Aber niemand will etwas sagen. Warum betreibt man das Fischerparadies nicht wenigstens mit einheimischen Fischen?»

Willy Walker spricht sich vehement für das «Paradies» aus: «Wir brauchen Gewässer wie den Lungerersee für die Hobbyfischer.» Der See sei durch die winterliche Absenkung kein wertvolles Gewässer für seltene und geschützte Fische, anders als natürliche Fliessgewässer wie Sarneraa oder Melchaa. «Diese werden durch das Fischerparadies entlastet.»

Die Fischerei bringt dem Dorf Bekanntheit und Einnahmen durch Konsumationen der Besucher. Die Gemeinde hat die Aktienmehrheit an der Lungerersee AG. Seit drei Jahren erhält sie Dividenden, jedoch nur 3000 Franken im Jahr – und kämpft mit Parkplatzproblemen. Dazu laufe ein Projekt, sagt Gemeinderat Daniel Ming, Vertreter der Gemeinde im Verwaltungsrat der AG. Es sei wegen beschränkten Platzes aber schwer zu lösen.