Interview

CEO Norbert Patt erklärt, weshalb die Titlis-Bahnen nochmals Gäste ins Skigebiet liessen: «Der Bund hat unklar kommuniziert»

Am Titlis waren am Samstag trotz Verbot aus Bern nochmals rund 4000 Skifahrer unterwegs. Nun stehen die Bahnen komplett still. CEO Norbert Patt erklärt, weshalb die Titlis-Bahnen nochmals Gäste ins Skigebiet liessen – und was die Einstellung des Betriebs bedeutet.

Christian Glaus
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Das Skigebiet Engelberg-Titlis war am Samstag normal geöffnet. Der Bundesrat hat jedoch wegen des Corona-Virus die Schliessung aller Skigebiete verordnet.

Das Skigebiet Engelberg-Titlis war am Samstag normal geöffnet. Der Bundesrat hat jedoch wegen des Corona-Virus die Schliessung aller Skigebiete verordnet. 

Bild: Keystone/Urs Flüeler (14. März 2020)

Am Samstagabend um 17 Uhr war Schluss: Die Titlis-Bahnen haben die Skisaison beendet – so früh wie noch nie und auf Druck von Bundesrat Alain Berset. Als eines der wenigen Skigebiete war der Titlis am Samstag noch geöffnet. Berset bezeichnete dies am Radio nach den Einschränkungen, die der Bund am Freitag wegen des Corona-Virus verordnet hatte, als illegal. Gegenüber unserer Zeitung erklärt Norbert Patt, CEO der Titlis-Bahnen, weshalb sein Unternehmen noch geöffnet war – und was die Einstellung des Betriebs für die Titlis-Bahnen bedeutet.

Am Samstag war der letzte Skitag am Titlis. Wie war die Stimmung?

Norbert Patt, CEO der Titlis-Bahnen.

Norbert Patt, CEO der Titlis-Bahnen.

Bild: PD

Norbert Patt: Ich war heute selber nochmals auf den Skis. Die Stimmung unter den Skifahrern war sehr speziell. Einerseits waren sie froh, nochmals fahren zu können. Andererseits waren sie traurig, dass die Saison nun vorbei ist. Es waren trotz des durchzogenen Wetters nochmals viele Leute unterwegs, schätzungsweise 4000 Personen. Das sind etwa 25 Prozent weniger als an einem normalen Wochenende.

Und wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern?

Getrieben vom Einbruch des internationalen Geschäfts waren wir schon lange daran, Szenarien für einen Minimalbetrieb zu erarbeiten. Deshalb wurden wir nicht komplett überrascht. Aber man muss sich das schon vorstellen: Normalerweise herrscht im April, Mai und Juni Hochbetrieb. Dass der Betrieb zusammengefahren wird, war uns klar. Doch nun herrscht kompletter Stillstand. Das hat schon sehr viele Mitarbeiter verängstigt, was ja verständlich ist.

Weshalb haben Sie die Anlagen trotz des Verbots durch den Bundesrat am Samstag nochmals geöffnet?

Das war eine schwierige Situation, der Bund hat unklar kommuniziert. Wir hatten am Freitag eine Verwaltungsratssitzung, an der auch zwei Juristen teilnahmen. In der Verordnung des Bundesrats heisst es klar, dass ein Skibetrieb möglich ist. Schliesslich ist ein Skibetrieb keine Veranstaltung, zudem unterstehen wir dem Bundesamt für Verkehr und sind somit ein Verkehrsbetrieb. Wir haben uns an die Verordnung gehalten, Bundesrat Berset hat dann aber etwas anderes gesagt, nämlich, dass auch der Skibetrieb eingestellt werden muss.

Also war das bloss ein Missverständnis? Oder haben Sie doch vor allem aus wirtschaftlichen Gründen nochmals geöffnet?

Der Treiber war nicht das Geld, sondern das Aufrechterhalten des touristischen Angebots. In unserer Agenda haben wir 365 Tage Betrieb, das wollten wir aufrecht erhalten. Ob sich der heutige Tag aus finanzieller Sicht gelohnt hat, weiss ich nicht. Das spielt aber auch keine grosse Rolle.

Das Corona-Virus verbreitet sich schnell. Ist es da nicht verantwortungslos, 4000 Gäste ins Skigebiet zu lassen?

Wir denken das wichtigste ist «social distancing» und dies ist bei einem Skibetrieb gegeben. Selbstverständlich muss alles getan werden, um die Bevölkerung zu schützen, dass der Fokus jetzt auf einer Beschäftigung in der freien Natur ist, ist aus unserer Sicht fragwürdig.

Rechnen Sie nun mit einer Busse?

Eine Busse wäre noch das kleinste Problem. Im Moment haben wir ganz andere Sorgen. Aus unserer Sicht war die Verordnung klar, wir haben sie nicht verletzt. Inzwischen wurde sie präzisiert, so dass nun für alle Klarheit herrscht. 

Sie sagten es: Normalerweise herrscht am Titlis 365 Tage Betrieb. Was bedeutet die Einstellung nun für Ihr Unternehmen und für Engelberg?

So eine Situation hatten wir noch nie. Wir müssen jetzt Massnahmen erarbeiten für unser Unternehmen, das Dorf und die Hotelbetriebe. Es kommen ja auch keine internationalen Gäste mehr. Bei uns arbeiten rund 450 Personen, darunter sind relativ viele Jahresangestellte, aber auch Saisonniers. Wir müssen nun mit jedem Mitarbeiter individuell schauen, wie es weiter geht. Da kommen bei den Angestellten natürlich ganz schnell existenzielle Ängste auf. Unsere Aufgabe ist es, den Betrieb geordnet herunterzufahren und unseren Verpflichtungen – etwa Lohnzahlungen – weiterhin nachzukommen. Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung haben die Rahmenbedingungen dafür festgelegt, das heisst, jeder Mitarbeiter kann diesbezüglich beruhigt sein.

Werden Sie Kurzarbeit beantragen?

Ja, wir werden ein Gesuch stellen für Kurzarbeit. Die Situation präsentiert sich aber ganz anders als noch am Freitag. Deshalb müssen wir die Details zuerst noch an unserer nächsten Geschäftsleitungssitzung klären.

Kurzarbeit gab es bei den Titlis-Bahnen noch nie. Aber wenn der Bund unseren Betrieb schliesst, haben wir keine andere Wahl mehr.

Ausserdem fallen mit der Betriebsschliessung noch weitere betriebliche Kosten an.

Auf dem Titlis kann man fast bis im Sommer Skifahren. Besteht noch Hoffnung, dass Sie den Skibetrieb wieder aufnehmen?

Geplant war, dass die Anlagen auf dem Titlis bis am 24. Mai und dann ab Oktober wieder offen sind. Nun ist der Betrieb bis im April eingestellt, wie es danach weiter geht, wissen wir nicht. Klar ist aber: Nur im Mai zu öffnen, macht wenig Sinn.

Wenig Schnee und nun auch noch die Betriebseinstellung wegen des Corona-Virus. Mit welchen Einbussen rechnen Sie?

Prognosen sind zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich, wir denken jetzt in Szenarien. Die kommenden Monate April bis Juli ist normalerweise unsere umsatzstärkste Zeit und wie gross die Umsatzeinbussen sein werden, hängt hauptsächlich davon ab, ab wann wieder Normalbetrieb sein wird. Wir rechnen damit, dass sich die angespannte Situation bis in den Herbst hineinzieht.

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