Wie der Steinbock am Brisen heimisch wurde

Was vor 50 Jahren mit zwei Paaren begann, hat sich zu einer stattlichen Steinbock-Kolonie am Brisen entwickelt. Für den ehemaligen Wildhüter Hans Hug bleibt die Ansiedlung des Stanser Wappentieres bis heute eine Herzensangelegenheit.

Beat Christen
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Der damalige Wildhüter Hans Hug mit einem narkotisierten Steinbock am Pilatus. (Bild: Archiv Hans Hug)

Der damalige Wildhüter Hans Hug mit einem narkotisierten Steinbock am Pilatus. (Bild: Archiv Hans Hug)

Erzählt Hans Hug von der Wiederansiedlung des Steinbocks im Kanton Nidwalden, leuchten nicht nur die Augen des langjährigen Nidwaldner Wildhüters. Seine Erzählungen sind so lebhaft, als wäre er erst gestern bei der Wiederansiedlung des Steinwildes im Kanton Nidwalden dabei gewesen. «Es war ein erhabener Moment», erinnert sich der heute 84-Jährige. Je zwei zuvor am Piz Albris im Kanton Graubünden eingefangene Geissen und Böcke wurden vom Bündner Wildhüter Otto Rauch persönlich nach Nidwalden transportiert.

«Am 23. Juni 1969 konnten die vier starken Tiere im Gebiet Merliegg zwischen dem Niederbauen und Oberbauenstock auf 1650 Meter über Meer freigelassen werden.» Die Kosten von 4000 Franken für die Wiederansiedlung des Steinwildes im Kanton Nidwalden hatte Hans Hug bei Naturfreunden, weiteren Gönnern sowie einem Beitrag aus der Bundeskasse selber zusammengetragen.

Aller Anfang ist schwer

Dass sich die kleine Steinwildkolonie nur zaghaft entwickelte, war ein kleiner Dämpfer in der ganzen Euphorie. Eine der ausgesetzten Steingeissen verschwand nur wenige Tage nach der Freilassung und ebenso spurlos verschwand ein Bock ein Jahr später. Sich entmutigen lassen oder gar aufgeben, das sind Eigenschaften, die dem langjährigen ehemaligen Nidwaldner Wildhüter nicht liegen. «Da die 1961 am Pilatus gegründete Steinwildkolonie gross genug war, konnten wir dort Steinwild einfangen und im Gebiet Oberbauenstock-Brisen aussetzen und so der jungen Kolonie nachhelfen.»

In der Zeit von 1977 bis 1986 wurden am Pilatus weitere 19 Stück Steinwild zwecks Vergrösserung bei der Kolonie Brisen eingefangen. Die Übersiedlung der mit einem Narkosegewehr betäubten Tiere erfolgte vom Pilatus zu den Aussiedlungsgebieten Obermattsboden am Oberbauen sowie Alp Stock am Brisen und Urnerstafel auf Bannalp stressfrei mit einem Helikopter der Armee. «Der Lebensraum scheint dem Steinwild im Grenzgebiet von Uri und Nidwalden am Brisen zu passen», so die Feststellung von Hans Hug. Und er liefert die Begründung gleich nach: «Immerhin leben heute in dieser Kolonie rund 270 Tiere.» Und dies, obwohl im Rahmen von Regulationsabschüssen zirka 100 Tiere erlegt worden sind oder auf natürliche Art gestorben sind.

Faszination Steinwild

Auch Jahre nach seiner Pensionierung kann sich Hans Hug der Faszination dieser Tiere nicht entziehen. Für den Stanser gibt es kein präsentableres, kapitaleres und vor allem auch trittsicheres Wild als der Steinbock. «Seine Sprungkraft ist gewaltig und wie er auch im Hochwinter auf den höchsten Graten überleben kann, hat mich seit jeher fasziniert.»

Einen Teil dieser Faszination versucht Hans Hug weiterzugeben. Ab und zu trifft man ihn auch in diesem Jahr wieder am Pilatus an, wo er Interessierte im Rahmen der von den Pilatus-Bahnen angebotenen Steinbock-Safari die Lebensweise dieses prächtigen Wildtieres näherbringt. Es sei immer wieder speziell, mitzuerleben, wenn der Berg am Abend und am frühen Morgen ganz den Tieren gehört. Trotz seiner jahrzehntelangen Beobachtungen spricht Hans Hug von einem magischen Moment, «wenn man mit eigenen Augen mitverfolgen kann, wie wendig die Steinböcke auch im steilsten Gelände unterwegs sind».

Blutauffrischung «dringend nötig»

Obwohl sich das Steinwild im Grenzgebiet von Uri und Nidwalden aufhält, so ist der Bestandesaufbau dieser Kolonie eine reine Nidwaldner Angelegenheit geblieben. Die Wiederansiedlung des Stanser Wappentieres vor 50 Jahren – von Nidwaldnern und Bund bezahlt. Die Verlegung von Steinwild aus dem Pilatus-Gebiet zum Brisen – vom Kanton Nidwalden bezahlt. Dabei profitiert der Kanton Uri in einem hohen Mass von der Steinwildkolonie Brisen. Seit Jahren bezahlen die Urner Jäger für Steinwild-Hegeabschüsse beträchtliche Summen in die Staatskassen. «Es wäre schön, wenn sich auch der Kanton Uri an einer Blutauffrischung der Kolonie Brisen beteiligen würde.»

Eine Massnahme, die gemäss Hans Hug dringend nötig wäre. Denn die heute dort lebenden Tiere stammen alle entweder vom Piz Albris im Kanton Graubünden oder aus dem Gebiet Pilatus. Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er die schon seit geraumer Zeit angedachte Verlegung von Steinwild aus dem Mattertal im Kanton Wallis zum Brisen noch miterleben kann.

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