«Prager Frühling»: Erika Blöchlinger gab der Solidarität ein Gesicht

Die Schweiz stellte sich nach dem Ende des «Prager Frühlings» 1968 hinter die tschechische Bevölkerung. Im ganzen Land flatterten Wimpel mit der tschechischen Flagge. Hinter der Aktion stand Erika Blöchlinger aus Ennetbürgen.

Philipp Unterschütz
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Nach dem Ende des Prager Frühlings am 21. August 1968 rief Erika Blöchlinger aus Ennetbürgen (heute 89 Jahre alt) eine Aktion mit tschechischen Wimpeln ins Leben, um Geld für Flüchtlinge zu sammeln. Hier zeigt sie den letzten Wimpel, den sie aufbewahrt hat. (Bild: Philipp Unterschütz, Luzern, 20. August 2018)

Nach dem Ende des Prager Frühlings am 21. August 1968 rief Erika Blöchlinger aus Ennetbürgen (heute 89 Jahre alt) eine Aktion mit tschechischen Wimpeln ins Leben, um Geld für Flüchtlinge zu sammeln. Hier zeigt sie den letzten Wimpel, den sie aufbewahrt hat. (Bild: Philipp Unterschütz, Luzern, 20. August 2018)

«Ich war wütend – schon wieder die Russen. Ungarn war doch noch gar nicht so lange her.» Erika Blöchlinger (89) erinnert sich noch gut an den Moment, als sie am Morgen des 21. August 1968 die Nachricht über den Einmarsch in der Tschechoslowakei am Radio hörte. «Natürlich hatten wir den ‹Prager Frühling› mitverfolgt. Dass die Russen die Panzer auffahren liessen, kam für uns überraschend.»

Eigentlich wäre für die damals 39-Jährige einiges an Arbeit angestanden in der Arztpraxis ihres Mannes, des späteren, langjährigen FDP-Regierungsrates Kurt Blöchlinger. «Das packte mich emotional derart, dass ich alles stehen und liegen liess. Ich rief die tschechische Botschaft an und fragte, ob sie mir eine Landesflagge schicken könnten.» Diese traf per Express schon am folgenden Tag ein, Erika Blöchlinger hisste sie im Garten des Hauses in Ennetbürgen auf halbmast. «Aber ich wollte etwas machen, was länger währte – etwas Nachhaltigeres.» So entstand die Idee mit den tschechischen Wimpeln, welche die ganze Schweiz wie eine Welle überrollte. Landauf, landab waren sie ab Herbst 1968 zu sehen: an Autos, Velos, Balkonen, Taschen – einfach überall.

Luzerner Stadtpräsident übernahm das Patronat

«Fahnen waren für mich immer sehr wichtig – sie sind das Symbol für Freiheit», erklärt Erika Blöchlinger, auf deren Balkon an ihrem Domizil in Luzern drei Schweizer Fahnen im Wind wehen. In einer Fahnenfabrik liess sie 200 tschechische Wimpel anfertigen, um mit deren Verkauf Geld für die Flüchtlinge zu sammeln. «Mein Mann scherzte, ‹wir verlumpen noch wegen dir›».

Erika Blöchlinger hat diverse Zeitungsartikel zum «Prager Frühling» und ihrer Unterstützung aufbewahrt. (Bild: Philipp Unterschütz, Luzern, 20. August 2018)
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Hinter ihr ist ein Porträt ihres verstorbenen Ehemannes und früheren Nidwaldner Regierungsrats Kurt Blöchlinger zu sehen. (Bild: Philipp Unterschütz, Luzern, 20. August 2018)
Ein Beitrag aus der LNN. (Bild: Philipp Unterschütz, Luzern, 20. August 2018)
Hier ist Erika Blöchlinger im «Blick» vom 31. August 1968 zu sehen. (Bild: Philipp Unterschütz, Luzern, 20. August 2018)
Ein weiterer Beitrag aus dem «Blick». (Bild: Philipp Unterschütz, Luzern, 20. August 2018)

Erika Blöchlinger hat diverse Zeitungsartikel zum «Prager Frühling» und ihrer Unterstützung aufbewahrt. (Bild: Philipp Unterschütz, Luzern, 20. August 2018)

Als nach einem Anruf von Erika Blöchlinger Radio Beromünster und darauf auch alle grossen Zeitungen berichteten, dass eine Frau in Ennetbürgen tschechische Wimpel verkaufe, ging es los. Das Telefon läutete und läutete, die Anrufer rissen sich um die Wimpel. «Ich brauchte dringend Unterstützung, also rief ich kurzerhand den Luzerner Stadtpräsidenten Hans Rudolf Meyer an und fragte, ob er die Patenschaft übernehmen würde.» Meyer fand die Idee toll und stellte Angestellte der Stadt als Helfer zur Verfügung. Gemeinsam wurde beschlossen, die Wimpel für drei Franken zu verkaufen. 1.80 Franken betrugen die Herstellungskosten, 1.20 Franken gingen an die Zentralstelle für Flüchtlinge zur Unterstützung der tschechischen Flüchtlinge.

«Ein Fieber, wie man es heute nicht mehr kennt»

«In zwei Monaten verkauften wir 100'000 Wimpel, es brauchte zwei Fahnenfabriken, um diese grosse Anzahl in so kurzer Zeit herstellen zu können», erzählt Erika Blöchlinger und zeigt die Bestellungen und Abrechnungen, die sie alle fein säuberlich in einem Ordner aufbewahrt hat – genauso wie den allerletzten Wimpel. Bestellt wurden mehrmals grössere Mengen von Läden wie Franz Carl Weber, Jelmoli, Loeb, auffällig vielen Drogerien, Autohändlern und -garagen oder Vereinen. Auch in der Region wurde der Verkauf rege unterstützt, im Ordner finden sich unter anderem Bestellungen der Trachtengruppe Buochs für 500 Stück, des Rabattvereins Stans (100) oder des Verkehrsbüros Engelberg (150). Und Erika Blöchlinger erinnert sich, dass auch der junge Christoph Blocher für eine Drittperson eine grössere Bestellung machte. Aus der Aktion resultierte schliesslich ein Reingewinn von 142'000 Franken zu Gunsten der Flüchtlinge.

«Es war ein Fieber, wie man es heute nicht mehr kennt, die Leute waren wie elektrisiert. Es gab keine einzige negative Reaktion», beschreibt Erika Blöchlinger die damalige Stimmung. Aus der Aktion ergaben sich auch etliche Beziehungen zu Tschechen, die dankbar für ihr Engagement waren und die teilweise bis heute andauern. «Wenn ich aber im Voraus gewusst hätte, welche Dimension und Dynamik die Aktion annehmen würde, hätte ich sie vielleicht nicht lanciert», sagt Erika Blöchlinger heute rückblickend. «Ich weiss nicht, ob ich den Mut gehabt hätte.»

Der «Prager Frühling» und die Schweiz

Als «Prager Frühling» gilt die Zeit im Frühjahr 1968, in der die tschechoslowakische Kommunistische Partei unter Alexander Dubček ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm durchsetzen wollte (siehe auch Ausgabe vom Samstag, 18. August). Die Sowjetunion wertete die Bemühungen als Konterrevolution - in der Nacht zum 21. August 1968 marschierten eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein und besetzten in wenigen Stunden alle wichtigen Positionen des Landes. Die Reformen wurden rückgängig gemacht, der «Prager Frühling» war damit beendet.

Wegen der Zerschlagung des «Prager Frühlings» verliessen Zehntausende die Tschechoslowakei. Fast 60'000 Personen blieben dauerhaft im Westen. In der Schweiz glichen die empörten, zornigen Reaktionen denen nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes. Es gab Protestaktionen vor der sowjetischen Botschaft in Bern, in zahlreichen Kundgebungen wurde der Abbruch der Beziehungen zur Sowjetunion verlangt. Die Schweizer Behörden reagierten schnell. Noch am Tag des Einmarsches teilte das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartment den Kantonen mit, dass Touristen aus der Tschechoslowakei auf Kosten des Bundes vorerst drei Monate in der Schweiz bleiben dürften. Es wurde auch angekündigt, dass Asylgesuche bewilligt würden. Wenige Tage später wurde die Regelung auch auf tschechische Einreisewillige an der Grenze ausgedehnt.

Die Schweizer Bevölkerung nahm die Flüchtlinge mit offenen Armen auf. Bis Ende 1970 kamen über 12'000 Tschechen in die Schweiz. Sie waren in Zeiten der damaligen Hochkonjunktur aus wirtschaftlichen Gründen willkommen. Die meisten verfügten über qualifizierte Ausbildungen, 56 Prozent hatten einen Hochschulabschluss, 26 Prozent eine abgeschlossene Berufslehre. Den meisten gelang die Integration rasch und reibungslos. (unp)