Zofingen
Das Heitere Open Air offenbart das Tanz-Manko der Menschheit

Der Rahmen war einwandfrei. Mit einem schmucken Programm an einem schönen Sonntag endet das sechstägige Festival im Wiggertal.

Roger Rüegger
Drucken
Teilen
Mindestens für das Publikum am Heitere Open Air war es ein Festivalerlebnis fast wie vor der Pandemie.

Mindestens für das Publikum am Heitere Open Air war es ein Festivalerlebnis fast wie vor der Pandemie.

Bild: Boris Bürgisser

Der Festplatz auf dem Heitere hat am Sonntag etwas vom Flair eines Biergartens. Lange vor dem Auftritt des Saint City Orchestras machen es sich viele Leute an den Festbänken unter dem Lindengeviert gemütlich. Ein Bierchen mit Wurst oder ein Weisswein zum Fondue-Dog bei prima sonnigem Wetter ist nicht verkehrt. Musik ertönt vorab erst aus den Lautsprechern der Captain Morgan Bar, wo DJ «The JD» wie immer auflegt.

Der Heitere-Sonntag ist gewöhnlich ein Familientag. Wenn die vielen jungen Festivalfans, die während fünf Tagen durchfeierten, ihre Zelte ausserhalb des Geländes abbrechen, finden im Gelände Kinder reichlich Platz, um sich auszutoben. Aber eben, dieses Jahr war alles kleiner und anders, kein Zeltplatz, Türöffnung am Sonntag erst um 16 Uhr und daher nicht das ideale Programm für Familien mit Kleinkindern.

Beim Heitere-Nachwuchs sind die Augen klein

Kein Grund für Alex Bellwald und Daniel Manzetti, um mit ihren Kindern Cilian (5) und Ronja (3) nicht gleichwohl aus Brittnau anzureisen. «Wir freuten uns aufs Essen, die Musik, und wieder einmal Leute zu sehen. Mit dem ganzen Coronamist war so etwas ja lange nicht möglich», sagt Alex und lässt ihre Kinder herumtollen. Der Heitere-Nachwuchs macht sich gut, auch wenn deren Augen gegen 18.30 Uhr bereits klein sind.

Derweil haben die Folk-Punker aus der Ostschweiz losgelegt. Vor der Bühne steigt eine flotte Party, die Menschheit hat ein Tanz-Manko, klare Sache. Am Sonntag sind es 2600 Musikfans, die den Zofinger Hausberg bestiegen haben beziehungsweise in einen Shuttlebus gestiegen sind. Darunter auch einige, die man an ihrem Outfit sofort als Stammgäste erkennt.

Hopp de Bäse! Während des Konzerts von Saint City Orchestra geht's ab im Publikum.

Hopp de Bäse! Während des Konzerts von Saint City Orchestra geht's ab im Publikum.

Bild: Boris Bürgisser

«Weil es das Heitere ist!»

Wer je an einem Heitere war, bemerkte garantiert schon die jungen Männer in den Frottee-Bademänteln mit der Aufschrift «Zäutstadt Heitere». Der Verein wurde 1999 gegründet und ist jedes Jahr dabei. Ihr auffälliges Zelt ist stets unmittelbar vor dem Eingang platziert, wobei am Heitere etliche Gruppierungen mit bemerkenswerten Zeltbauten auffallen. Mättu aus Murgenthal im weissen Frotteemantel vermisst das Campieren auf dem Heitere zwar, aber dass er das Festival besuchen würde, stand fest. «Weil es das Heitere ist. Dabei spielt es keine Rolle, welche Bands spielen», betont der Mann, der am Montag in Dagmersellen bei der Arbeit erwartet wird.

Das sehen auch Norma und Toni so. Die Zofingerin und ihr Partner aus dem Laufental konnten es nicht erwarten, wieder Bands live zu erleben. «Ich habe es sooo vermisst. Das Heitere ist zwar kleiner als sonst, aber es ist ein Anfang, ein Schritt in die Normalität», sagen die beiden, die «Music is Life» auf ihren Unterarmen tätowiert haben.

Übers Wochenende 9100 Eintritte

Den letzten Festivaltag haben auch 220 Leute «on Air» miterlebt. Insgesamt zählten die Verantwortlichen von Freitag bis Sonntag 9100 Eintritte, in anderen Jahren waren es 36'000. Heitere-Chef Christoph Bill zieht denn auch eine ernüchternde Bilanz. «Als am Dienstag zum Festivalauftakt praktisch keine Leute vor der Türe standen, haben wir uns schon gefragt, was wir falsch gemacht haben», sagte er am Sonntagabend rückblickend, fügt dann aber hinzu:

«Es zeichnete sich ja anhand des Vorverkaufs ab, wie sich die Geschichte entwickeln würde. Natürlich sind wir ein Stück weit enttäuscht, allerdings habe ich auch viele Rückmeldungen von zum Teil fremden Leuten erhalten, die sich bedankt haben. Und die vielen glücklichen Gesichter auf dem Platz zeigen uns, dass wir wahrscheinlich gar nicht so viel falsch gemacht haben.»

Fakt sei, dass es nie zur Diskussion gestanden habe, gar nichts zu machen. «Ich glaube, wir würden wieder so handeln.»

Hoffentlich, denn auch die Künstler haben sich bis zuletzt mit Herzblut engagiert. Bukahara drücken als zweitletzte Band mächtig ab und Patent Ochsner, die den Schlusspunkt setzen, hatten das Publikum nach spätestens dem zweiten Stück im Sack – und schon tanzen sie wieder.

Rückblick auf sechs Tage Sound

Begonnen hat das Festival mit dem Super Tuesday. Dem Auftakt mit Stefanie Heinzmann, der Berliner Folkband Mighty Oaks und der Singer-Songwriterin Amy Macdonald wohnten nur 1500 Fans bei. Am Mittwoch liessen sich an der Magic Night etliche mehr bezaubern. Das Programm mit Flamenco-Pop der französischen Gipsy Kings, Rockmusik der österreichischen Band Opus, Angélique Kidjos Afro-Funk oder Blues des Schweizers Philipp Fankhauser zogen sich 2400 Leute rein.

Das Volksschlager am Donnerstag, das in den vergangenen Jahren oft ausverkauft war, genossen 2800 Fans – eine Enttäuschung für Organisator Rosario Galliker aus Beromünster, denn 6000 hätten heuer kommen dürfen. «Wir mussten damit rechnen, dass weniger Leute kommen als gewöhnlich. Aber es muss nun weitergehen, darum haben wir uns entschlossen, etwas zu machen.» Die anwesenden Männer und Frauen mussten sich am Mittwoch zu Beginn vor dem Regen schützen, das taten sie aber gut gelaunt und tanzend, Volksschlagerfans sind ein dankbares Publikum.

Am eigentlichen Heitere Open Air starteten die deutlich jüngeren Fans dann ansatzweise durch. Tom Gregory, Bausa und Nico Santos holten am Freitag 2000 Festivalbesucher aus der Reserve beziehungsweise unter die Linden. 190 hatten sich «on Air» zugeschaltet. Am Samstag waren 4500 vor Ort und 300 «on Air», die Baba Shrimps, Hecht und Kunz erleben und mit ihnen abfeiern wollten.