Sonderpädagogisches Brückenangebot sucht Kontakt zu Luzerner Betrieben: «Praktikumsplätze zu finden, ist kein Kinderspiel»

Dank des sonderpädagogischen Brückenangebots sollen Jugendliche mit einer leichten geistigen Behinderung den Sprung in die Berufswelt schaffen. Wie gut dies gelingt, hängt auch vom Goodwill der Firmen ab.

Interview: Evelyne Fischer
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Es ist quasi ein Trainingslager, das Schüler mit einer leichten geistigen Beeinträchtigung auf den Eintritt in die Berufswelt vorbereitet: das sonderpädagogische Brückenangebot (siehe Kasten am Ende des Textes). 2014 als Pilotprojekt gestartet, ist das Angebot laut Iria Gut, Rektorin der Heilpädagogischen Schule Luzern, mittlerweile nicht mehr von der heilpädagogischen Landschaft wegzudenken. Im Interview zieht Gut Bilanz und sagt, worauf sie besonders stolz ist.

Iria Gut,  Rektorin Heilpädagogische Schule Luzern

Iria Gut, 
Rektorin Heilpädagogische Schule Luzern

Das Brückenangebot soll Jugendlichen bessere Ausbildungschancen ermöglichen. Fünf Jahre nach Start: Wurden die Erwartungen erfüllt?

Ja, das wurden sie, obwohl es einen Start ins Ungewisse bedeutete. In fünf Jahren konnten insgesamt 42 Lernende in 17 Berufsrichtungen platziert werden, sowohl in geschützten Arbeitsplätzen als auch in der freien Wirtschaft. Dass alle eine Anschlusslösung gefunden haben, ist ein grosser Erfolg. Gestartet ist das Angebot in Zusammenarbeit mit der Stiftung Brändi.

Wie viele Absolventen konnten die Ausbildung im ersten Arbeitsmarkt absolvieren?

Sechs Lernende.

Im Schnitt besuchen acht bis zehn Schüler das sonderpädagogische Brückenangebot. Ein Klassenzug kostet rund 400'000 Franken. Stimmt hier die Kosten-Nutzen-Rechnung?

Vorausschicken muss man: Im heilpädagogischen Bereich sind kleine Klassen üblich. Auch ein Klassenzug an einer Sonderschule kostet rund 400'000 Franken. Das sonderpädagogische Brückenangebot ist ein nachobligatorisches Angebot, das sich an Jugendliche richtet, die noch keine Anschlusslösung gefunden haben, der Berufswahlprozess noch nicht abgeschlossen ist oder in ihrer Persönlichkeit noch unreif sind. In diesem Jahr gewinnen sie an Selbstvertrauen, können ihr Wissen fachspezifisch erweitern und zu jungen Erwachsenen werden. Daher, ja, die Kosten-Nutzen-Rechnung stimmt. Denn schaffen sie den Übertritt in die Berufswelt nicht, kostet das den Staat langfristig viel mehr.

Was hat sich in den letzten fünf Jahren verändert?

Die schulischen Fähigkeiten der Jugendlichen nehmen ab. Erstmals besuchen im Herbst Lernende das sonderpädagogische Brückenangebot ein zweites Jahr.

Was ist der Grund dafür?

Diese Entwicklung ist auf Veränderungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung zurückzuführen. Das Etikett «geistig behindert» wird mit grosser Zurückhaltung versehen.

Wird es also künftig schwieriger, Jugendliche im ersten Arbeitsmarkt zu platzieren?

Es ist für die beiden Lehrpersonen des Brückenangebots schon heute kein Kinderspiel, Praktikumsplätze zu finden. Dies hängt vor allem mit der allgemeinen Wirtschaftslage zusammen. Dennoch gelang es, das Netzwerk zu erweitern und Schnupperplätze in neuen Betrieben zu generieren. Wenn diese Beziehungen gepflegt werden, ist das Angebot auch in Zukunft gesichert.

Ein Brückenangebot in dieser Form gab es ausserhalb von Luzern noch nie. Hat es Schule gemacht?

In der Tat. Ganz ähnliche Projekte sind in den Kantonen Aargau und Zug entstanden. Einzigartig bleibt an unserem Brückenangebot, dass sich der Kanton und IV die Kosten teilen. Unsere Lehrpersonen konnten ihre Erfahrungen weitergeben. Das freut mich und macht mich auch stolz.

Dank dreier Praktika erste Arbeitserfahrung

Im Jahr 2014 wurde das sonderpädagogische Brückenangebot in Sursee lanciert, seit dem Schuljahr 2017 ist es in Luzern beheimatet. Es richtet sich an Jugendliche mit einer leichten geistigen Behinderung, die zuvor eine heilpädagogische Schule besucht haben oder integrativ in einer Regelklasse geschult wurden.

Ziel ist es, möglichst viele Absolventen des Brückenangebots in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Dafür sammeln die Jugendlichen in diesem zehnten Schuljahr mit drei Praktika Arbeitserfahrung und werden gleichzeitig schulisch gefördert. Die Kosten von 400'000 Franken pro Klassenzug teilen sich der Kanton Luzern und die Invalidenversicherung.

Elf Jugendliche feiern ihren Abschluss
Am Montag, 17.30 Uhr, feiern elf Absolventinnen und Absolventen des sonderpädagogischen Brückenangebots in der Aula beim Sälischulhaus in Luzern den Abschluss. Es sind dies: Alena Amrein, Gisikon; Ergjan Asani, Luzern; Bekim Berisha, Kriens; Christian Felber, Weggis; Belkisa Rexhepi, Root; Brenda Rijo Nunez, Luzern; Florian Röösli, Romoos; Rebekka Schwarzenbach, Luzern; Dalia Suter, Weggis; Simon Waldis, Luzern und Fabian Wyss, Malters.