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Balkon-Konzert bei Kerzenlicht: Luzerner spendet Berlinern mit seinem Saxofon Trost

Berlin, diese Stadt der Freiheit, steht unter Quarantäne. Der
Luzerner Rudi-Renoir Appoldt spielt fast jeden Abend auf dem Balkon mit
seinem Saxofon. Die Nachbarn danken es ihm mit Applaus.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Rudi-Renoir Appoldt ist so etwas wie ein Alleskönner. Er ist Fotograf, Layouter, Grafiker, Organisator eines Piano-Festivals, irgendwie ein Künstler für alles. Und der Jazzmusiker der Luzerner Band Trio Noir spielt Saxofon. Und zwar so richtig gut. Die Coronakrise erlebt der gebürtige Ebikoner in seiner Wahlheimat Berlin. Seit mehr als einer Woche greift sich Appoldt fast jeden Abend sein Saxofon, postiert sich auf dem Balkon der Wohnung des Autors dieses Textes und gibt mit Leidenschaft und Hingabe ein kurzes, etwa zehn Minuten dauerndes Konzert.

Die Anwohner der umliegenden Häuser im Prenzlauer Berg danken es mit warmem Applaus, gelegentlich vernimmt man von gegenüberliegenden Balkonen Rufe aus der Dunkelheit wie «noch eines!» oder «Zugabe!». Begonnen hat Appoldt mit seinen Balkon-Konzerten am Sonntag der vergangenen Woche, wie dieses Video zeigt: 

Rudi-Renoir Appoldt spielt fast jeden Abend auf seinem Balkon.

Rudi-Renoir Appoldt spielt fast jeden Abend auf seinem Balkon. 

Bild: Christoph Reichmuth

Das öffentliche Leben in Berlin war da bereits kräftig heruntergefahren, auf den Strassen herrschte wenig Betrieb, die meisten Hauptstädter hielten sich an die Empfehlungen der Virologen und verbrachten da schon ihre Abende zu Hause. Über die sozialen Medien riefen Berliner Musiker für diesen Sonntag, 15. März, zu einem musikalischen Flashmob auf. Jeder soll sich sein Instrument packen und aus dem Fenster oder vom Balkon aus Beethovens «Ode an die Freude» spielen. Appoldt musste nicht lange nachdenken, ob er dem Aufruf nachkommen soll. «Ich möchte den Menschen eine Freude machen», sagt Rudi-Renoir. «Es ist eine Zeit, in der wir positive Signale brauchen. Die News sind voll von Negativnachrichten, es ist wichtig für die Gemüter der Menschen, dass sie sich mit den schönen Dingen im Leben ablenken können.» Die Resonanz auf sein erstes Balkon-Konzert fiel eher bescheiden aus. Kaum Zuhörer, keine weiteren Musiker, die zur «Ode an die Freude» einstimmten. Inzwischen hat Appoldt eine regelrechte Fan-Gemeinde in der Quartierstrasse im Prenzlauer Berg.

Bild: Christoph Reichmuth

«Nicht entmutigen lassen»

Appoldt, der sich am liebsten mit seinem künstlerischen Vornamen Rudi-Renoir vorstellt, hat sein Repertoire erweitert. Frank Sinatra, Beatles, eine Pavane von Fauré, als Nächstes vielleicht mal Patent Ochsner oder etwas von Trio Noir. Auf seine Facebook-Live-Videos sind inzwischen auch Berliner Medien aufmerksam geworden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk von Berlin und Brandenburg (RBB) teilte eines seiner Videos auf der eigenen Facebook-Seite, der Clip hat bereits mehr als 130 000 Aufrufe. «Das bekräftigt mich natürlich, weiterhin für die Menschen in Berlin zu spielen», meint der studierte Musiker. Mit seiner Musik macht sich Rudi-Renoir auch selber Mut. Die Extremsituation während der Coronakrise macht dem Luzerner zu schaffen, die drastische Beschneidung der Freiheitsrechte der Menschen wirkt auf ihn «bedrückend», wie er sagt. «Diese Stille in der Stadt ist faszinierend und befremdend zugleich. Die Ungewissheit, wie lange dieser Zustand anhalten wird und wie sich unsere Gesellschaft durch die Coronakrise verändern wird, kann Angst machen», sagt der Musiker, der hinzufügt: «Aber wir dürfen uns nicht entmutigen lassen.»

Auch am letzten Dienstag stand der Luzerner wieder auf dem Balkon, um für die Menschen der umliegenden Häuser zu musizieren. Dabei spielte Appoldt auch für sich selbst. Denn in Quarantäne feierte er seinen 50. Geburtstag. Eine Feier wird vielleicht später einmal stattfinden, aber sein Geburtstag sei sowieso nicht das Wichtigste: «Ich bin überzeugt», sagt der Musiker, «dass wir die Krise meistern und als Gesellschaft zusammenrücken werden.»

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