«Wir sehen nicht derart schwarz, wie dies der Vollzugs- und Bewährungsdienst tut»: Luzerner Richter geben Afghanen zweite Chance

Das Kriminalgericht Luzern hat einem 26-Jährigen mit turbulenter Vergangenheit eine ambulante Behandlung verordnet. Ihm drohte der Verbleib in einer Anstalt.

Evelyne Fischer
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«Packen Sie es, Gopferdeckel!» Am Schluss der Verhandlung griff der Kriminalrichter zu markigen Worten. Das Dreiergremium hatte am Dienstag entschieden, einem Afghanen aus dem Kanton Luzern mit turbulenter Vergangenheit eine zweite Chance zu geben.

Dem 26-Jährigen, der derzeit in einer Zürcher Einrichtung für straffällige junge Erwachsene wohnt, wird eine ambulante Behandlung mit Bewährungshilfe verordnet. Er hat ein striktes Alkohol- und Drogenkonsumationsverbot zu befolgen. Spätestens in einer Woche soll er entlassen werden und zu seiner Familie zurückkehren können, die in einer Luzerner Agglomerationsgemeinde lebt.

Massnahmenzentrum statt Gefängnis

Die Vorgeschichte des Mannes ist lang, ebenso die Liste seiner Straftaten: Im April 2017 hatte ihn das Kriminalgericht zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Unter anderem wegen gewerbsmässigen Betrugs, Diebstahls, Angriffs und versuchter schwerer Körperverletzung.

Ins Gefängnis musste der Mann aber nicht: Weil er bei seinen Taten noch nicht 25 Jahre alt gewesen ist und ihm eine erhebliche Störung in der Persönlichkeitsentwicklung attestiert wurde, ordnete das Gericht eine stationäre therapeutische Massnahme für junge Erwachsene an. Eine solche darf maximal vier Jahre dauern. Dass dabei der vorzeitige Vollzug zur Höchstdauer angerechnet werden muss, hat das Bundesgericht anhand des vorliegenden Falls erstmals geklärt.

Betroffener: «Ich bin massnahmenmüde»

Das Urteil aus Lausanne stimmte die Luzerner Behörden allerdings alles andere als zufrieden: Sie wollten den Mann nicht in Freiheit entlassen und ordneten Sicherheitshaft an. Am Kriminalgericht musste nun entschieden werden, wie es weitergehen soll. Der Betroffene, der im letzten Sommer eine Kochlehre abgeschlossen hat und seit Dezember in einem Zürcher Szenelokal arbeitet, machte klar: «Ich bin massnahmenmüde.» Er habe aus seinen Fehlern gelernt und sei einer ambulanten Therapie nicht abgeneigt.

Für den Vollzugs- und Bewährungsdienst wie auch für die Staatsanwaltschaft war dies hingegen nicht die erste Wahl. Weil weiterhin ein Risiko für Gewalt- und Betrugsdelikte bestehe, sprachen sie sich am Dienstag für eine «engmaschige Begleitung» aus – in Form von 15 Monaten stationärer Therapie.

Staatsanwältin brilliert rhetorisch

Die Staatsanwältin, die ihre rhetorisch brillante Replik analog zum Countdown eines Raketenstarts formuliert hatte, nannte nebst der stationären Massnahme zwei weitere mögliche «Umlaufbahnen»: eine Entlassung in die Freiheit ohne jegliche Restriktionen – oder eine ambulante Therapie. Im Sinne von: Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.

Für den Verteidiger kam nur Ersteres in Frage: «Mein Mandant ist unverzüglich freizulassen. Er hat sich vorbildlich entwickelt und ist zu einem wertvollen Mitglied unserer Gesellschaft avanciert.» Eine stationäre Massnahme wäre nicht verhältnismässig.

Aufenthaltsstatus ist ungeklärt

Dem pflichteten die Gerichtspräsidentin und ihre beiden Kollegen bei. Die Bedingungen für einen Verbleib in einer Anstalt seien nicht erfüllt, sagte einer der Richter. Ein Ergänzungsgutachten vom Oktober 2019 spreche zwar von einem «instabilen Vollzugsverlauf», halte aber auch fest, dass die «wutgeprägte Gewaltbereitschaft» abgenommen habe. Ihres Erachtens habe der Mann eine positive Entwicklung durchlaufen. Kurzum:

«Wir sehen nicht derart schwarz, wie dies der Vollzugs- und Bewährungsdienst tut.»

Endgültig aufatmen kann der Mann allerdings noch nicht. Der Gerichtsentscheid kann noch angefochten werden. Und offen ist, ob der Mann, der im Alter von zwei Monaten in die Schweiz kam, allenfalls das Land verlassen muss. Sein Aufenthaltsstatus ist ungeklärt, das Verfahren ist beim kantonalen Amt für Migration hängig.