Interview

Luzerner Frauenhaus steht vor neuen Herausforderungen – Häusliche Gewalt bleibt ein Tabuthema

Eine hohe Dunkelziffer, wenig Geld, neue Formen von Gewalt: Geschäftsleiterin Annelis Eichenberger hat mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Doch sie sagt auch: «Jede Frau in einer Notlage findet bei uns einen Schutzplatz.»

Larissa Haas
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Durchschnittlich dauert ein Aufenthalt im Frauenhaus Luzern 30 Tage. (Symbolbild: Michel Canonica)

Durchschnittlich dauert ein Aufenthalt im Frauenhaus Luzern 30 Tage. (Symbolbild: Michel Canonica)

Die Schweiz hat sich letztes Jahr mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention vor dem Europarat dazu verpflichtet, für gewaltbetroffene Frauen genügend Schutzplätze anzubieten. Kurz darauf schlug die Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser Alarm: Die Schweizer Frauenhäuser seien «chronisch unterfinanziert» und könnten ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Auch das Frauenhaus Luzern steht vor Herausforderungen, sagt die Geschäftsleiterin des Frauenhauses Annelis Eichenberger im Gespräch. Aber diese als chronischen Platz- und Geldmangel zu bezeichnen, greife zu kurz, sagt sie.

Wir treffen Annelis Eichenberger auf der Terrasse eines Luzerner Bistros. Dieser Ort bietet sich für ein Gespräch an, denn aus Sicherheitsgründen befindet sich das Frauenhaus an einer anonymen Adresse. Eichenberger nimmt Platz, packt Infobroschüren, Berichte und Dokumentationen auf den Tisch, dann ihr Handy: «Ich bin heute auf Pikett.» Im Frauenhaus sei zurzeit viel los. Eine Stunde könne sie sich für das Gespräch Zeit nehmen, dann müsse sie los. Am Vortag etwa habe es einen Notfall gegeben, der überraschend viel Personal in Anspruch nahm. Und heute sei die Situation ähnlich. «Bei uns weiss man nie, was kommt.»

Seit 30 Jahren ist Annelis Eichenberger bereits im Frauenhaus Luzern, das in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen feiert, tätig. Sie kennt die Institution wie keine andere und weiss, die Probleme nüchtern und sachlich zu beschreiben: Ja. Im Frauenhaus sind die Plätze begrenzt – und das Geld auch. «Wir sind nach wie vor in hohem Mass auf Spenden angewiesen.» Und ja. Das Personal stehe unter Druck, Betroffene so schnell wie möglich auf ein Leben nach dem Frauenhaus vorzubereiten. Dennoch, den Aussagen der Dachorganisation steht Eichenberger kritisch gegenüber: «Ich hätte einiges nicht so kommuniziert.» So hätten die Medienberichte zwar in der Öffentlichkeit ihre Wirksamkeit erreicht, doch für die Opfer – Frauen und Kinder – habe man damit ein falsches Signal gesendet. Entsprechend relativiert Eichenberger die Sache – zumindest, was die Situation in der Zentralschweiz betrifft.

Wieso ist Luzern von diesem chronischen Platz- und Geldmangel, wie er von der Dachorganisation der Frauenhäuser der Schweiz ausgerufen wurde, nicht betroffen?

Annelis Eichenberger: Wer sagt denn, dass wir das nicht sind? Auch wir stehen finanziell vor grossen Herausforderungen, doch würde ich die Situation medial nicht derart zuspitzen. Dies gibt Opfern das Gefühl, sie fänden in Frauenhäusern keinen Schutz. Was die Zentralschweiz betrifft: Jede Frau, die in einer akuten Notlage einen Schutzplatz benötigt, findet auch einen. Sollte es in Luzern kurzfristig voll sein, wird für Schutzsuchende vorübergehend in einem anderen Kanton ein Platz gesucht. Wir sehen uns allerdings nicht nur in der Pflicht, genügend Schutzplätze zur Verfügung zu stellen, sondern diese auch sorgfältig zu finanzieren, sodass wir unsere Arbeit professionell ausführen können.

Inwiefern ist die Finanzierung für Sie eine Herausforderung?

Das Luzerner Frauenhaus wird zum grössten Teil subjektfinanziert – wie die meisten Frauenhäuser der Schweiz. Das heisst, dass der grösste Teil der Betriebseinnahmen direkt von der Anzahl Bewohnerinnen und Kinder abhängig ist.

Offensichtlich kommen auch viele Frauen aus anderen Kantonen nach Luzern?

Das Einzugsgebiet des Frauenhauses Luzern erstreckt sich über die gesamte Zentralschweiz, daher sind Aufnahmen aus Kantonen ausserhalb von Luzern üblich. Ausserkantonale Aufenthalte haben aber noch weitere Gründe: Etwa wenn ein Frauenhaus im Wohnkanton einer Betroffenen effektiv vorübergehend keinen Platz anbieten kann. In diesem Fall wird ihr aber direkt ein Frauenhaus in einem anderen Kanton empfohlen. Es kann auch sein, dass die Betroffenen aus Sicherheitsgründen ein Frauenhaus ausserhalb ihres Heimatkantons aufsuchen.

Der Begriff der häuslichen Gewalt umfasst nicht nur physische Gewalt, sondern auch psychische sowie sexuelle Übergriffe. Haben sich die Gründe für einen Eintritt ins Frauenhaus in den letzten Jahren verändert?

Sowohl die Art der Misshandlungen als auch die Intensität der Übergriffe auf Frauen und Kinder sind in den vergangenen 30 Jahren etwa gleich geblieben. Nach wie vor wird häusliche Gewalt meist versteckt, unter Ausschluss von Zeugen, verübt. Dies macht natürlich die Beweislage – insbesondere was die psychische und sexuelle Gewalt betrifft – extrem schwierig. Was sich in jüngster Zeit verändert hat, ist die Art der Kommunikation: In Zeiten neuster Mobilfunktechnologien und der Verbreitung sozialer Medien können Betroffene stärker kontrolliert und aus weiten Distanzen bedroht werden. Daher wird für uns das Thema Stalking auch immer zentraler.

Letztes Jahr haben 81 Frauen und 97 Kinder das Frauenhaus Luzern aufgesucht. Die Dunkelziffer mag aber wesentlich höher sein?

Für viele Frauen bleibt die häusliche Gewalt ein grosses Tabuthema. Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, weil man misshandelt wird, braucht Überwindung. Das sehen wir auch in unserem Alltag: Keine Frau sucht lediglich wegen einer Ohrfeige Hilfe, meist sind sie Opfer jahrelanger brutaler Gewalt. Daher schätze ich die Dunkelziffer der von Gewalt betroffenen Frauen auch in der Zentralschweiz als hoch ein.

Das Frauenhaus ist keine dauerhafte Lösung. Im Durchschnitt dauert ein Aufenthalt rund 30 Tage.

Genau, eine hohe Fluktuation ist die Norm. Das Frauenhaus ist eine Kriseninterventionsstelle: Es geht darum, Gewaltbetroffenen in der Krise professionelle Unterstützung zu geben, sie zu stabilisieren und mit ihnen Zukunftsperspektiven zu erarbeiten. Wir arbeiten mit Institutionen zusammen, welche die Frauen nach ihrem Austritt weiter betreuen. Daher ist die Aufenthaltsdauer im Frauenhaus Luzern etwas kürzer als der schweizerische Durchschnitt. Weiter sind wir hier in Luzern, was den Wohnungsmarkt angeht, in einer etwas besseren Lage als etwa in Zürich, wo sich für die Frauen die Wohnungssuche um einiges schwieriger gestaltet.

Rund ein Drittel der Frauen geht aber nach dem Aufenthalt wieder zurück zum Partner! Dies überrascht, wenn man bedenkt, dass hier Opfer und Täter wieder zusammenkommen.

Ich würde da diese Situation positiver formulieren: Immerhin kommen zwei Drittel der Opfer vom Täter los. Dennoch ist für etwa einen Drittel der Frauenhaus-Bewohnerinnen eine Trennung keine Option. Wir als Institution bleiben in solchen Situationen machtlos und müssen die Entscheidung der Bewohnerin überlassen. Nicht selten kommt es vor, dass die Ehemänner Besserung versprechen und die Frauen ihnen nochmals eine Chance geben möchten.

Wie reagieren Sie in solchen Fällen?

Wenn sich eine Frau entscheidet, zu ihrem Partner zurück zu kehren, ist es wichtig, dass sie ihre Rechte und Pflichten kennt: Viele Frauen wurden eingeschüchtert, etwa indem ihnen eingeredet wurde, dass sie im Fall einer Trennung keinerlei Rechte haben. Zum Beispiel, dass sie ihre Kin-der oder die Aufenthaltsbewilligung verlieren würden. Zudem ist uns wichtig, dass eine Frau weiss, dass sie jederzeit ins Frauenhaus zurückkehren darf – und dass sie sich dafür nicht schämen muss. Tatsächlich kommt ein beachtlicher Teil dieser Frauen nach einiger Zeit wieder zurück und reicht dann die Trennung ein.

Wie werden Betroffene längerfristig unterstützt?

Das Frauenhaus Luzern bietet für Frauen, die eine Trennung eingereicht haben und in eine eigene Wohnung gezogen sind, eine Nachbegleitung an. Sie müssen ja meist ihre Existenz komplett neu aufbauen und sind daher froh um diese Unterstützung. Zudem zeigen wir den Frauen Anlaufstellen, an die sie sich bei Problemen wenden können.

97 Kinder mussten, zusammen mit ihren Müttern, letztes Jahr den Schutz des Frauenhauses in Anspruch nehmen. Sind auch diese von Gewalt bedroht?

Diese hohe Anzahl an Kindern ist die höchste seit mehr als zehn Jahren. Sie sind Opfer direkter oder auch indirekter Gewalt. So erleben sie die Gewalt ihrer Eltern unmittelbar mit. Oft denken Eltern, dass ihr Kind die Misshandlungen nicht wahrnimmt, die Erfahrung zeigt jedoch, dass Kinder immer etwas davon mitkriegen. Unser Augenmerk gilt bewusst der Betreuung und dem Wohl von Kindern: Sie werden früher oder später wieder ihrem Vater begegnen, und wir bereiten sie auf diesen Moment vor.  

Bisher haben wir über die Opfer geredet. Drehen wir den Spiess um: Was wissen Sie über die Täter?

Über die Opfer erfahren wir häufig, dass ein Grossteil der Täter im Kindesalter selbst Gewalt erlebt hat. Für diese Männer ist eine «Problemlösung» mit Gewalt an der Tagesordnung. Wenn sie mit Situationen im Alltag nicht zurecht kommen, wird zugeschlagen. Die wenigsten gestehen sich die Fehler ein. Deshalb bleibt der Frau nichts anderes übrig, als wegzugehen.

Wir reden hier also von einer extremen maskulinen Machtausübung.

Genau. Frauen, die das Frauenhaus aufsuchen, litten oft unter stark asymmetrischen Machtverhältnissen. Diese greifen auch in den ökonomischen Bereich. Einige werden auch von ihren Männern über die Finanzen kontrolliert: keine selbständigen Einkäufe, kein Taschengeld, Rechenschaft über jeden ausgegebenen Franken abgeben. Dies bedeutet für die Frauen eine zusätzliche Demütigung. Allerdings haben wir in den letzten 30 Jahren auf der Ebene von Politik und Gesetz viel erreicht: Häusliche Gewalt gilt nicht mehr als Kavaliersdelikt. Die Polizei ist gehalten, nicht mehr zu vermitteln, sondern zu ermitteln. Der Schutz betroffener Frauen steht auf der politischen Agenda. Im privaten Bereich ist unsere Gesellschaft allerdings noch sehr patriarchalisch geprägt. Ich habe den Eindruck, dass wir theoretisch zwar weitgehend die Gleichstellung von Frau und Mann haben, diese aber in den Köpfen der Menschen noch nicht verankert ist.


Hinweis:
Das Frauenhaus Luzern veranstaltet am 27. August eine Fachtagung mit dem Titel «Kinder im Schatten Häuslicher Gewalt». Weitere Infos: www.frauenhaus-luzern.ch