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Kurzfristige Absagen von Wanderern nehmen zu: Zentralschweizer Hüttenwarte sind verärgert

Eine Unsitte greift um sich: Immer öfter reservieren Berggänger mehrere Hütten für die gleiche Nacht und steuern am Ende aber nur jene mit dem besten Wetter an. Für den Schweizer Alpenclub (SAC) sind die kurzfristigen Absagen ein Ärgernis.
Chiara Stäheli
Längst nicht alle Berggänger kreuzen in der von ihnen reservierten Berghütte auf – wie André, Rolf, Thomas und Robby, die vor der Rugghubelhütte des Schweizer Alpenclubs gerade einen Jass klopfen. (Bild: Philipp Schmidli (Engelberg, 27. Juli 2019)

Längst nicht alle Berggänger kreuzen in der von ihnen reservierten Berghütte auf – wie André, Rolf, Thomas und Robby, die vor der Rugghubelhütte des Schweizer Alpenclubs gerade einen Jass klopfen. (Bild: Philipp Schmidli (Engelberg, 27. Juli 2019)

Der Schweizer Alpenclub (SAC) ist im Besitz von 153 Hütten. Sie stehen in der ganzen Schweiz und sind sowohl Ausgangspunkt für Bergtouren von Alpinisten als auch Ausflugsziel von Wanderern. Doch viele Hüttenwarte kämpfen seit einigen Jahren mit dem gleichen Problem: Kurzfristige Absagen oder angemeldete Gäste, die nicht auftauchen, häufen sich.

Denn viele Berggänger sind wählerisch: Nur wenn das Wetter passt, wird die Wanderung angetreten – selbst wenn die Hütte reserviert ist. Um die Chancen zu erhöhen, reservieren viele Gruppen gleich mehrere Hütten für dasselbe Datum. Eine im Wallis, eine im Bündnerland und eine in der Zentralschweiz. Am Vortag oder gar erst am Wandertag selbst entscheidet sich die Gruppe dann für eine Hütte. Den anderen Hüttenwarten wird abgesagt, sie bleiben mit leeren Betten zurück.

Sepp Hurschler ist Hüttenwart im Brisenhaus ob Beckenried. Er kennt das Problem nur allzu gut: «Es kommt immer wieder vor, dass sich grosse Gruppen am Abend davor oder gar erst am Ankunftstag abmelden. Nicht selten kommen sie auch einfach gar nicht, ohne sich abzumelden.» Auch Änderungen der Gruppengrösse würden nur selten mitgeteilt. Für ihn sei das sehr mühsam. Er sagt:

«Oft haben wir schon Sachen fürs Abendessen vorbereitet oder sind bereits am Kochen. Wenn dann noch Abmeldungen eintreffen, stellt uns das vor Herausforderungen.»

Denn dann bleiben nicht nur die Betten leer, auch die Nahrungsmittel, die jeweils anhand der Anmeldungen beschafft werden, müssen irgendwie verwertet oder eingefroren werden.

«Es ist sehr schwierig, den Einkauf zu planen, wenn man immer davon ausgehen muss, dass dann eine Gruppe vielleicht doch nicht kommt», sagt Hurschler, der bereits seit fünfeinhalb Jahren im Brisenhaus wirtet. Er habe das Gefühl, den Leuten sei oft nicht bewusst, wie die Versorgungskette und die Essensplanung einer Berghütte aussähen. Anstelle eines Autos kommt im alpinen Gelände oft ein Helikopter zum Einsatz, der die Waren aus dem Tal in die Hütte bringt.

Den allgemeinen Geschäftsbedingungen der SAC-Hütten kann entnommen werden, dass Annullierungen bei Gruppen bis zu zwölf Personen bis am Vorabend um 18 Uhr gemeldet werden müssen. Bei grösseren Gruppen muss die Abmeldung zwei Tage vor der ­gebuchten Übernachtung erfolgen. Taucht eine Gruppe unangemeldet nicht auf, sind die Hüttenwarte berechtigt, eine Entschädigung – die sogenannte No-Show-Gebühr – zu verlangen. Wie hoch diese ist, kann jede Hütte selbst festlegen. Sie darf jedoch den Betrag der gebuchten Leistung nicht übersteigen. Sepp Hurschler handhabt es so, dass er Gästen, die nicht erscheinen, das Nachtessen in Rechnung stellt.

Gebühren einfordern braucht viel Zeit

Ähnliche Erfahrungen wie Sepp Hurschler im Brisenhaus macht auch Familie Wyrsch in der Kröntenhütte, die auf knapp 2000 Metern im Urner Erstfeldertal liegt. Hüttenwart Markus Wyrsch beobachtet dieses Verhalten schon seit Längerem: «Viele Leute denken, sie können an mehreren Orten reservieren und dann kurzfristig entscheiden, wo es ihnen am besten passt. Dass das unsere Planung und Arbeit massiv erschwert, wird meist nicht bedacht.» Auch der zusätzliche Aufwand, der durch das Einfordern der No-Show-Gebühr entsteht, sei nicht zu unterschätzen: «Oft haben wir nur die Telefonnummer der Person, die reserviert hat. Von dieser dann die vollständige Adresse zu erlangen und ihr eine Rechnung zu schicken, kostet uns jedes Mal wieder Zeit und Geld», führt Wyrsch aus.

Das Problem ist auch dem Schweizer Alpenclub bekannt. Bruno Lüthi, Bereichsleiter Hüttenbetrieb, sieht nebst dem Wetter noch zwei weitere Gründe, weshalb immer häufiger kurzfristig Buchungen storniert werden:

«Die Leute entscheiden heutzutage immer kurzfristiger – sie wollen sich möglichst alle Optionen offenhalten. Zudem haben wir im Vergleich zu Hotels sehr grosszügige Geschäftsbedingungen, die Abmeldungen bis zum Vorabend ohne Konsequenzen erlauben.»

Bruno Lüthi kann die Frustration der Hüttenwarte verstehen: «Solche kurzfristigen Absagen sind besonders ärgerlich, wenn sie dann noch mitten in der Hochsaison beispielsweise an einem Samstag auftreten, an dem man die Hütte sogar doppelt hätte belegen können.» Nebst den Lebensmitteln, die dann in überschüssigen Mengen vorhanden sind, und den frei bleibenden Schlafplätzen sei auch der Sicherheitsaspekt nicht ausser Acht zu lassen: «Wenn eine Gruppe ohne Abmeldung nicht auftaucht, beginnt man sich – besonders als Hüttenwart in einer alpinen oder hochalpinen Region – Sorgen zu machen.»

Grundsätzlich empfiehlt Lüthi den Hüttenwarten, mit dem Online-Reservierungssystem zu arbeiten. So könne sichergestellt werden, dass im Fall des Nichterscheinens die Angaben für die Rechnung alle vorhanden seien.

Zudem verfolge der SAC das Ziel, dass künftig im Reservationssystem auch die Kreditkartenangaben als ­Sicherheit hinterlegt werden sollen. «Falls dann jemand nicht kommt, kann die No-Show-Gebühr direkt von der Kreditkarte abgebucht werden», sagt Lüthi. Momentan sei das aber in der Schweiz aufgrund technischer Herausforderungen noch nicht möglich. Für Markus Wyrsch von der Kröntenhütte wäre es auch eine Möglichkeit, eine Vorauszahlung von 20 Franken zu verlangen:

«So könnten wir sicherstellen, dass unsere Aufwände auch gedeckt werden, wenn eine Gruppe nicht auftaucht.»

Doch die Umfrage bei den Zentralschweizer SAC-Hütten zeigt: Es sind nicht alle Hütten gleich stark betroffen. In der Rugghubelhütte ob Engelberg müssen Gäste, die ohne Abmeldung nicht erscheinen, den vollen Betrag bezahlen.

Die Rugghubelhütte SAC ob Engelberg. (Bild: Philipp Schmidli, 27. Juli 2019)

Die Rugghubelhütte SAC ob Engelberg. (Bild: Philipp Schmidli, 27. Juli 2019)

Dies hat laut Hüttenwart Chrigel Menon zu einer Verbesserung der Situation geführt: «Seit wir das klar so in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen geregelt haben, ist es wieder etwas besser. Wir haben auch versucht, die Leute für die Proble­matik zu sensibilisieren.» Auch damit hat man laut Chrigel Menon zu einer Verringerung der kurzfristigen Absagen beitragen können.

Erfolgreicher Alpenclub

Auch wenn die Hüttenwarte zunehmend mit kurzfristigen Absagen zu kämpfen haben, entspricht die Anzahl der Übernachtungen in SAC-Hütten im Jahr 2018 dem drittbesten Ergebnis in der Geschichte des Alpenclubs. Knapp 343 000 Übernachtungen wurden im vergangenen Jahr registriert, wobei fünf der 153 Hütten temporär nicht in Betrieb waren. In den vergangenen 20 Jahren hat der SAC viel Geld in die Infrastruktur der Hütten gesteckt. Seit 2000 wurden 57 Bauvorhaben realisiert. Finanziert wird der Umbau einer Hütte von der Sektion, welche die Hütte besitzt, sowie aus dem Hüttenfonds des SAC. In diesen Fond zahlen alle Hüttenwarte jedes Jahr einen Anteil der Umsätze aus Konsumation und Übernachtungen ein. Seit 2000 hat der SAC 110 Millionen Franken aus dem Fond in die Bauvorhaben investiert. Gleichzeitig mit dem Anstieg der Übernachtungszahlen ist auch eine Zunahme der Mitgliedschaften festzustellen. Im vergangenen Jahr hatte der SAC knapp 152 284 Mitglieder. Das entspricht beinahe einer Verdoppelung gegenüber 1990. Besonders stark ist die Zunahme bei den Familien. (chi)

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