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Kulturwissenschaftler zum 1. August: «Unsicherheit führt uns zurück zu Traditionen»

Der Nationalfeiertag am 1. August liegt zwar mitten in den Ferien, erfreut sich aber trotzdem grosser Beliebtheit. Das verbindet ihn mit so manch anderem traditionellen Anlass. Kulturwissenschaftler Walter Leimgruber weiss warum.
Chiara Stäheli
In der ganzen Schweiz finden am 1. August stimmungsvolle Anlässe statt – so wie hier in der Nähe von Genf. (Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone, Cologny 1. August 2017)

In der ganzen Schweiz finden am 1. August stimmungsvolle Anlässe statt – so wie hier in der Nähe von Genf. (Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone, Cologny 1. August 2017)

Am 1. August feiert die Schweiz ihren Geburtstag. Ein Anlass, der sich im Laufe der Jahre zu einer Tradition entwickelt hat. Egal ob beim reichhaltigen Bauernhofbrunch am Vormittag, beim geselligen Beisammensein im Dorf oder beim nächtlichen Feuerwerk am See – die Schweizerinnen und Schweizer geniessen und zelebrieren den Nationalfeiertag.

Doch nicht nur der 1. August zählt zum Schweizer Kulturgut, es gibt unzählige weitere traditionelle Veranstaltungen und Bräuche. Diese scheinen sich immer grösserer Beliebtheit zu erfreuen (siehe vier Beispiele am Ende des Interviews). Warum das so ist, dafür kennt der Kulturwissenschaftler Walter Leimgruber mehrere Gründe. Der 59-jährige Professor leitet das Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der Universität Basel und forscht zu Kultur und Tradition.

Traditionelle Anlässe werden seit einigen Jahren regelrecht überrannt. Woher rührt dieser Trend?

Walter Leimgruber.

Walter Leimgruber.

Walter Leimgruber: Es spielen verschiedene Ebenen eine Rolle. Erstens ist Tradition im Trend, weil man von der Zukunft nicht mehr viel erwartet. Die Menschen haben Angst vor Verlusten. Sie wissen nicht, was auf sie zukommen wird. Da bietet es sich an, das zu stärken, was früher war – die heile Welt ohne die schwierigen Probleme von heute. Zweitens ist die Suche nach Zugehörigkeit, Identität und Verankerung wichtiger geworden. Und drittens sind diese traditionellen Feste für viele so exotisch geworden, dass man sie wie ein Spektakel besucht. Man ist in und trendig, wenn man ans Schwingfest geht.

Weshalb haben die Leute Angst vor der Zukunft?

Sicherlich ist die Globalisierung ein zentraler Faktor, der zu Verunsicherung führt. Die Welt erscheint unübersichtlich, man sieht keine positiven Entwicklungen mehr. Auch andere gesellschaftliche Fragen, wie jene zum Klima oder zu veränderten Rollenbildern, tragen zur Verunsicherung bei. Generell kann man sagen: Je schneller der gesellschaftliche Wandel verläuft, desto grösser sind die Unsicherheiten und desto stärker ist die Suche nach Orientierung, Stabilität und Heimat. Das führt uns zurück zu Traditionen.

Diese neue Lust an alten Traditionen scheint besonders interessant, wenn man bedenkt, dass viele Menschen immer das Neueste und Modernste haben wollen. Ein Widerspruch?

Nicht unbedingt. Die Leute unterscheiden, was für sie neu und modern zu sein hat und was traditionell. Neu und modern ist man dort, wo man sich davon einen Vorteil oder eine bessere Stellung verspricht. Traditionell ist man dort, wo man sich Einbettung, Zugehörigkeit oder Akzeptanz verspricht. Die coolsten Autos und schicksten Klamotten gehen also problemlos zusammen mit dem Besuch traditioneller Anlässe.

Ist die Besinnung auf traditionelle Werte in allen Alters- und Bevölkerungsschichten gleichermassen zu beobachten?

Nein, da gibt es deutliche Unterschiede. Ländliche Gebiete sind beispielsweise traditionsbewusster als städtische, deren Markenzeichen die Innovation und der Trend sind. Und man steht mit zunehmendem Alter mehr auf Traditionen. Als älterer Mensch hält man sich eher an das Bekannte als an das Neue, Ungewohnte.

Sind die Schweizer heute stolzer auf ihre Herkunft und ihre Traditionen als früher?

Das ist schwierig zu sagen. Ich denke, die Schweizer waren insgesamt schon immer stolz auf ihre Traditionen. Lange Zeit gehörten diese für eine grosse Gruppe von Menschen auch zum Alltag, weil man in einem bäuerlichen, ländlichen Umfeld lebte. Heute zelebrieren wir viel stärker etwas, was mit unserem Alltag nicht mehr viel zu tun hat. Und wie stolz man auf seine Traditionen ist, hängt immer auch mit den Erwartungen der Gesellschaft zusammen. Wenn die Leute optimistisch in die Zukunft sehen, sind Traditionen weniger wichtig, als wenn sie sich bedroht fühlen oder einem Wandel skeptisch begegnen.

Ist auch die ausländische Bevölkerung an den Schweizer Traditionen interessiert oder betrifft der Trend in erster Linie die Schweizer?

Migrierende pflegen gerne die Traditionen aus ihrer Heimat. Deren Feste und Rituale bestärken sie in ihrer Herkunft und ihrer Identität ...

... während sie schweizerische Traditionen ignorieren?

Nein, im Gegenteil. Es gibt Anzeichen, dass auch schweizerische Traditionen bei Migrierenden beliebter sind als früher: Viele leben schon lange hier und sind mit dem Land sehr vertraut. Und viele der Personen, die in den letzten Jahren in die Schweiz gekommen sind, arbeiten in guten Positionen und sind hochqualifiziert. Sie gehen selbstbewusster an traditionelle Anlässe, weil sie keine Angst haben, aufzufallen oder nicht willkommen zu sein.

Das heisst, Ausländer sind an allen typisch schweizerischen Festen gern gesehen?

Das kann man pauschal so nicht sagen. Manche Schweizer, denen Traditionen wichtig sind, sehen gerade in der Abwesenheit von Ausländern und Fremden einen Vorteil dieser Traditionen. Sie feiern eine Schweiz ohne Ausländer und ohne Einfluss von aussen – mit der Realität hat das dann nicht mehr viel zu tun. Für diese Leute dienen Traditionen der Flucht aus der realen Welt und der Abschottung.

Was bezeichnet man überhaupt als Tradition, was als Brauchtum?

In der Schweiz sieht man gerne das Alpine, das Bäuerliche und das Handwerkliche als traditionell. Oft lässt man dabei ausser Acht, dass beispielsweise viel mehr Schweizer Fussball spielen als einem Schwingklub angehören. Es stellt sich dann die Frage, ob nicht auch Fussball eine Tradition ist. Ebenfalls muss beachtet werden, dass die Mehrheit der Bevölkerung in einer modernen, hoch technisierten, global vernetzten Gesellschaft lebt und arbeitet. Mit Traditionen und Bräuchen lässt sich unsere eigene Realität so beschreiben, wie sie nicht ist, sondern wie man sie sich erträumt. Es sind also oft Kompensationen für einen Alltag, in dem vieles ganz anders ist.

Vier Beispiele traditioneller Schweizer Anlässe:

Entlebucher Alpabfahrt

Jedes Jahr Ende September bringen sieben Älplerfamilien ihr Vieh zurück ins Tal. Tausende Zuschauer verfolgen das Spektakel in Schüpfheim am Strassenrand, bestaunen die Kühe, Ziegen, Kälber und Rinder oder schlendern durch die Marktstände, an denen regionale Produkte und Alpkäse verkauft werden. Die Alpabfahrt hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Grossanlass entwickelt: Die letztjährige Ausgabe hat mehr als 12000 Personen nach Schüpfheim gelockt. Eine Zahl, die OK-Präsident Bruno Hafner gegenüber unserer Zeitung wie folgt kommentierte: «Es zeigt, dass unser Brauchtum wieder einen grossen Stellenwert hat.» Die Entlebucher Alpabfahrt hat sich innerhalb von nur 15 Jahren zu einem der grössten Alpabzüge der Schweiz und einem bekannten Volksfest entwickelt. (chi)

Schwing- und Älplerfest

Nur alle drei Jahre findet es statt – das «Eidgenössische», an dem die Bösen gegeneinander im Sägemehlring antreten. Der Anlass wird von Ausgabe zu Ausgabe beliebter. Gemäss Angaben einer Studie der Hochschule Luzern strömten 2001 rund 110000 Zuschauer ans Eidgenössische Schwing- und Älplerfest nach Nyon. Heuer werden Ende August während der drei Festtage in Zug mehr als drei Mal so viele Besucher erwartet. Es ist damit das grösste Sportfest der Schweiz. Für die 4000 öffentlich verfügbaren Tickets für den Zugang in die Arena gab es mehr als 180000 Anfragen. Der Grossevent findet vom 23. bis zum 25. August in Zug statt. Gemäss Angaben des Organisationskomitees beläuft sich das Budget auf über 36 Millionen Franken. (chi)

Zuger Stierenmarkt

Knapp 12000 Besucher liessen es sich im vergangenen September nicht entgehen, die mehr als 200 Braunviehstiere in Zug zu bestaunen. Nur fünf Jahre zuvor, war der Besucheranteil noch um mehr als einen Viertel kleiner. In einem Bericht zum Thema Viehschauen in der Zentralschweiz hat Volkskundler Marius Risi, der das Amt für Kultur und Sport in Obwalden leitet, zum Stierenmarkt folgendes festgehalten: «In den vergangenen Jahrzehnten gewann er seine Anziehungskraft wesentlich aus der Zusammenführung zweier scheinbar so gegensätzlicher Welten wie jene der urbanen Kosmopoliten und der bäuerlichen Landleute.» Weiter heisst es: «Dabei nimmt der Anteil der Landwirte eher ab, während die städtisch sozialisierten Besucher zunehmen.» (chi)

Klausjagen Küssnacht

Jährlich Anfang Dezember findet im schwyzerischen Küssnacht das Klausjagen statt. Am Umzug werden stolz die aufwendig gestalteten Bischofshüte – die Iffelen – präsentiert. Daneben «chlöpfen» die Geiseln und der Samichlaus schreitet begleitet von über 1600 Klausjägern durch das Dorf. Musikalisch umrahmt wird der Umzug von Trychlern, Blech- und Hornbläsern. Jährlich lockt die Veranstaltung knapp 20000 Besucher nach Küssnacht. Das Klausjagen ist damit eine der grössten Samichlaus-Anlässe in ganz Europa. Organisiert wird der Umzug von der St. Niklausengesellschaft, die 1928 von fünf Küssnachtern gegründet wurde. Mittlerweile zählt der Verein mehr als 1900 männliche Mitglieder, die für einen reibungslosen Ablauf des Klausjagens sorgen. (chi)

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