Interview

Der Krienser Hausi Burch verdient sein Geld mit verpackter Luft

Der 65-jährige Hansjörg Burch bläst seit 31 Jahren Ballons auf. Der gelernte Koch aus Kriens findet, dass man dem Gummi unbedingt mehr Wertschätzung entgegenbringen sollte. Im Schuhgeschäft, aber auch in der Kirche.

Roger Rüegger
Drucken
Teilen
Hansjörg Burch trägt stets einen Cutaway, wenn er Ballons präsentiert. (Bild: Pius Amrein, Kriens, 3. Mai 2019)
15 Bilder
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)
Hansjörg Hausi Burch Ballonkünstler
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)
(Bild: PD)

Hansjörg Burch trägt stets einen Cutaway, wenn er Ballons präsentiert. (Bild: Pius Amrein, Kriens, 3. Mai 2019)

Sie sind zertifizierter Ballondekorateur. Was es nicht alles gibt.

Hansjörg Burch: Das ist so. Das CBA-Zertifikat ist eine Bescheinigung des weltweit führenden Ballonherstellers Qualatex.

Wie holt man sich ein Zertifikat?

Es ist wie in vielen Berufszweigen, man muss auf dem Laufenden bleiben und sich weiterbilden. Ich habe in mehreren europäischen Städten wie Amsterdam und Prag Kurse besucht. Fürs Diplom musste ich eine Prüfung ablegen.

Im Dekorieren?

Nicht nur. Dazu gehört auch Materialkunde. Ich weiss genau, aus welchen Rohstoffen sich die Ballone zusammensetzen. Die in meinem Sortiment sind aus rund 94 bis 98 Prozent Kautschuk, also aus natürlichen Materialien. Bei der Prüfung galt es, einen reellen Auftrag für 1500 Franken zu akquirieren und diesen auszuführen.

Das ist Ihnen allem Anschein nach gelungen. War es eine grosse Herausforderung?

Das schon. Aber ich hatte in diesem Fall auch Glück. Weil ich mit meiner Frau Rita seit über 30 Jahren im Geschäft bin, arbeiten wir mit einigen Kunden regelmässig zusammen. Ein Bäckereibetrieb aus Luzern hat sich just zum richtigen Zeitpunkt bei mir gemeldet, weil er eine Dekoration für sein Geschäft wollte. Das erleichterte mir die Aufgabe. Aber damit ist es ja noch nicht getan, man muss die Anforderungen immer zuerst erfüllen.

Sind denn viele Leute und Betriebe bereit, so viel Geld für Ballons auszugeben?

In Mitteleuropa nicht. Aber im Norden und in Amerika werden ziemlich verrückte und teure Konstruktionen aus Ballons hergestellt. Das sind Kunstwerke, die aber in unseren Breitengraden niemand bezahlen würde.

Sie aber können vom Aufblasen von Ballons in der Schweiz leben?

In unserem Land gibt es ungefähr ein halbes Dutzend Betriebe, die in dieser Sparte tätig sind und davon auch leben können.

Was machen Sie hauptsächlich?

Alles, was meine Kunden wünschen. Meine Frau und ich stellen neben dem Verkauf von Ballons im Geschäft auch Arrangements in allen Grössen und Aufmachungen zusammen.

Das tun Floristen mit Blumen auch. Ist das vergleichbar?

In einem gewissen Sinn schon. Wir kommen einfach etwas grösser daher. Man kann ganze Ballonwände von uns haben. Säulen bei Haupteingängen von Geschäften, Enthüllungen, bei denen riesige Ballons ein Tuch von einer Statue hochziehen, Apéro-Dekorationen und auch beim Swiss City Marathon haben wir den Zieleinlauf geschmückt. Es ist aber nicht nur eine Frage der Dekoration, man muss es auch verstehen, die ganze Geschichte auszuliefern, das ist wieder eine Kunst für sich.

Mit dem Transport von Ballons werden Sie wohl kaum Überlast haben mit Ihrem Bus?

Das sagen Sie. 30'000 Ballons wiegen rund 200 Kilogramm. Die wollen auch zuerst getragen werden. Aber es ist so. Wir verpacken Luft, die ist nicht besonders schwer.

An Hochzeiten sind Sie als Tafelmajor und Alleinunterhalter unterwegs. Nur mit Ballons bringen Sie da aber kein abendfüllendes Programm hin, oder?

Nein, ich bin gelegentlich auch Zauberer und Clown. Ich sehe mich als Künstler. Als Tafelmajor habe ich den Löffel aber eigentlich schon im Jahre 1999 abgegeben.

Ein Kollege hat Sie doch erst kürzlich als Unterhalter an einer Hochzeit erlebt?

Das ist so eine Sache. Ich bin süchtig nach Unterhaltung – und Ballons gehören für mich einfach dazu. Ich trage übrigens bei meiner Arbeit mit Ballons immer einen Cutaway, einen massgefertigten Anzug. Damit repräsentiere ich die Wertschätzung für die Ballons.

Warum wird ein gelernter Koch wie Sie Ballondekorateur?

Ich finde, dass die beiden Berufe gar nicht so verschieden sind. Ich habe in meiner Zeit als Koch oft kalte Fleischplatten arrangiert. Dabei habe ich mir auch Gedanken gemacht, wie ich die Auslage attraktiv gestalte. Das ist als Ballondekorateur nicht anders. Ich habe einen Plan im Kopf und den setze ich um. Sie glauben nicht, wie viel Freude man den Menschen damit machen kann.

Unter einem Ballon-Artisten verstehe ich einen Artisten, der an der Luga oder an der Määs aus Ballonen Dackel und Blumen knüpft und diese den Kindern schenkt?

An diesen Anlässen bin ich natürlich auch anwesend. Dieses Jahr zum Beispiel an der Luga mit Zirkuspfarrer Adrian Bolzern. Wir feiern einen Ballon-Gottesdienst.

Verstehe ich das richtig, Ballons in Kirchen?

Ja. Das wirkt bei uns exotisch. Es liegt wohl auch daran, dass Ballons für viele Leute keinen hohen Stellenwert haben. Sie werden nebenbei sogar in Schuhgeschäften verschenkt. Ganz anders ist es zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Gerade im schwarzen Amerika haben Ballons bei Gottesdiensten Tradition.

Wie setzt man Ballons bei Gottesdiensten ein?

Pfarrer Bolzern erzählt bei seinen Gottesdiensten eine Geschichte eines Mannes, der in jeder Lebenslage gestresst ist. In der Familie läuft es nicht, der Beruf macht ihm zu schaffen und im Sportverein befindet man sich am Tabellenende. Unter den Besuchern werden Ballons verteilt. Immer wenn es stressig wird, entlässt man einen Atemstoss in den Ballon. Wenn dieser voll ist, wird die Luft abgelassen, das ist die Entschleunigung. Und am Ende des Gottesdienstes lassen wir die Ballons mit einem guten Gedanken fliegen.

Das wäre auch eine schöne Geste bei Beerdigungen!

Unbedingt. Bei Beerdigungen werden die Ballons gerne als Symbol der Seele verwendet. Eine Kundin arrangierte ihre eigene Beerdigung selber. Die Frau wollte 600 violette Luftballons. Jeder der Trauergemeinde durfte auf einen Zettel einen Wunsch schreiben. Mit dem Gebet des Priesters wurden die Ballons mit den Wünschen abgeschickt.