Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Sexualität trotz Behinderung: Luzerner Stiftung richtet «Beziehungszimmer» ein

Die Stiftung Rodtegg schafft Raum für Intimität: Menschen mit Behinderungen sollen mehr Privatsphäre bekommen, um ihre Sexualität und ihre Liebesbeziehungen leben zu können. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, rührt an einem Tabu.
Lena Berger
Intime Momente trotz Behinderung: Diesem Thema widmet sich auch Kurzfilm «Prends Moi» (2014) der kanadischen Filmemacher Anaïs Barbeau-Lavalette und André Turpin. (Bild: Screenshot)

Intime Momente trotz Behinderung: Diesem Thema widmet sich auch Kurzfilm «Prends Moi» (2014) der kanadischen Filmemacher Anaïs Barbeau-Lavalette und André Turpin. (Bild: Screenshot)

Über das Heiraten möchten sie sprechen. Nicht über Geschlechtsverkehr, nicht über Selbstbefriedigung, nicht über Verhütung, sondern über die Liebe. Anlass ist der Workshop einer Sexualpäd­agogin in den Räumlichkeiten der ­Rodtegg in Luzern. Die jungen Erwachsenen, die alle von mehrfachen und schweren Behinderungen betroffen sind, haben sich freiwillig eingeschrieben. Sie wollen von der Expertin mehr über Sexualität erfahren. Beim ersten Treffen haben sie aber entschieden, sich über das Thema Hochzeit auszutauschen.

«Glücklich allein ist die Seele, die liebt», sagte einst Goethe. Wie jeder ­andere Mensch sehnen sich auch die Rodtegg-Bewohnerinnen und -Bewohner nach einem Freund oder einer Freundin, möchten vielleicht sogar eine Familie gründen. «Liebesbeziehungen zu haben und für jemanden da sein zu wollen, sind Urbedürfnisse des Menschen. Sie bestehen unabhängig davon, wie beeinträchtigt jemand ist», weiss Luitgardis Sonderegger-Müller, die Direktorin der Rodtegg. Doch für diese Hoffnungen steht ihnen mehr im Weg als anderen Menschen. Denn die jungen Leute, die hier leben, sind alle auf eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung angewiesen. Das ist der Grund, weshalb sie in einer Institution wie der Rodtegg leben.

Sexuelle Emanzipation wird bewusst gefördert

Dass Menschen mit Behinderungen sexuelle Bedürfnisse haben, wurde historisch gesehen lange Zeit ausgeblendet. Es ist noch nicht lange her, da wurden sexuelle Kontakte rigoros unterbunden. Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen wurden bis vor wenigen Jahrzehnten zwangsweise sterilisiert, um zu verhindern, dass sie Kinder zeugen könnten. Diese Zeit ist glücklicherweise vorbei. Und doch rührt das Thema bis heute an einem Tabu. Wie man sich kaum vorstellen mag, dass die eigenen Eltern Geschlechtsverkehr haben, wird gesellschaftlich auch gerne ignoriert, dass Menschen mit Behinderungen mit einem Freund oder einer Freundin sexuelle Kontakte haben möchten.

Dieses Bewusstsein hat sich, zumindest in den Institutionen, in den letzten Jahren stark verändert. Auch in der UNO-Behindertenrechtskonvention sind das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, die freie Entfaltung der Persönlichkeit und der Schutz der sexuellen Integrität explizit festgeschrieben. Sonderegger findet deshalb:

«Alle Menschen im Umfeld – insbesondere Fachleute in sozialen Einrichtungen – sind also gefordert, die sexuelle Selbstbestimmung und Entfaltung von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen.»

Das ist allerdings teils einfacher gesagt als getan. Menschen mit starken kognitiven Beeinträchtigungen sind beispielsweise zum Teil nicht in der Lage, sich sprachlich auszudrücken. Sie kommunizieren über Piktogramme. Hier sind inzwischen einige neue dazugekommen, die es den Betroffenen ermöglichen, auch ihren sexuellen Bedürfnissen – und Grenzen – Ausdruck zu verleihen. Damit allein ist es aber nicht getan. «Viele unserer Bewohnerinnen und Bewohner sind von Kindsbeinen an auf externe Hilfe angewiesen gewesen. Wenn man jeden Tag vom Pflegepersonal an den intimsten Stellen berührt wird, ist es ungemein schwierig, ein eigenes, positives Körpergefühl zu entwickeln», sagt Luitgardis Sonderegger. «Seit sie denken können, sagen andere, was gut ist für ihren Körper. Ihn selber zu erkunden, zu betrachten oder zu betasten, fällt oft weg – und damit auch das Gefühl, dass der Körper ihnen gehört und sie darüber bestimmen können.»

Beziehungszimmer wird aussehen wie ein Hotel

Luitgardis Sonderegger sieht es als Aufgabe an, die Klientinnen und Klienten dabei zu unterstützen, ihren Körper selber kennen und lieben zu lernen. In der ­Rodtegg wird das Thema deshalb pro­aktiv angegangen: mit Weiterbildungen, einer Fachgruppe, einem Sexualkonzept und den erwähnten Workshops. An Ostern nun kommt ein neues Angebot dazu: Es wird ein neues Begegnungs- und Beziehungszimmer eingerichtet. Dieses hat einen separaten Zugang und soll den erwachsenen Bewohnern und Bewohnerinnen einen geschützten Raum bieten, in dem sie intime Beziehungen pflegen können. «Unsere Klientinnen und Klienten leben in Wohngruppen, die sehr wenig Privatsphäre bieten», sagt Sonderegger-Müller. Wenn jemand in seinem Zimmer Besuch vom Freund, der Freundin bekommt oder ein Treffen mit einer Sexualassistentin oder einer Prostituierten hat, bekommt fast das jeder mit.

Das soll sich nun ändern. «Das neue Begegnungszimmer ist rollstuhlgängig, verfügt über ein Notrufsystem und ein breites Pflegebett. Dieses lässt auch ein Nebeneinander zu, wenn beide Partner eine Behinderung haben», erklärt die Rodtegg-Direktorin. Abgesehen davon soll es wie ein Hotelzimmer aussehen. Finanziert wird der Umbau über Spendengelder. Kosten wird er rund 60 000 ­Franken: Installationen, extrabreite ­Pflegebetten und Hebelifte – die den Betroffenen grösstmögliche Unabhängigkeit gewähren sollen – sind äusserst teuer. Luitgardis Sonderegger-Müller erklärt:

«Wir legen zudem Wert darauf, ­einen schönen Raum zu gestalten. Er soll sich abheben von den alltäglichen ­Rodtegg-Zimmern, und dennoch soll die Benützung keinen anrüchigen oder schmuddeligen Touch bekommen.»

Wenn von Seiten des Pflegepersonals Hilfestellungen nötig sind, werden diese natürlich gewährt – allerdings nicht bei den sexuellen Handlungen selber. «Wir schaffen einfach den Rahmen für die Begegnungen», so Sonderegger-Müller. Erlaubt sei in der Rodtegg alles, was auch gesetzlich erlaubt ist. Das heisst: «Wir akzeptieren die sexuelle Selbstbestimmung als ein höchstpersönliches Recht, in welches weder wir als Institution noch Eltern oder Beistände eingreifen dürfen.»

Es gibt allerdings auch Institutionen, in denen das Pflegepersonal eine aktive Unterstützung beim Geschlechtsverkehr anbietet. So etwa in Kanada, wie der Kurzfilm «Prends Moi» (2014) der kanadischen Filmemacher Anaïs Barbeau-Lavalette und André Turpin zeigt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.