Der abtretende Rainer Gemeindepräsident rügt seine Kollegen

Ende Juli tritt Harry Emmenegger (FDP) als Gemeindepräsident zurück. An seiner letzten Gemeindeversammlung wandte er sich mit einer kritischen Abschlussrede an die Bürger.

Martina Odermatt
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Das Gemeindehaus in Rain. (Bild: Dominik Wunderli)

Das Gemeindehaus in Rain. (Bild: Dominik Wunderli)

«Schauen Sie, dass Sie keinen Muskelkater bekommen, heute werden Sie über viele Geschäfte befinden können», scherzte Gemeindepräsident Harry Emmenegger (FDP) zu Beginn der Gemeindeversammlung vom 5. Juni. Die Bürger befanden über die Rechnung 2018, verschiedene Geschäfte im Bilanzanpassungsbericht und die Abrechnung der Sonderkredite der Überbauung Chileweg. Diese ist gar für den Design-Award nominiert. «Es wäre schön, wenn wir da in die Kränze kommen würden», sagte Bauvorsteher Oskar Berli (CVP).

Doch das interessanteste Geschäft versteckte sich, wie so häufig, unter dem Traktandum «Verschiedenes». Der scheidende Gemeindepräsident wandte sich mit ein paar Abschiedsworten an die 87 Anwesenden. Emmenegger, seit drei Jahren Gemeindepräsident, wird sein Amt per Ende Juli abgeben. Er hat im Gemeindeblatt «Rainfo» bereits über die Umstände informiert. «Unterschiedliche Auffassungen innerhalb des Gemeinderates über meine Rolle als Präsident, und damit auch über die Geschäftsführung der Gemeinde, haben mich dazu bewogen, diesen für mich nicht einfachen Schritt zu gehen», sagte Emmenegger auch am Mittwoch.

Reden oder «Deckel drauf»

Als Unternehmensberater kenne er schwierige Situationen. Es gebe zwei Möglichkeiten, wie bei Kündigungen mit klaren Gründen umgegangen werden könne. «Entweder finden keine Gespräche zur Klärung statt, man macht einen Deckel drauf und hofft, dass es jetzt ohne Probleme weitergeht. Oder aber man spricht die Probleme an», sagte Emmenegger weiter. Dies sei anspruchsvoll, weil auch die eigene Position hinterfragt werden müsse. Aber nur so bestünde die Möglichkeit, Lehren zu ziehen und eine nachhaltige Lösung anzustreben.

Diese klärenden Gespräche, vor allem mit dem Vorstand der CVP und FDP, geschweige denn mit den im Amt bleibenden Gemeinderäten, seien nicht geführt worden. Emmenegger findet deutliche Worte für die aktuelle Situation:

«Das, was seit Februar passiert ist, hat nichts mit kritischer Auseinandersetzung, mit mutigem Ansprechen von heiklen Themen, kritischer Selbstreflexion oder Sachpolitik zu tun. Es ist reine Interessens- beziehungsweise Parteipolitik und in der Folge eine verpasste Chance.»

Die Bürger goutierten Emmeneggers Abschlussrede mit langem Applaus. Die angesprochenen Amtskollegen wirkten überrascht und etwas verlegen. Direkt dazu äussern wollte sich an der Versammlung niemand.

Die Vorwürfe, die Emmenegger geäussert hat, nahm Bauvorsteher Oskar Berli «zur Kenntnis». Er ist seit 15 Jahren im Gemeinderat Rain und hat jüngst seine Kandidatur als Gemeindepräsident bekanntgegeben, was die FDP Rain etwas «irritiert» hatte.

Gespräche hätten sehr wohl stattgefunden – auch konstruktive, sagte Berli im Nachgang zur Versammlung. Seine Kandidatur will er nicht als Angriff auf das Präsidium verstanden wissen, sondern als Lösung für Kontinuität. Nachdem bis zum Eingabeschluss vom 6. Mai seitens FDP kein valabler Kandidat gefunden werden konnte, hat die CVP Rain beschlossen, Berli für den Posten vorzuschlagen. Denn: Für den Urnengang vom 23. Juni wurde eine Blankoliste verschickt. Berli sagt dazu:

«Dieses Amt ist zu wichtig, als dass es durch einen Zufallskandidaten besetzt wird. Deshalb kandidiere ich dafür.»

Die FDP ihrerseits will den 23. Juni abwarten und dann weiter entscheiden.