Dank Flimmerpause: Nun kommt der Smartphone-Lockdown

Die Flimmerpause soll zum Verzicht auf digitale Medien animieren. Die Coronakrise sorgt aber für einen Minusrekord an Teilnehmern.

Stephan Santschi
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Lehrer Seppi Birrer will zum reduzierten Gebrauch flimmernder Gerätschaften animieren.

Lehrer Seppi Birrer will zum reduzierten Gebrauch flimmernder Gerätschaften animieren.

Bild: Patrick Hürlimann (Wolhusen, 28. Mai 2020)

Nächste Woche findet sie wieder statt, die Flimmerpause. Seit 2006 animiert sie in Schulen und Familien zum Überdenken des (digitalen) Medienkonsums. «Selten war sie so nötig wie dieses Jahr: Acht Wochen verbrachten Kinder und Jugendliche mehrheitlich in den eigenen vier Wänden und entsprechend oft vor einem Bildschirm», sagt Brigitte Waldis-Kottmann in Anlehnung an das viral bedingte Homeschooling und den bundesrätlichen Aufruf, grundsätzlich zu Hause zu bleiben.

Trotzdem stellt die Projektleiterin von Akzent Prävention und Suchttherapie Luzern fest: So wenige wie dieses Mal haben seit der Lancierung vor 14 Jahren noch nie am Programm teilgenommen. «Die Schulen sind im Moment mit anderen Themen beschäftigt. Sie legen den Fokus auf die Rückkehr zum Präsenzunterricht und eine normale Gestaltung des Schulalltags.» Während des Fernunterrichts sei einiges auf der Strecke geblieben, «und das muss nun aufgearbeitet werden».

Unterschiedliche Regeln in den Familien

Einer, der sich die Flimmerpause nicht nehmen lässt, ist Primarlehrer Seppi Birrer. «Jetzt erst recht», sagt der 35-jährige Krienser, der in Wolhusen Dritt- und Viertklässler unterrichtet. Er betont, dass die Kinder zuletzt viele Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Medien entwickelt haben, wie etwa das Senden von Dokumenten oder Fotos und generell der Umgang mit der Kommunikationsplattform Teams. «Diese digitalen Kompetenzen wollen wir unbedingt beibehalten.» Er weiss aber auch, dass eine Woche mit stark reduziertem Gebrauch von flimmernden Gerätschaften genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. «Wir haben letzte Woche ein Medientagebuch angelegt, in dem die Schüler notieren, wie oft sie ein Buch lesen oder vor einem Bildschirm sitzen.» Die Erkenntnis? «Das hängt oft vom Elternhaus ab», so Birrer.

In gewissen Familien gebe es klare Regeln, zum Teil diene die Zeit an einer Game-Konsole oder am Tablet als Belohnung fürs Lernen oder die Hilfe im Haushalt. Andernorts gibt es keine Einschränkungen. «Erschreckend ist, dass Neun- und Zehnjährige teilweise Games spielen, die erst ab 16 oder 18 Jahren zugelassen wären.»

Bemerkenswert sei zudem, dass die Kinder heute viel Zeit auf Videoportalen wie Youtube und Tiktok verbringen. «Früher lasen Jugendliche das Bravo und wollten Sänger oder Filmstars werden. Nun sind Youtube- und Tiktok-Stars die Vorbilder.» Erstaunt hat ihn die Tatsache, dass sich gewisse Kinder schwer damit tun, ein Hobby zu benennen. «Deshalb führen wir nächste Woche eine Hobby-Börse durch, bei der jede Schülerin und jeder Schüler einer Kollegin oder einem Kollegen ein nicht digitales Hobby vorstellt», sagt Birrer und fügt an: «Dazu zählen beispielsweise Klavierspielen, Handlettering, Biken oder Trampolinspringen. Kinder mit ausländischen Wurzeln stellen derweil ihre Sprachen vor, bei uns sind das Eritreisch und Portugiesisch.»

Der Lehrer verzichtet auf Whiteboard und Whatsapp

Und was bedeutet der Flimmer-Lockdown für Seppi Birrer selber? «Wir haben keinen Fernseher zu Hause, ich benutze aber sehr häufig mein Handy. Nächste Woche werde ich das Internet aber ausschalten und mit den Eltern nicht via Whatsapp, sondern nur per Telefon und SMS in Kontakt stehen.» Im Unterricht kommt zudem die gute alte Wandtafel anstelle des Whiteboards und des Beamers zum Einsatz. «Das Mitmachen ist freiwillig. Trotzdem haben sich bei mir alle schriftlich verpflichtet, für eine Woche auf digitale Medien zu verzichten», sagt Birrer und fügt an: «Die Kinder freuen sich darauf. Auch einige Familien sind dann bemüht, flimmerfrei zu sein.»

Aufruf an die Familien

Seit dem Start der Flimmerpause im Jahr 2006 machten stets um die 2000 Personen mit, letztes Jahr waren es sogar 4694. Nun kommt es zum Minusrekord: Nur 734 Teilnehmende sind für die bildschirmlose Zeit vom 1. bis 7. Juni registriert. Familien machen bisher noch gar keine mit, weshalb deren Anmeldefrist bis zu den Sommerferien verlängert wurde.

«Unter den Angemeldeten verlosen wir Gutscheine für das Alpamare», sagt Projektleiterin Brigitte Waldis-Kottmann und fügt an: «Familien können selber eine passende Woche für ihr flimmerfreies Experiment festlegen.» Gemeldet wurden bisher Aktionen wie Spieleabende, Spaziergänge, Ideensammlung für die Freizeit und den sinnvollen Umgang mit digitalen Medien, Frühlingsputz, Medientagebuch oder eine Hobby-Börse