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Medikamentenversuche in St. Urban: Trotz Untersuchung bleiben viele Fragen unbeantwortet

Die Medikamentenversuche an der Psychiatrischen Klinik wurden extern untersucht. Fest steht: Die Experimente mit nicht zugelassenen Medikamenten haben keine Rechtsnormen verletzt. Dennoch bleiben Unklarheiten bestehen.
Yasmin Kunz
Wegweiser zur Luzerner Psychiatrie in St. Urban. (Bild. Pius Amrein, St. Urban, 18. April 2017)

Wegweiser zur Luzerner Psychiatrie in St. Urban. (Bild. Pius Amrein, St. Urban, 18. April 2017)

Die Psychiatrische Klinik St. Urban im Kanton Luzern hat in den 50er- und 60er-Jahren mit nicht zugelassenen Medikamenten an Patienten experimentiert. Etwas mehr als 200 Patienten waren betroffen, wie die SRF-Sendung «Schweiz aktuell» im November 2017 berichtete. Die Medikamente wurden von einer Basler Pharmafirma kostenlos zur Verfügung gestellt.

In der Folge leitete die Luzerner Regierung eine Untersuchung der Umstände von damals ein. Sie hat Paul Richli, den ehemaligen Rektor der Universität Luzern, damit beauftragt. Gestern nun hat der Kanton Luzern die Untersuchungsergebnisse kommuniziert.

Fehlende Rechtsnormen für Medikamentenversuche

Die Liste der Vorwürfe gegenüber der Klinik und den damaligen Ärzten war lang: Die Patienten hätten nichts von den Versuchen gewusst, teils habe man sie überredet, die Medikamente einzunehmen, oder man habe ihnen Zwangsmassnahmen angedroht.

Paul Richli hält in seinem 46-seitigen Bericht fest, dass die Klinik St. Urban mit den Medikamentenversuchen keine Rechtsnormen verletzt hat, weil es im besagten Zeitraum dafür keine Gesetzgebung gab, wonach die Klinik in St. Urban verpflichtet gewesen wäre, die Patienten über Arzneimittelversuche aufzuklären und ihre Zustimmung einzuholen. Auch klinikintern hätten keine einheitlichen Richtlinien zur Handhabung von Arzneimittelversuchen existiert. «Die Klinik-Praxis hat somit hinsichtlich der Handhabung von Arzneimitteln dem Standard der damaligen Zeit entsprochen», heisst es. Heute beteiligt sich die Luzerner Psychiatrie nicht mehr an Medikamentenversuchen.

Zurück zu den Vorwürfen: Aus der Analyse der Patientenunterlagen – ausgewertet wurden insgesamt 150 Dossiers – wird klar: Die Vorwürfe waren nicht aus der Luft gegriffen. Die Patienten wurden teilweise für die Medikamenteneinnahme überredet, auch wurden Zwangsmassnahmen angedroht. Zudem legt der Bericht dar, dass Minderjährige von den Versuchen nicht ausgenommen waren. In den selektionierten Dossiers finden sind rund zehn Minderjährige.

Nebenwirkungen wurden selten vermerkt

Dennoch sind laut Richlis Analyse klare Anzeichen vorhanden, dass das Personal mit den Patienten über die gefassten Massnahmen gesprochen und auch Wert auf die Akzeptanz gelegt habe. Das treffe vor allem auf die Verabreichung von Arzneimitteln zu. Anzeichen für Zustimmung finden sich in rund 20 Prozent der untersuchten Akten.

Richlis Untersuchung legt allerdings auch dar, dass in den Patientendossiers fast nie angegeben wurde, ob Patienten über den Versuch informiert worden sind und ob man deren Zustimmung eingeholt hat. Ebenfalls kaum zu eruieren sind gemäss Bericht Nebenwirkungen von Arzneimitteln – unabhängig davon, ob sie bereits zugelassen waren oder nicht. Denn Nebenwirkungen wurden nur selten vermerkt. Es könne aber davon ausgegangen werden, dass die Wirkung überwacht worden sei und dass man auf negative Nebenwirkungen mit einer Anpassung der Medikation regiert habe.

Betroffen waren insbesondere Patienten mit Depressionen und Schizophrenie sowie Alkoholkranke. Offen bleibt auch, ob es aufgrund der Versuchsmedikamente «zu besonderen Vorkommnissen oder Todesfällen gekommen» ist. Die Frage nach Beitragszahlungen von Pharma-Firmen an die Klinik St. Urban kann ebenfalls nicht eindeutig beantwortet werden. Entsprechende Akten seien nicht (mehr) vorhanden.

Schicksale der Patienten machten Richli betroffen

Das sind viele offene Fragen. Studienverfasser und Jurist Paul Richli sagt dazu:

«Die Dossiers wurden sehr seriös geführt, allerdings gab es damals noch keine einheitlichen Richtlinien.»

So habe jeder Arzt die Patientenakte nach seinem besten Wissen und Gewissen verfasst. Darum sei das Erarbeiten von Kriterien für die Untersuchung auch eine grosse Herausforderung gewesen. Richlis Arbeit bestand darin zu recherchieren, was vorgefallen ist. «Die Schicksale der Patienten haben mich jedoch sehr betroffen gemacht.» Zudem sei er «sehr beeindruckt», wie das Personal der Psychiatrie damals mit wenigen Therapieformen gearbeitet hatte.

Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf «bedauert», dass es vereinzelt zu Situationen gekommen sei, «die aus heutiger Sicht nicht mehr tolerierbar sind». Der CVP-Politiker sagt, es sei wichtig und richtig, habe man dieses Kapitel aufgearbeitet. «Damit wir nun wissen, was passiert ist, wobei die Resultate im Licht der damaligen Zeit zu betrachten sind.»

Den vollständigen Bericht finden Sie hier: Bericht.pdf





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