Behindertenseelsorge in Luzern: «Ich lerne, die Welt mit anderen Augen zu sehen»

Seit drei Jahren leitet Bruno Hübscher die Seelsorge für Menschen mit Behinderung. Die Aufgabe ist so spannend wie herausfordernd. Trotzdem wünscht sich der Theologe, dass es die Stelle irgendwann nicht mehr braucht.

Andreas Faessler
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Geschichten, Gebete, Rollenspiele – über einfache Wege vermittelt Behindertenseelsorger Bruno Hübscher Menschen mit Behinderung christliche Werte. (Bild: Dominik Wunderli, Rathausen, 30. März 2019)

Geschichten, Gebete, Rollenspiele – über einfache Wege vermittelt Behindertenseelsorger Bruno Hübscher Menschen mit Behinderung christliche Werte. (Bild: Dominik Wunderli, Rathausen, 30. März 2019)

Die Behindertenseelsorge ist ein etablierter Fachbereich in der katholischen Landeskirche Luzern. Bis zu deren Gründung im Jahre 1974 war die Schweizerische Caritaszentrale zuständig gewesen für die seelsorgerische Betreuung von Menschen mit einer Behinderung. Die Luzerner Behindertenseelsorge spricht Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen an. Es gibt auch pastorale Angebote für Menschen mit Seh- und Hörbehinderung, für letztere werden Fachleute für Gebärdensprache herangezogen. Der Behindertenseelsorge angeschlossen ist zudem der Beratungsdienst für Religionsunterricht an Sonderschulen.

Es ist selbstredend, dass diese Art Seelsorge mit besonderen Anforderungen einhergeht: Neben der spirituell-theologischen Betreuung, die sich am Evangelium ausrichtet, will sie auch erreichen, dass der Mensch im Mittelpunkt steht mit seiner Würde und seinen Bedürfnissen. Die Teilhabe am gesellschaftlichen und kirchlichen Leben soll uneingeschränkt zur Lebensqualität beitragen. Die Sensibilisierung für diese Anliegen ist zentral und soll Barrieren und Berührungsängste abbauen – Inklusion als konkreter Auftrag.

Niederschwellige Wertevermittlung

Vor drei Jahren hat der Theologe Bruno Hübscher als Leiter der Behindertenseelsorge der Landeskirche Luzern seine Berufung gefunden. Seine Arbeit, so sagt er, bereichere ihn ungemein, lasse ihn manche Dinge neu erleben. «Durch die Arbeit mit Menschen mit Behinderung lerne ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen», sagt der 49-Jährige. «Man arbeitet mit Menschen, die ‹anders› sind, auf Augenhöhe. Ihre Gedanken und Anschauungen sind bereichernd und wertvoll.» Die Vermittlung von christlichen Werten und religiösen Gedanken wird den Bedürfnissen der Menschen angepasst, niederschwellig und kreativ gestaltet. So führt Bruno Hübscher beispielsweise dann, wenn er mit schwerstbehinderten Menschen im Zentrum Rathausen arbeitet, kleine Rollenspiele durch, man singt und musiziert gemeinsam, hört sich eine Geschichte aus der Bibel an, spricht gemeinsam ein Gebet ... «Über solche Wege setzen wir uns mit grundlegenden Werten auseinander. Mit Weisheiten und Gleichnissen aus der Bibel tauschen wir uns über Themen wie die Nächstenliebe oder das Teilen aus.» Jährlich steht die Behindertenseelsorge Luzern zudem unter einem wechselnden Motto – heuer geht es um die Frage «An was können wir wachsen?». Dieses Thema begleitet die Menschen das ganze Jahr hinüber und steht denn auch beim jährlichen Sommerlager genauso wie bei allen anderen gemeinsamen Aktivitäten im Mittelpunkt.

Zentrale Glaubensfragen

«Viele Menschen mit Behinderung praktizieren ihren Glauben aktiv, sind regelmässige Kirchgänger, weil ihnen die Eucharistie viel bedeutet. Das gemeinsame Feiern steht dabei im Zentrum», sagt der Seelsorger. Für Sterbebegleitungen und Beerdigungen wurde er schon wiederholt beigezogen, sei es auf Wunsch der betroffenen Person oder auf Wunsch der Angehörigen. Auch ganz spezifische Fragen werden an ihn herangetragen, wie etwa zum Thema Sexualität. «Wenn zwei gläubige Menschen mit Behinderung miteinander Intimitäten austauschen, dann beschäftigen sie sich zum Beispiel mit der Frage, ob das aus religiöser Sicht nun richtig oder falsch sei», sagt Hübscher. Genauso kommen die Leute mit Gedanken zu den grossen Rätseln der Menschheit, wie beispielsweise dem Leben nach dem Tod, zum Seelsorger. Er gibt den Fragenden jeweils Gedankenanstösse und theologische Hilfestellung, die ihnen letztendlich den Raum lassen, für sich selber eine Antwort zu finden, respektive einen Weg zu wählen, den sie mit ihrem Gewissen vereinbaren können.

Zur Arbeit mit behinderten Menschen ist der ehemalige Bankkaufmann über seine Schwiegereltern gekommen, welche in diesem Bereich tätig waren. Auch Hübschers Frau Marianne arbeitet im Sozialbereich. «Ich habe festgestellt, dass mir ein Beruf, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht – und nicht Geld oder Zahlen –, viel mehr gibt», so Hübscher. Nach dem Studium der Theologie auf dem Dritten Bildungsweg verbrachte er dreieinhalb Jahre mit der Bethlehem-Mission Immensee auf den Philippinen, trat schliesslich seine erste Stelle als Seelsorger in Grosswangen an, liess sich zum Diakon weihen und arbeitete weitere drei Jahre in der Pfarrei Nottwil, ehe er sich für die vakant gewordene Stelle als Behindertenseelsorger bei der Luzerner Landeskirche bewarb.

Bruno Hübscher möchte nicht mehr zurück in die «herkömmliche» Seelsorge, wie er sagt, zu gross ist seine Freude an der Arbeit mit den Menschen, die etwas «anders» sind. Dennoch wünscht er sich, dass es die erfahrungsgemäss sehr geschätzte Stelle der Behindertenseelsorge irgendwann mal nicht mehr braucht. «Es wäre schön, wenn man sich in jedem Pastoralraum und jeder Pfarrei noch mehr bewusst würde, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich dazugehören und die Teilhabe konkret gelebt wird. Wenn zum Beispiel bei allen Angeboten des Pastoralraumes und der Pfarrei Menschen mit Behinderungen ausdrücklich eingeladen werden. So, dass die Betroffenen nicht mehr auf die Behindertenseelsorge als zentraler Fachbereich angewiesen sind.»

lukath.ch/behindertenseelsorge