Kolumne

Die Welt dreht sich weiter

Valentina Thurnherr
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Valentina Thurnherr

Valentina Thurnherr

Illustration:Thomas Werner

«Wir brauchen 4 Umarmungen pro Tag zum Überleben, 8 Umarmungen pro Tag, um uns gut zu fühlen, und 12 Umarmungen pro Tag zum innerlichen Wachsen.» Diese Worte stammen von der US-amerikanischen Psychotherapeutin Virginia Satir. Der Mensch ist nicht für die Einsamkeit gemacht. Und selbst wenn Herr und Frau Schweizer nicht unbedingt zum körperlichsten Volk gehören, so kann doch niemand leugnen, dass uns die Umarmungen fehlen. Wenn die Familie zu Besuch kommt, oder gute Freunde, gehört es einfach dazu. Den meisten wird auch bewusst, wie schwer es ist diesem Drang zu widerstehen.

Wenig verwunderlich also, dass es viele Leute gibt, die sich partout nicht an die Social-Distancing-Regeln halten wollen. Ob bewusst oder unbewusst – wir suchen die Nähe zu unseren Mitmenschen. Alle Vorsicht über Bord werfen, sollte man aber trotz unserer Urinstinkte nicht. Jetzt auf die Strasse gehen, um gegen die Coronaregelungen zu protestieren, ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und gibt es auch nur einen winzigen Hoffnungsschimmer wieder in die Normalität zurückzukehren, klammert er sich verzweifelt daran fest. Und wenn das bedeutet, dass man kuriosen Verschwörungstheorien die Türe öffnen muss.

Den Gottkomplex alles kontrollieren zu wollen, hatte der Mensch hingegen schon immer. Was wir allerdings einsehen sollten, ist, dass die Welt sich auch ohne uns weitergedreht hat. Die Natur ist gediehen. Tiere sind nach Jahrzehnten an Orte zurückgekehrt, von wo sie der Mensch einst verdrängt hat. Unserem Planeten geht es ganz hervorragend, wenn wir die Füsse still halten. Deswegen sollten wir von unseren hohen Rössern runter­kommen und einsehen, dass wir nun mal nicht immer alles unter Kontrolle haben können.

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