«Zypern ist im Teufelskreis»

Die EU hat ein Begehren des zypriotischen Präsidenten Anastasiadis für Neuverhandlungen des Hilfsprogramms einstimmig abgelehnt. Professor Hubert Faustmann sieht Zypern am Abgrund.

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Zypriotische Rentner protestieren vor dem Finanzministerium in der Hauptstadt Nikosia gegen Kürzungen staatlicher Leistungen. (Bild: epa/Katia Christodoulou)

Zypriotische Rentner protestieren vor dem Finanzministerium in der Hauptstadt Nikosia gegen Kürzungen staatlicher Leistungen. (Bild: epa/Katia Christodoulou)

Herr Faustmann, inwieweit ist die zehn Milliarden Euro teure Rettungsaktion für Zypern fehlerhaft?

Hubert Faustmann: Der grösste Fehler war, dass die Überlebende der beiden Grossbanken, die Bank of Cyprus, mit den Schulden der inzwischen abgewickelten Laiki-Bank belastet wurde. Deren Altschulden führten dazu, dass keiner in Zypern mehr auf das Überleben der Bank of Cyprus vertraut. Zypern ist in einem Teufelskreis mit der bei weitem wichtigsten und grössten Bank, von der alle befürchten, dass sie untergeht.

Und weiter?

Faustmann: Der zweite grosse Fehler war die Weisung der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und IWF, die griechischen Filialen der Bank of Cyprus und von Laiki über Nacht zu einem Spottpreis zu verkaufen. Man hätte vier Milliarden Euro erlösen können, bekam aber nur 500 Millionen. Damit haben die hiesigen Banken und somit Zypern Milliarden verloren. Dies auf Druck der Troika, um den zypriotischen Bankensektor zu verkleinern.

Die EU hat nun Nachverhandlungen über das Hilfsprogramm einstimmig abgelehnt. Ihr Urteil?

Faustmann: Die Lage in Zypern spitzt sich dramatisch zu. Man steht vor der Wahl, das Land ökonomisch untergehen zu lassen oder die Bank of Cyprus zu retten. Dabei müsste die Troika kritisch reflektieren, welche Fehler gemacht wurden und welche Mitverantwortung sie als Geldgeber trägt. Aber Brüssel wird die Büchse der Pandora nicht nochmals öffnen.

Wovor fürchtet sich Brüssel?

Faustmann: Vor dem Eingeständnis, dass man der praktisch schon pleite gegangenen Laiki-Bank letztes Jahr noch neun Milliarden Euro gegeben hat, obwohl man wusste, wie es in dieser Bank aussah. Da trägt die zypriotische Regierung, die eine Pleite der Laiki vor den Präsidentenwahlen im Februar vermeiden wollte, eine grosse Schuld – aber eben auch die EZB: Sie hätte nur einer solventen Bank Geld geben dürfen.

Also neun Milliarden Euro zum Fenster hinausgeworfen?

Faustmann: Ja. Die Schulden wuchsen unnötig um diese Summe. Und dieser Mühlstein hängt nun am Hals der Bank of Cyprus.

Was wären die Folgen eines Untergangs der Bank of Cyprus?

Faustmann: Dann bricht die zypriotische Wirtschaft zusammen. Die Bank of Cyprus ist für das Land so systemrelevant wie UBS und Credit Suisse zusammen für die Schweiz. Es wäre eine Katastrophe für Zypern.

Wissen das die Zyprioten?

Faustmann: Ja, deshalb ziehen sie ihre Gelder ab. Kein Mensch hat mehr Vertrauen in diese Bank.

Wie hoch ist der Kapitalbedarf der Bank of Cyprus?

Faustmann: Das weiss ich nicht genau. Aber die neun Milliarden Euro Schulden als Altlast der Laiki müssten aus dem System herausgenommen werden. Man muss den Zyprioten vermitteln, dass die Bank of Cyprus überleben wird. Erst dann hört der Kapitalabfluss auf. Aber eine Bank, von der nur noch abgehoben wird, ist eine tickende Zeitbombe.

Wie ist die Stimmung im Volk?

Faustmann: Verängstigt und deprimiert. Jeden Tag sperren zwanzig Geschäfte zu, verlieren Menschen ihre Arbeit. Überall wird entlassen, werden Löhne gekürzt.

Bleibt Zypern im Euro?

Faustmann: Die Regierung ist eindeutig dafür. Falls aber die Bank of Cyprus untergeht, wird die Stimmung umschlagen.

Interview: Michael Wrase, Nikosia

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