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Marc Girardelli: Zwischen den Slalomstangen hat er gelernt, sich zu entscheiden

Marc Girardelli gehört zu den erfolgreichsten Skifahrern der Geschichte. Als Unternehmer tanzt der Wahl-Rheintaler auf vielen Hochzeiten. Rückschläge beeindruckten ihn nie.
Jürg Ackermann
Helikopterpilot, Unternehmer und Botschafter: Marc Girardelli. Bild: Manuela Jans-Koch

Helikopterpilot, Unternehmer und Botschafter: Marc Girardelli. Bild: Manuela Jans-Koch

Nein, ein Nostalgiker ist Marc Girardelli nicht. In seinem Haus in Rebstein hat er keinen einzigen Pokal ausgestellt – obwohl es von denen doch so viele gäbe: Fünfmal Gesamtweltcupsieger, 46 Siege im Weltcup, elf WM-Medaillen, davon vier goldene.

Der gebürtige Vorarlberger ist der bisher einzige Skifahrer der Geschichte, der in einer Saison in allen Disziplinen Rennen gewonnen hat. Doch Girardelli hat nach Ende der Karriere bald aufgehört, sich über seine Erfolge zu definieren. Er wusste, dass es ein Leben danach geben musste, das nichts oder nur noch am Rande mit Skifahren zu tun hatte.

Er ging schon früh unkonventionelle Wege

Heute tanzt der 55-jährige Wahlschweizer unternehmerisch auf vielen Hochzeiten: Er hat eine eigene Bekleidungslinie, er organisiert Events, ist Helikopterpilot und arbeitet für die Firma Bemer, die Therapiegeräte für eine bessere Mikrozirkulation des Blutes herstellt. Zudem ist er Mehrheitsaktionär und Botschafter des bulgarischen Skigebiets Bansko. Nebenbei hat er mit einer Co-Autorin drei Krimis geschrieben. Ideen für einen vierten Band schwirren bereits in seinem Kopf.

Unkonventionelle Wege zu gehen, hatte Girardelli früh in seinem Leben gelernt. Weil sich sein Vater und Förderer Helmut Girardelli mit dem österreichischen Skiverband überwarf, startete der Vorarlberger für Luxemburg. Nicht auszudenken, wie die Massen ihm zugejubelt hätten, wenn er im österreichischen Renndress die vielen Erfolge gefeiert hätte.

Die entscheidende Frage: Was mache ich gerne?

Doch möglicher Applaus war selten der Antrieb für seine Unternehmungen. Nicht während und auch nicht nach der Skikarriere. Girardelli ist ein paarmal gestürzt – und wieder aufgestanden.

Allein elfmal wurde er am Knie operiert. Sehr viel Geld verlor er Ende der 1990er-Jahre mit einer viel zu teuren Skihalle im Ruhrgebiet. Als Co-Kommentator des Schweizer Fernsehens strich er schon nach ein paar Wochen die Segel. Doch aus der Bahn geworfen haben ihn Rückschläge nie.

Irgendwann hat er gelernt, sich als Unternehmer ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen: Was mache ich gerne? Was habe ich für Möglichkeiten? Wo bestehen Risiken? Girardelli konzentriert sich seither auf das, was er wirklich kann: kommunizieren, netzwerken, Menschen zusammenbringen. Wer mit ihm spricht, kann sich nur schwer vorstellen, dass er während seiner Karriere als eigenbrötlerisch und kauzig galt.

«Mich interessiert, was andere machen. Besonders dann, wenn sie es mit Begeisterung und erfolgreich tun.»

Zu diesen Menschen gehört auch die querschnittgelähmte ehemalige Stabhochspringerin Kira Grünberg aus Innsbruck. «Als ich ihr zum ersten Mal bei einem Vortrag zuhörte, war ich überwältigt. Von ihrer Lebensfreude, ihren Projekten.»

2017 wurde Grünberg ins österreichische Parlament gewählt. Sie half Girardelli auch, als der Chef von J. P. Morgan Asien ihn um einen Gefallen bat. Eine Bekannte des Bankers war an einem Rückentumor erkrankt. Ihr drohte dasselbe Schicksal im Rollstuhl. Ob Girardelli helfen könnte, das Mädchen mental aufzubauen? Er verwies auf Grünberg und brachte die beiden Frauen zusammen. Seither tauschen sie sich regelmässig aus. Es sind solche Dinge, die ihn emotional bewegen, an denen er heute Erfolg misst.

Den Träumen nicht hinterherrennen

Sich immer wieder auf etwas Neues einlassen, neugierig bleiben: Das sind Grundsätze, die Girardelli auch in seinen Vorträgen streift. Und noch ein paar mehr. Wie man mental stärker wird, wie man die Komfortzone verlässt und seine Grenzen sprengt – oder zumindest ausdehnt. Dabei kommen ihm die Erfahrungen aus dem Spitzensport zugute.

Girardelli wurde fünf Mal Gesamtweltcupsieger und vier mal Weltmeister - wie hier in der Kombination in der Sierra Nevada 1996.

Girardelli wurde fünf Mal Gesamtweltcupsieger und vier mal Weltmeister - wie hier in der Kombination in der Sierra Nevada 1996.

Dort hat er zwischen den Slalomstangen gelernt, in Sekundenbruchteilen jene Entscheidungen zu treffen, die ausschlaggebend darüber sind, ob jemand auf oder neben dem Podest landet. Vielleicht auch: Ob jemand sein Glück findet oder ein Leben lang seinen Träumen hinterherfährt.

Das macht Girardelli sicher nicht. Wenn es eine Gelegenheit gibt, packt er sie meist. Das war auch mit dem Skigebiet Bansko in Bulgarien so. Im Dezember wurde bekannt, dass Girardelli Eigentümer jener AG ist, die das Skigebiet betreibt. Seit Jahren liegt er im Clinch mit Umweltschützern, die eine zweite Zubringerbahn verhindern wollen. «Zu Stosszeiten fahren wir die Gäste mit Bussen ins Gebiet, um lange Wartezeiten zu verhindern. Das ist kaum im Sinne des Umweltschutzes», sagt Girardelli.

Tageskarte für weniger als 30 Euro

Schon die bulgarischen Kommunisten hatten in Bansko in den 1950er-Jahren Lifte gebaut. Nach dem Mauerfall war jedoch vieles veraltet und verfallen. Das ist heute anders. Bansko soll mit seinen Sesselbahnen und 70 Pistenkilometern «das modernste Skigebiet in ganz Osteuropa» sein. Die skifahrende High-Society aus Istanbul, Sofia oder Thessaloniki trifft sich dort ebenso wie britische Touristen, die mit Charterflügen nach Bulgarien kommen, um von billigen Tageskarten von unter 30 Euro zu profitieren.

Zwei Skilegenden: Marc Girardelli mit Alberto Tomba in Bansko. Bild: Epa/Donev

Zwei Skilegenden: Marc Girardelli mit Alberto Tomba in Bansko. Bild: Epa/Donev

Es ist auch Girardellis Verdienst, dass der Weltcup-Tross wie an diesem Wochenende immer wieder Station in Bulgarien macht. Seit 2004 wirkt er als Botschafter und als Türöffner beim Weltskiverband FIS, wo Austragungsorte oft lang warten müssen, ehe sie zum Handkuss kommen.

Girardelli fährt noch immer Ski, manchmal auch an den Bügelliften im Appenzellerland. Ebenso leidenschaftlich spielt er Golf. Doch für ihn ist heute klar: Zu den grossartigen Erfahrungen, die erfolgreiche Spitzensportler machen, gehören auch viele Entbehrungen wie das tägliche Training oder der Verzicht auf ein Studium.

Der vierfache Familienvater ist darum nicht unglücklich darüber, dass keines seiner Kinder eine Skikarriere eingeschlagen hat. Girardelli, der mit den zwei jüngsten Mädchen und seiner Frau in Rebstein wohnt, sagt:

«Alle meine Kinder fanden Snowboarden
cooler»

Sein ältester Sohn ist Lokführer bei den österreichischen Bahnen, die zweitälteste Tochter studiert in Wien.

Mit der Horizonterweiterung ist jedoch längst nicht Schluss. Derzeit lernt Girardelli Russisch. Erst kürzlich war er bei Sotschi, dem Austragungsort der Olympische Winterspiele 2014, Skifahren und kehrte begeistert zurück. «Die Sprache öffnet den besten Zugang zu Menschen. Ich lasse mich gerne auf sie ein.»

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