Zweibeinige Rüebli gesucht

Gemüse, das zu klein, zu gross oder sonstwie aus der Form geraten ist, verkauft Coop als Ünique-Produkte. Obwohl die Aktion noch läuft, muss man sie inzwischen fast mit der Lupe suchen. Wie ist die Lage im Detailhandel generell?

Martin Leutenegger
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Im Sommer 2013 begann Coop, Gemüse und Früchte anzubieten, die nicht der Norm entsprechen, aber qualitativ einwandfrei sind. (Bild: Coop)

Im Sommer 2013 begann Coop, Gemüse und Früchte anzubieten, die nicht der Norm entsprechen, aber qualitativ einwandfrei sind. (Bild: Coop)

«Ünique-Gemüse suchen Sie», sagt die Frau vom Kundendienst eines Coop-Mega-Stores, «da muss ich den Chef fragen, ob wir solches überhaupt noch im Sortiment führen.» Ein internes Telefon ergibt, dass derzeit nichts in der Art angeboten wird, aber, meint die Angestellte zum Kunden: «Ich werde dem Chef ausrichten, dass eine Nachfrage nach diesem Gemüse besteht.»

Coop-Kundinnen in anderen Filialen berichten, dass sie gelegentlich ein paar zweibeinige oder krumme Rüebli gesehen haben, die etwas verloren zwischen Gebinden mit Hochglanzgemüse unter dem Titel «Ünique-verbilligt» zum Verkauf standen. Verschwunden scheinen jedoch die grossen, gut markierten Ünique-Regale, wo es anfänglich alles Mögliche zu kaufen gab, von zu kleinen Tomaten über gekrümmte Gurken bis zu riesigen Kohlköpfen. Die Vermutung liegt daher nah, die Ünique-Aktion sei ein Flop gewesen und vielleicht bereits eingestellt worden.

«Gesellschaft visuell orientiert»

Von einem Kampagnenstop könne keine Rede sein, sagt hingegen Nadja Ruch, Mediensprecherin von Coop: In über 100 Verkaufsstellen seien Ünique-Produkte immer noch im Angebot, allerdings variiere dieses je nach Saison. So habe Coop im Frühling vom Hagel geschädigte Aprikosen unter dem Label verkauft, im Herbst seien es Birnen gewesen und Gurken, die in Spanien nicht ihre ideale Form erreicht hätten.

Dass Ünique-Produkte nicht mehr überall oder nur in kleinen Mengen angeboten werden, könnte allerdings auch mit dem Kaufverhalten der Kundschaft zusammenhängen. So räumt Ruch ein, dass «die Leute nach wie vor auch mit den Augen einkaufen», und da ist der Griff zum fleckenlosen Apfel oder wohlgeformten Rüebli halt oft schneller getan als der Gedanke an die Verschwendung von geniessbaren, aber optisch «suboptimalen» Naturprodukten. Diese Erfahrung bestätigt auch Migros-Sprecherin Martina Bosshard: «Unsere Gesellschaft ist sehr visuell orientiert. Vor allem bei Früchten und Gemüse im Offenverkauf zeigt sich dies deutlich. Die Kunden wählen stets die schönsten Stücke aus. Eine Gurke etwa, die an einem Ende eine Krümmung aufweist, bleibt in der Regel liegen, obwohl sie qualitativ gleich gut ist. Was in den Augen der Kundschaft visuell ungenügend ist, wird nicht gekauft – zumindest nicht zum gleichen Preis.» Nahrungsmittel, die optisch von der Idealform abweichen, verkauft Migros deshalb zum Teil zu einem günstigeren Preis unter dem Label M-Budget, oder verwendet es in der Gastronomie respektive im Bereich der verarbeiteten Lebensmittel (Convenience-Food).

Auf mehreren Wegen

Auch bei Manor fallen Früchte und Gemüse an, die das Auge weniger erfreuen. Um Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken, garantiert das Unternehmen für die Eigenmarke «Lokal» Produzenten die Abnahme der ganzen Ernte und versucht, diese auch zu verkaufen. Früchte, die stark von der Norm abweichen, werden zu Saft, Kuchen oder Kompott verarbeitet.

Aldi Suisse betont, dass das Unternehmen «seit jeher eine sehr grosse Bandbreite an Qualitäten akzeptiert». Früchte minderer Qualität würden bis zu 50% billiger angeboten und von der Kundschaft auch gern gekauft – wenn nicht zum Verzehr, dann zum Kochen oder Backen.

Lidl Schweiz kämpft gegen die Verschwendung, indem Früchte und Gemüse in kleineren Packungen angeboten werden, und Denner erklärt, dass seine Läden mehrmals pro Woche, aber mit kleineren Mengen beliefert werden, so dass auf die Nachfrage besser Rücksicht genommen werden kann. Alle angefragten Grossverteiler verweisen zudem auf ihre Zusammenarbeit mit caritativen Organisationen wie Tischlein deck dich oder Caritas, wo einwandfreie Lebensmittel willkommen sind, auch wenn sie optisch gewisse Makel aufweisen. Was gar nicht verkauft oder verschenkt werden kann, wird Tierfutter oder Biogas.