«Zwei Schwestern unter einem Dach»

Seit gut einem Jahr ist Patrick Fischbacher Geschäftsleiter der Proventx AG. Die IT-Firma hat nun zusammen mit der grösseren Schwester Inventx einen neuen Standort in St. Gallen bezogen.

Interview: Stefan Borkert
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Patrick Fischbacher, CEO der Proventx, setzt bei der Marktbearbeitung ganz bewusst auf die Region Ostschweiz. (Bild: Hanspeter Schiess)

Patrick Fischbacher, CEO der Proventx, setzt bei der Marktbearbeitung ganz bewusst auf die Region Ostschweiz. (Bild: Hanspeter Schiess)

Patrick Fischbacher, sämtliche Arbeitsplätze am neuen Standort der Proventx sind heute verwaist, sogar die Xbox. Homeoffice oder Aussendienst?

Wir haben heute in Chur unsere vierteljährliche Mitarbeiterinformation, an welcher alle Mitarbeitenden der Firmengruppe teilnehmen. Ich reise später nach.

Sieht nach flachen Hierarchien aus. Auch ein Glaskasten für den Chef fehlt.

Stimmt, wir favorisieren eine flache Hierarchie, und ich will mich da als CEO nicht abschotten. Wir pflegen einen vertrauensvollen Umgang untereinander. Die Mitarbeiter geniessen viel Freiheit und haben flexible Arbeitszeiten. Wenn es an der Zeit ist, dann wird auch mal ein Match an der Xbox ausgetragen, auch mit dem Chef. Und bevor Sie fragen, es gibt einige, die mich dabei schlagen.

Proventx wächst. Haben Sie Probleme, neue Mitarbeiter zu finden?

Wir rekrutieren viel in der Ostschweiz. St. Gallen ist eine attraktive Stadt, und der Standort liegt nahe am Bahnhof. Wir finden genügend motivierte Leute. Und, die Inventx ist unter den Top Ten der besten Arbeitgeber der Schweiz platziert.

Familienunternehmen geben meist keine Zahlen bekannt. Welche Wachstumsrate streben Sie mit der Proventx an?

Das bewegt sich im guten zweistelligen Prozentbereich.

Die Aufgabe des Standorts Altstätten hat vermutlich auch mit der Wachstumsstrategie zu tun?

Ja. Die neuen Offices und der Umzug sind nötig geworden, weil Proventx und Inventx das hohe Momentum ihrer erfolgreichen Entwicklung in den letzten Jahren aufrechterhalten und ihre Präsenz auf dem interessanten Ostschweizer Markt weiter stark ausbauen wollen.

Das heisst, dass Sie in der letzten Zeit neue Kunden gewonnen haben?

Tatsächlich haben neue namhafte Kunden wie Swisslife oder die Clientis-Bankengruppe beiden Schwesterunternehmen auf dem Gesamtschweizer Markt zu noch mehr Relevanz und Ausstrahlung verholfen.

Die Inventx hat damit ihren dritten Standort eröffnet, neben dem Hauptsitz in Chur und Brüttisellen. Brüttisellen ist nahe dem Finanzplatz Zürich. Warum St. Gallen?

Die Interaktion und Nähe mit den Kunden sind zwei unserer fundamentalen Werte. Weitere Werte sind Innovation und Swissness. Der neue Standort in St. Gallen spiegelt das wider. Für unsere weitere strategische Entwicklung ist es zudem von grossem Vorteil, die horizontale Expertise der Proventx mit der vertikalen der Inventx unter einem Dach zu vereinen und die Ressourcen der beiden Schwesterunternehmen noch stärker zu verzahnen. So nutzen wir Synergien, die wiederum unseren Kunden zugutekommen.

Synergien ist ein viel gebrauchtes Schlagwort. Können Sie konkreter werden?

Wie schon erwähnt, kann die Proventx so ihr Wachstums- tempo erhöhen und die Inventx deckt neu mit ihren Standorten das gesamte Marktgebiet im Dreieck zwischen St. Gallen, Chur und Zürich ab. In der Ostschweiz entsteht damit einer der stärksten Player, wenn es um Digitalisierung in der produzierenden und der Finanzindustrie geht. Wir haben optimalen Zugriff auf Know-how, Ressourcen und Erfahrung im eigenen Haus. So nutzen auch beide Schwesterfirmen dieselben Rechenzentren in St. Gallen und Chur.

Sie haben Kunden gewonnen, auch internationale Kunden. Wo liegt das Potenzial für Proventx als IT-Dienstleister in der Ostschweiz?

Wir wollen die Region weiterentwickeln. Proventx ist heute schon ein regional führender IT-Anbieter und -Betreiber für Industrie und Gewerbe. Wir haben hochmoderne Rechenzentren in St. Gallen und Chur. Wir bieten Cloudlösungen, Integrations- und Softwarelösungen sowie IT-Service-Management an. Damit unterstützt Proventx auch die Industrie und das Gewerbe bei der Digitalisierung. In der Ostschweiz sehen wir noch viel Potenzial.

Das hört sich an, wie aus einem Hochglanzprospekt. Wo genau liegen die Vorteile der engen Zusammenarbeit mit der grossen Schwester Inventx?

Das sind keine leeren Marketingversprechen. Mit den Erfahrungen der Inventx, die sich auf die Finanzindustrie, also Banken und Versicherungen, spezialisiert hat, beherrschen die beiden Schwestern zwei wesentliche Bereiche, die für Unternehmen sehr wichtig sind. Das sind Stabilität und Zuverlässigkeit im Betrieb von IT-Infrastrukturen und den höchsten Schutz vor Cyberrisiken. Hinzu kommen ausserdem der Umgang und Schutz insbesondere von heiklen geschäftskritischen Daten. Kunden vertrauen Schweizer Lösungen, besonders wenn es um Datensicherheit geht, mehr als ausländischen Angeboten.

Aber Sie bieten nicht nur interne Lösungen für eine Cloud an?

Nein, wir können dank unseres hybriden Cloud-Modells beides anbieten: Unsere eigene und hochsichere Private Cloud kann mit sogenannten Public-Cloud-Modellen kombiniert werden.

Das bedeutet in Bezug auf die Wachstumsstrategie?

Zielkunden sind, wie gesagt, KMU, aber auch die öffentliche Hand. Zu unseren Kunden zählen beispielsweise die Firma Jet Aviation, andererseits aber auch die Informatikdienste der Stadt St. Gallen. Ausserdem sind Proventx und Inventx bereits eine Erfolgsgeschichte, und wie gesagt, wir planen weiteres Wachstum. Seit der Gründung vor acht Jahren von Inventx ist die Gruppe von 70 auf 250 Mitarbeiter gewachsen. Und ich betone, diese Standortentscheidung soll auch als Signal an Absolventen aus der Region verstanden werden. Sie müssen nicht abwandern, sondern können hier in der Ostschweiz einen Beitrag zur Entwicklung der Region leisten.

Sie sind selbst Ostschweizer?

Ja, ich bin Heimweh-Ostschweizer, in Widnau aufgewachsen, und habe an der HSG Betriebswirtschaft studiert. Nach 25 Jahren in der Region Zürich, bin ich quasi wieder zurückgekehrt.

Bevor Sie mit Ihrer Harley Davidson über Ostschweizer Strassen cruisen: Wo steht die Ostschweiz, was die Digitalisierung betrifft?

Die Ostschweiz ist ein sehr attraktiver Standort für Firmen. Wir haben die Nähe zu Wirtschaftszentren wie Zürich, die Bodenseeregion oder Vorarlberg und eine gute Infrastruktur. Die traditionell starken Branchen wie etwa Optik oder Maschinenbau sorgen für gute Rahmenbedingungen. Exportorientierte Unternehmen mit ihrem Anspruch an Swissness, Qualität und Hightech sind im internationalen Wettbewerb auf digitale Lösungen angewiesen. Wir haben hier Unternehmen, die federführend sind, was der Einsatz von künstlicher Intelligenz, Robotik oder hochsicheren Cloud-Lösungen angeht. Nein, die Ostschweiz muss sich nicht verstecken.

Welche Technologien sind in Zukunft unverzichtbar?

Cloud-Lösungen werden unverzichtbar, oder sind es schon. Hybrid-Cloud-Lösungen sind ein Stichwort, um schnell, effizient, kostengünstig und innovativ zu sein. Proventx setzt bereits heute auf flexiblere und noch intelligentere, lernfähigere Technologien. Wir sind überzeugt, dass Künstliche Intelligenz, Robotics, Big Data aber auch Blockchain in den kommenden Jahren die IT-Landschaft der Unternehmen – unabhängig von der Branche – stark beeinflussen wird.

Proventx und Inventx bilden Büro-WG in St. Gallen

Die Proventx AG mit Hauptsitz in St. Gallen, gehört zur Esentica Holding, deren Inhaber Gregor Stücheli und Hans Nagel sind. Die Ostschweizer Familienholding beschäftigt mehr als 250 Mitarbeitende. Zur Holding gehört neben der Proventx AG auch die auf Banken- und Versicherungsinformatik spezialisierte Inventx AG mit Hauptsitz in Chur. Proventx ist vornehmlich IT-Dienstleister für Ostschweizer KMU. Das Unternehmen hat seinen Sitz von Altstätten nach St. Gallen verlegt. Am gleichen Standort am Neumarkt ist in die 300 Quadratmeter grosse Büro-WG auch ein Team der Inventx eingezogen, die damit neben Chur und Brüttisellen einen dritten Standort eröffnet. Stücheli erklärt, dass es für die strategische Entwicklung von Vorteil sei, beide Schwesterunternehmen stärker zu verzahnen. So könne die Proventx ihr Wachstumstempo erhöhen und man decke das gesamte Marktgebiet im Dreieck St. Gallen, Chur und Zürich ab. In der Ostschweiz entstehe einer der stärksten Player, wenn es um Digitalisierung in der produzierenden und der Finanzindustrie gehe. (bor)