Zur Rose setzt ihre Einkaufstour in Deutschland fort und expandiert in die Telemedizin

Mit dem Kauf der deutschen TeleClinic, die Patienten aus der Ferne betreut und Rezepte ausstellt, verlängert die Frauenfelder Zur Rose Group ihr Geschäftsmodell des Medikamentenversands. Im ersten Semester 2020 hat Zur Rose den Umsatz um 5 Prozent gesteigert.

Thomas Griesser Kym
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Die Versandapotheke Zur Rose, hier das Logistikzentrum am Hauptsitz in Frauenfeld, baut ihr Geschäftsmodell mit dem Einstieg in die Telemedizin aus.

Die Versandapotheke Zur Rose, hier das Logistikzentrum am Hauptsitz in Frauenfeld, baut ihr Geschäftsmodell mit dem Einstieg in die Telemedizin aus.

Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Die Frauenfelder Zur Rose Group ist die grösste europäische
E-Commerce-Apotheke. In der Vergangenheit hat sie wiederholt Onlineapotheken aufgekauft, vor allem in Deutschland. So 2012 DocMorris, damals die Nummer eins in Europa. In späteren Jahren erwarb sie Unternehmen wie Eurapon, Apo-Rot, Medpex und jüngst Apotal, einen der letzten verbliebenen Konkurrenten in Deutschland.

Nun fügt Zur Rose ihrem wichtigsten Geschäftsmodell, dem Versand rezeptpflichtiger Medikamente nach Onlinebestellung, einen weiteren Baustein hinzu. Für eine mittlere zweistellige Millionensumme in Euro erwirbt Zur Rose die TeleClinic GmbH mit Sitz in München.

Von einer Juristin gegründet

TeleClinic-Gründerin und -Chefin Katharina Jünger.

TeleClinic-Gründerin und -Chefin Katharina Jünger.

Bild: PD

Laut den Angaben hat sich dieses Unternehmen, 2015 von Katharina Jünger gegründet, dank starken Wachstums «in kurzer Zeit zum führenden Telemedizinanbieter in Deutschland» entwickelt und weise beeindruckende Geschäftszahlen aus. TeleClinic hat laut der Website 60 Mitarbeitende und betreut über 30'000 Patienten. Firmenchefin Jünger stammt aus einer Ärztefamilie und ist studierte Juristin.

Die Entwicklung und Etablierung des Unternehmens unterstreiche, dass Fernbehandlungen und digitale medizinische Dienstleistungen ein enormes Potenzial hätten - zumal die globale Akzeptanz und Durchdringung wegen der mit dem Coronavirus verbundenen Abstandsregeln rasch zunehme.

Von der Diagnose bis zum Medikament

Vor diesem Hintergrund geht Zur Rose davon aus, dass TeleClinic als Pionier und führender Anbieter telemedizinischer Dienstleistungen einschliesslich digitaler Rezepte und Krankheitsbescheinigungen, die mit den Erstattungsvorschriften der deutschen Krankenversicherung konform sind, seine Marktposition ausbauen werde. Es wird erwartet, dass für bis zu 50 Prozent der über die Plattform durchgeführten Konsultationen elektronische Rezepte (eRx) ausgestellt werden.

Mit der Akquisition verlängert Zur Rose ihre Wertschöpfungskette. Die Idee: Patientinnen und Patienten erhalten bei TeleClinic eine fachärztliche Diagnose. Aufgrund dieser erhalten sie das elektronische Rezept per App aufs Handy. Dieses Rezept können sie entweder in einer stationären Apotheke oder, so lautet der Plan der Zur Rose, bei einer Versandapotheke einlösen, die möglichst der Zur Rose Group gehört. Diese verfügt momentan über neun Millionen Kunden. Drei Millionen Kunden hat die jüngst erworbene Apotal beigesteuert.

«Die eigene Gesundheit mit nur einem Klick managen»

Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli.

Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli.

Bild: Donato Caspari

Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli will denn auch TeleClinic in die Gesundheitsplattform der Zur Rose Group integrieren und wirbt damit, dass seine Kunden künftig «die eigene Gesundheit mit nur einem Klick managen» könnten. Die Transaktion soll voraussichtlich Ende Juli 2020 abgeschlossen sein.

Wie Zur Rose weiter bekanntgab, hat sie im ersten Halbjahr 2020 den Umsatz laut einer ersten Schätzung um 5 Prozent auf 810 Millionen Franken gesteigert. Darin eingeschlossen sind die Verkäufe der im Januar 2019 übernommenen deutschen Medpex. Ohne diese beträgt das Umsatzplus 4,4 Prozent auf 698 Millionen Franken. In der Schweiz steigerte Zur Rose, die hier auch als Ärztegrossistin aktiv ist und ein paar Shop-in-Shop-Apotheken betreibt, den Umsatz um 5,5 Prozent auf 289 Millionen Franken.

Das Aktienkapital wird erhöht

Für das Betriebsergebnis erwartet Zur Rose auf Stude Ebitda im ersten Semester eine leicht negative bereinigte Marge vor Aufwendungen für zusätzliche Wachstumsinitiativen. Für das ganze Jahr wird das Erreichen der Gewinnschwelle in Aussicht gestellt. Mittelfristig peilt Zur Rose eine bereinigte Ebitda-Marge von 8 Prozent an.

Im Weiteren hat der Verwaltungsrat der Zur Rose Group beschlossen, aus genehmigtem Kapital das Aktienkapital von nominal gut 289 Millionen auf bis zu gut 311 Millionen Franken zu erhöhen. Dazu werden bis zu annähernd 741'000 neue Namenaktien ausgegeben. Zum Aktienkurs vom Donnerstag von 287 Franken hätte die Emission ein Volumen von rund 210 Millionen Franken.

Bestehende Aktionäre erhalten kein Bezugsrecht. Mit dem Mittelerlös will Zur Rose die Markteinführung elektronischer Rezepte finanzieren, die Übernahme der TeleClinic GmbH sowie weitere Investitionen zur Förderung des Wachstums.

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