Zum Abschied volle Kassen

Raiffeisen hat ein starkes erstes Semester hinter sich. Zum letzten Mal stellte Pierin Vincenz die Halbjahreszahlen vor. Dabei dachte er auch laut über eine höhere Risikobereitschaft nach.

Stefan Borkert
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Im September verlässt Pierin Vincenz Raiffeisen. Gestern präsentierte er sein letztes Halbjahresergebnis. (Bild: Urs Bucher)

Im September verlässt Pierin Vincenz Raiffeisen. Gestern präsentierte er sein letztes Halbjahresergebnis. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz war gestern bei der Präsentation des Halbjahresergebnisses der Raiffeisen-Bankengruppe gut gelaunt. Und dazu hatte er allen Grund. Denn Raiffeisen hat stark zugelegt und bei der Bilanzsumme und den verwalteten Vermögen jeweils die Marke von 200 Mrd. Fr. übersprungen. «Wir hatten ein sehr gutes erstes Semester. Wir haben einen guten Gruppengewinn, und wir sind auch wieder im Kerngeschäft deutlich gewachsen», sagte Vincenz. Man habe die Raiffeisengruppe im Sinne einer Diversifikationsstrategie weiter ausbauen können.

Mehr Risiko?

Die Präsentation des Halbjahresergebnisses mache er angesichts der guten Zahlen zum letzten Mal noch selbst. «Sonst hätte ich das natürlich meinem Nachfolger Patrik Gisel übergeben, der schon voll im Schuss ist», scherzte Vincenz. Der scheidende Raiffeisen-Chef ist bekannt für markante Worte und provokative Thesen. Und so warf er die Frage in den Raum, ob sich Raiffeisen nicht doch etwas mehr Risiko erlauben könne. Dies im Zusammenhang mit dem niedrigen Ausfallrisiko. Als Grund gab Vincenz an, dass Raiffeisen viele Kredite für Wohneigentum vergebe und hier die Ausfallquote traditionell gering sei. Tatsächlich seien im 1. Halbjahr gerade noch 6,5 Mio. Fr. Ausfälle verbucht worden. «Das zeigt, dass das Kreditportfolio eine sehr gute Qualität hat.» Und bezüglich der konservativen Kreditvergabe: «Hier frage ich mich manchmal schon, was ist die Aufgabe der Bank?» Gehe es nicht auch darum, mal wieder ein bisschen mehr Risiko einzugehen? «Es ist eine berechtigte Frage, ob wir hier nicht zu risikoarm unterwegs sind.» Die regulatorischen Bedingungen machten es aber schwieriger, auch mit mehr Risiko behaftete Gelder auszuleihen, schränkte er ein.

Gewinnsprung

Für den weiteren Verlauf des Jahres äusserte sich Vincenz vorsichtig optimistisch. Er rechne mit einem Jahresergebnis, das in etwa das Niveau von 2014 erreiche. Im 1. Semester sprudelten auf jeden Fall die Einnahmequellen. Der Reingewinn betrug fast 400 Mio. Franken. Das sind 8,7% mehr als in gleichen Periode des Vorjahres. Zuwächse wurden erzielt im Zinsgeschäft, Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft sowie im Handelsgeschäft. «Wir hatten Wachstum in allen Ertragspositionen», sagte Vincenz. «Das bringt uns zu einer schönen Bruttogewinnsteigerung von 12 Prozent auf 597 Millionen Franken.» Und das, obwohl man mit tiefen Margen im Zinsengeschäft zu kämpfen habe.

Allerdings sei der Geschäftsaufwand gestiegen, sagte Vincenz. Das habe mit den Investitionen in die Diversifikation, wie den Aufbau des Geschäftsfelds Asset Management, also Vermögensverwaltung, zu tun. Auch als systemrelevante Bank übertreffe Raiffeisen die Vorgaben. «Wir haben sehr viel hartes Kernkapital», sagte Vincenz. Mit einer Eigenkapitalquote von 16,2% übertreffe man bereits die geforderten 15,6%.

Notenstein

Die Notenstein Privatbank konzentriere sich nach der Umstrukturierung ganz auf das Private Banking, sagte Vincenz. Ihre verwalteten Vermögen betragen zur Jahreshälfte 16 Mrd. Franken. Der Bruttogewinn Notensteins ist auf 19,6 Mio. Fr. gestiegen und liegt damit 13,6 Mio. Fr. über dem Vorjahreswert.