«Zukunft Ostschweiz»
«Corona hat uns besser gemacht»: Konjunkturforum der IHK St.Gallen-Appenzell im Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Innovationskraft

Wie kommt's, dass der Wirtschaftsmotor trotz Pandemie brummt? Inwieweit bleiben Unternehmen zuversichtlich und investieren? Und wie ist es um die Innovationskraft und den Wissenstransfer bestellt? Antworten auf solche Fragen gaben Fachleute vor vollem Haus auf dem Olma-Areal.

Thomas Griesser Kym
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Volles Haus: (von links) René Walser von der SGKB-Geschäftsleitung, Kägi-Chef Raymond Nef, Moderatorin Sabine Bianchi, Olma-Messen-Direktorin Christine Bolt und SFS-Chef Jens Breu am IHK-Anlass «Zukunft Ostschweiz.»

Volles Haus: (von links) René Walser von der SGKB-Geschäftsleitung, Kägi-Chef Raymond Nef, Moderatorin Sabine Bianchi, Olma-Messen-Direktorin Christine Bolt und SFS-Chef Jens Breu am IHK-Anlass «Zukunft Ostschweiz.»

Bilder: Reto Martin (St.Gallen, 15. November 2021)

«Corona hat uns besser gemacht.» Das sagt Roland Ledergerber, Präsident der IHK Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell. Die Erklärung des früheren Chefs der St.Galler Kantonalbank (SGKB):

«Unternehmen haben ihre Lieferketten überprüft, die Digitalisierung vorangetrieben, Homeoffice gefördert.»

Gleichzeitig sei den Menschen aber auch bewusst geworden, «wie wichtig der persönliche soziale Austausch ist».

Ledergerber zeigte sich in seiner Begrüssung am IHK-Anlass «Zukunft Ostschweiz» am Montagabend auf dem Olma-Gelände denn auch sichtlich zufrieden, dass der Anlass 2021 wieder mit physischer Präsenz von rund 800 Gästen durchgeführt werden konnte. Dies nach der rein digitalen Austragung im Jahr davor mit einsamen Referenten in einer Halle der DGS Druckguss Systeme AG.

Roland Ledergerber, Präsident der IHK St.Gallen-Appenzell und Verwaltungsratspräsident der Switzerland Innovation Park Ost AG.

Roland Ledergerber, Präsident der IHK St.Gallen-Appenzell und Verwaltungsratspräsident der Switzerland Innovation Park Ost AG.

Steiler Aufstieg nach dem Einbruch

Wie ist es der Ostschweizer Wirtschaft in der Pandemie ergangen, wie geht es weiter, was sagen Unternehmerinnen und Unternehmer, und welche Rolle spielen Innovationen? Darüber tauschten sich ein Dutzend Referentinnen und Referenten aus. Jan-Egbert Sturm, Direktor der ETH-Konjunkturforschung KOF, zeigte auf, dass in der Pandemie der Welthandel und die globale Industrieproduktion ähnlich stark einbrachen wie in der Finanzkrise 2008.

Während aber damals Handel und Produktion zwei Jahre benötigten, um ihr Vorkrisenniveau wieder zu erreichen, gelang dies nun binnen zehn Monaten, und mittlerweile liegen diese Indizien um mehrere Prozentpunkte im Plus. Sturms Erklärung:

«Weil wegen Corona weniger Dienstleistungen und Reisen konsumiert werden konnten, haben die Leute mehr Güter gekauft.»
Konjunkturforscher Jan-Egbert Sturm in seinem Element.

Konjunkturforscher Jan-Egbert Sturm in seinem Element.

Die steile und rasche Erholung hat aber auch Probleme mit sich gebracht respektive verschärft: Versorgungsengpässe, zu kleine Lager an Vorprodukten, Preisanstieg bei Rohstoffen, Fachkräftemangel. «Viele Firmen haben gemerkt, dass Just-in-time-Produktion auch zu Schwierigkeiten führen kann», sagt Sturm. Die Folge:

«Nun werden Lager aufgebaut, es wird gehamstert, aber es reicht noch nicht.»

«Die Leute haben Geld»

Die rasche Wirtschaftserholung haben auch die Ökonomen Alessandro Sgro (IHK) und Beat Schiffhauer (SGKB) vom Konjunkturboard Ostschweiz bemerkt. Sie konstatieren, die regionale Industrie laufe auf Hochtouren, der Detailhandel habe sich stabilisiert, der Bau habe alle Hände voll zu tun. Kurz gesagt:

«Die aktuelle Geschäftslage ist über alle Branchen hinweg gut bis sehr gut und vor allem besser als vor Ausbruch der Coronapandemie.»

Die Ökonomen rechnen damit, dass die Erholung anhält, wenn auch etwas verlangsamt. «Die Leute haben Geld», sagt Schiffhauer, und der Arbeitsmarkt habe sich erholt, allerdings seien noch relativ viele Leute in Kurzarbeit. Dies sei aber eher Versorgungsengpässen zuzuschreiben. Neben dem Bemühen, Lager aufzubauen, suchten viele Unternehmen auch neue Lieferanten und griffen zu Preiserhöhungen, sagt Sgro.

Sabine Bianchi, flankiert von den Ökonomen Alessandro Sgro (links) und Beat Schiffhauer.

Sabine Bianchi, flankiert von den Ökonomen Alessandro Sgro (links) und Beat Schiffhauer.

Die Olma-Chefin zwischen Hoffen und Bangen

Dass momentan die Coronazahlen wieder durch die Decke gehen, war an dem Abend kaum ein Thema. Lediglich Olma-Messen-Direktorin Christine Bolt liess etwas Sorge anklingen. Die Olma 2021 habe «richtig Schub gegeben». Und für Messen und andere Anlässe im Winter und nächstes Jahr schaue es gut aus. Allerdings sei die Coronalage jetzt wieder fragiler. Bolt geht gleichwohl davon aus, die Olma 2022 mit Zertifikat mit jeweils zwei Dritteln der Besucher und Aussteller eines «normalen» Jahres durchführen zu können. Doch:

«Für eine volle Erholung brauchen wir vier Jahre.»

Andere Unternehmerinnen und Unternehmer sind schon weiter. SFS-Chef Jens Breu berichtete von einem «kurzen heftigen Einbruch» der Geschäfte des Rheintaler Technologiekonzerns im zweiten Quartal 2020 bis Anfang drittes Quartal 2020.

«Die zwölf Monate danach waren die besten in der Geschichte des Unternehmens.»

SFS habe auch zum Vorteil gereicht, dass man kurze Lieferketten unterhalte und viel lokal und regional beschaffe.

Es wird munter investiert

Optimismus versprüht auch René Walser, Leiter Privat- und Geschäftskunden bei der SGKB. Die «sehr gute Risikosituation» bei den Krediten der Bank zeige: «Die Ostschweizer Firmen sind gut durch die Pandemie gekommen. Mit den Lieferketten kämpfen fast alle, aber die Auslastung ist gut, und die Stimmung ist gut.»

Breu bleibt ebenfalls zuversichtlich. So halte SFS an Investitionsprojekten in China und in Heerbrugg fest. Das gilt laut Bolt auch für den laufenden Ausbau auf dem Areal der Olma-Messen. Und Ähnliches gilt für den Toggenburger Waffelgebäckhersteller Kägi Söhne in Lichtensteig. Dessen Chef Raymond Nef spricht von einem Investitionsprogramm für 2022, in dessen Rahmen für einen einstelligen Millionenbetrag die Produktionskapazität um 20 bis 30 Prozent erweitert werde.

Ein Container kostet heute dreimal so viel

Raymond Nef sagt:

«Wir hatten ein enorm gutes Jahr 2020, und 2021 läuft es noch besser.»

Ein Grund: «Die Leute haben in der Pandemie mehr zu Hause konsumiert.» Zwar ist Kägis wichtiges Exportgeschäft an Flughäfen in Asien zeitweise praktisch ganz weggebrochen, aber dafür hat man den Einstieg in den US-Markt geschafft und ist jetzt in den Gestellen der Migros drin.

Mit der Beschaffung von Rohstoffen für die Waffeln bekundet Kägi laut Nef keinerlei Probleme, angespannt sei aber die Versorgung mit Verpackungsmaterial. Und:

«Kostete ein Container nach Asien früher 4000 Franken, so sind wir heute froh, wenn wir einen für 12'000 Franken bekommen.»

Potenzial beim Wissenstransfer

Ein Faktor für die Stärke der Ostschweizer Wirtschaft ist ihre Innovationskraft. Das weiss auch IHK-Direktor Markus Bänziger. «Wir sind sehr gut, aber es gibt noch Luft nach oben», befindet Ledergerber. Bänziger empfiehlt:

«Auf betrieblicher Ebene braucht es Mut zur Öffnung nach aussen.»

Sprich: Kooperation, Austausch mit Kundinnen und Lieferanten, Wissenstransfer.

Und hier liegt Potenzial brach, hat doch eine Unternehmensbefragung von Studierenden der Ostschweizer Fachhochschule OST ergeben, dass sich die Hälfte der Firmen nicht mit externen Kooperationspartnern austauscht. Dabei verfüge die Ostschweiz hier über ein gutes Netzwerk, mit der OST, der Universität St.Gallen, der Empa, dem Kantonsspital St.Gallen usw.

Abhilfe schaffen soll der Switzerland Innovation Park Ost, wirbt Bänziger auch in eigener Sache, denn dieser wird präsidiert von Ledergerber. Der Innovationspark soll eine Plattform schaffen für den Zugang zu Wissen, die Zeit zwischen Grundlagenforschung und Markteinführung verkürzen. Die Schwerpunkte liegen vorerst auf Gesundheit, Digitalisierung und den MEM-Branchen (Maschinenbau, Elektro- und Metallindustrie).

Matthias Hüppi weiss, was die Fussballfans wollen

Thema Innovation: (von links): FCSG-Präsident Matthias Hüppi, Goba-Geschäftsleiterin Gabriela Manser, IHK-Direktor Markus Bänziger, Berlinger-Inhaberin Andrea Berlinger Schwyter und Bühler-Chef Stefan Scheiber.

Thema Innovation: (von links): FCSG-Präsident Matthias Hüppi, Goba-Geschäftsleiterin Gabriela Manser, IHK-Direktor Markus Bänziger, Berlinger-Inhaberin Andrea Berlinger Schwyter und Bühler-Chef Stefan Scheiber.

Was es für Innovationen braucht, das debattierten Bühler-Chef Stefan Scheiber, Gabriela Manser, Geschäftsleiterin der Mineralquelle Gontenbad (Goba), Andrea Berlinger Schwyter, Inhaberin der Toggenburger Firma Berlinger, bekannt unter anderem für ihre Anti-Doping-Kits, und FCSG-Präsident Matthias Hüppi. Die Voten glichen sich: Neugier, Mut zum Risiko, das Unternehmen weiterentwickeln und immer wieder neu erfinden, eine Innovationskultur im Unternehmen verankern, Teamgeist.

Von null auf 230 Mitarbeitende seit der Firmengründung 2013: Frontify-Chef Roger Dudler.

Von null auf 230 Mitarbeitende seit der Firmengründung 2013: Frontify-Chef Roger Dudler.

Der ebenfalls auftretende Gründer der St.Galler Softwarefirma Frontify, Roger Dudler, nannte auch «Passion und Geduld». Bei ihm hatte es drei Jahre gedauert von der Idee bis zur Markteinführung. «Glaubwürdig sein und Vertrauen gewinnen», sagt Hüppi. Er weiss, was seine Kundschaft, sprich die FC-Fans, wollen:

«Siege, Unterhaltung, Dynamik, Spiel nach vorne.»

Doch leider gibt es für Siege am Laufband «keine Garantie». Und:

«Unsere Spiele sind nicht immer knusprig und knackig. Aber langweilig wird es nie.»

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