Zoff bei Bischofszeller Baufirma Marty: Chef weg und Mitarbeiter gekündigt +++ Ärger bei den Betroffenen: «Wir waren ein gesundes Unternehmen!»

Bei der Marty Bauunternehmung in Bischofszell hängt der Haussegen schief. Trotz Entlassungen soll es keinen Konkurs geben.

Stefan Borkert
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Verwaltungsratspräsident der Marty Bauunternehmung ist Patrick Manser.

Verwaltungsratspräsident der Marty Bauunternehmung ist Patrick Manser.

Bild: Mario Testa

Unter der Belegschaft herrschte bis vor Kurzem noch der Eindruck, dass die Auftragslage bei der Marty Bauunternehmung in Bischofszell ziemlich gut ist. Marty baut vor allem Mehrfamilienhäuser und realisiert Überbauungen. «Wir waren ein gesundes Unternehmen», sagt ein Mitarbeiter. Er, wie die restliche Belegschaft auch, hat letzte Woche die Kündigung erhalten. Die Gewerkschaft Unia spricht von 60 betroffenen Mitarbeitern. Verwaltungsratspräsident Patrick Manser nennt 40 bis 50. Er bestätigt, dass es alle getroffen habe. Man sei aber dabei, schon wieder Personal einzustellen, betont er.

Als Grund für die Kündigungen gibt Manser an, dass die Auftragslage für die Zukunft nicht mehr so gut sei. Zwar habe man aktuell genügend Aufträge, aber es fehlten neue. Manser hat auch die Geschäftsführung übernommen. Seit dem 28. Januar ist Ronny Marty nicht mehr als Geschäftsführer im Handelsregister aufgeführt. Ob Manser Marty für die fehlenden neuen Aufträge verantwortlich macht, kommentiert der Verwaltungsratspräsident nicht. Auch zu anderen Vorgängen möchte er sich nicht äussern.

Vorwürfe an den Verwaltungsratspräsidenten

Allerdings ist aus dem Kreis der Marty-Beschäftigten zu hören, dass Ronny Marty immer gut für Aufträge gesorgt habe. Wegen der Querelen zwischen Ronny Marty und Verwaltungsratspräsident Manser sei aber der Firma inzwischen ein Auftrag in Höhe von gut sieben Millionen Franken durch die Lappen gegangen. Zudem habe Manser selbst für die Schieflage gesorgt, weil er 750'000 Franken aus der Firma abgezogen habe, so ein Vorwurf. Das habe dazu geführt, dass Lieferanten und Kunden nicht mehr bezahlt werden konnten. Die Arbeiten auf den Baustellen stockten. Beton fehlte zum Beispiel. «Wir können derzeit nicht so arbeiten, wie man das von uns gewohnt ist», sagt ein Mitarbeiter. Ronny sei vom Fach und an ihm habe es sicher nicht gelegen. Vielmehr kreidet er den Abgang des Firmengründers dem Finanzier und Verwaltungsratspräsidenten an. So macht sich nach dem ersten Schock gewaltiger Ärger unter den gekündigten Beschäftigten breit.

Die Gewerkschaft Unia bietet den Betroffenen Hand. Tobias Hollinger von der Sektion Unia Ostschweiz-Graubünden bestätigt: «Die Bischofszeller Baufirma Marty AG hat letzte Woche sämtlichen Mitarbeitenden gekündigt und so ohne Vorwarnung über 60 Leute auf die Strasse gestellt.» Die Gewerkschaft Unia kritisiere das Vorgehen des verantwortlichen Firmenchefs Patrick Manser scharf und werde sich zusammen mit den Beschäftigten für den Erhalt der Arbeitsplätze wehren. «Das Vorgehen des Verwaltungsratspräsidenten und gleichzeitig einzigem Verwaltungsrat der Firma verletzt nicht nur die Fairness gegenüber den rund 60 Angestellten, sondern auch alle gesetzlichen Bestimmungen, die bei einer Massenentlassung eingehalten werden müssen wie etwa Artikel 335f und g im Obligationenrecht.» Manser habe eigenhändig unterschriebene Kündigungsbriefe verschickt, ohne vorab das vorgeschriebene Konsultationsverfahren mit den Arbeitnehmenden durchzuführen oder dem Amt für Wirtschaft im Thurgau die Entlassungen anzuzeigen.

Manser bemerkt dazu, dass für die Information des Kantons andere Stellen in der Firma zuständig seien. Er wisse nicht, ob der Kanton informiert worden sei. Mehr könne er dazu auch nicht sagen.

Unia will Auskunft über Firmenfinanzen

Verschiedene von der Kündigung betroffene Gewerkschaftsmitglieder hätten die Unia kontaktiert und um Unterstützung nachgefragt, so Hollinger weiter. «Die Unia hat umgehend reagiert und alle Marty-Mitarbeitenden auf den Baustellen informiert und zu einer Versammlung eingeladen. Die Gewerkschaft fordert von Manser unter anderem umgehend finanzielle Transparenz und die Aufnahme von Verhandlungen für einen Sozialplan. Ausserdem müsse Manser sich an die rechtlichen Vorgaben bei Massenentlassungen halten. Die ausgesprochenen Kündigungen erachtet die Gewerkschaft sogar als missbräuchlich.

Fehlende Meldung hat Konsequenzen

Eine Massenentlassung muss dem kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit angezeigt werden. Ausserdem ist vor dem Entscheid eine Information der Arbeitnehmer sowie eine Anhörung nötig. Der Thurgauer Amtschef Daniel Wessner sagt: «Ob die Firma Marty AG den Kanton informiert hat, darf ich nicht sagen.» Wessner zählt die Konsequenzen auf, mit denen die Firma rechnen muss, falls sie die Vorschriften missachtet hat. Die Kündigungen wären missbräuchlich und jeder Betroffene könnte sie anfechten, was Entschädigungen zur Folge hätte. Kündigungen im Rahmen einer Massenentlassung werden ausserdem frühestens 30 Tage nach der Anzeige an das kantonale Amt wirksam. Ohne die Mitteilung würde die Frist nicht zu laufen beginnen und es wären weiter Lohnansprüche gültig. Eine Massenentlassung liegt vor, wenn ein Betrieb mit 20 bis 100 Beschäftigten innerhalb von 30 Tagen mindestens 10 entlässt. (lsf)