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ZIVILVERFAHREN: Wegen dubiosen Waffendeals: Ruag prüft Zivilklage gegen Mitarbeiter

Der Technologiekonzern wurde Opfer eines Korruptionsfalles und strebt nun gegen den ehemaligen Mitarbeiter ein Zivilverfahren an. Ruag-CEO Urs Breitmeier sagt, weshalb es nicht in erster Linie ums Geld geht.
Dominik Buholzer und Roman Schenkel
Das Kadermitglied wurde in der Zwischenzeit von Ruag freigestellt. Trotzdem geriet der Technologiekonzern in die Kritik. (Bild: THOMAS DELLEY (KEYSTONE))

Das Kadermitglied wurde in der Zwischenzeit von Ruag freigestellt. Trotzdem geriet der Technologiekonzern in die Kritik. (Bild: THOMAS DELLEY (KEYSTONE))

Interview: Dominik Buholzer und Roman Schenkel


Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Ungemach für Ruag. Ein Kadermann war laut der «Handels­zeitung» Teil eines Trios von Schweizer Geschäftsleuten, die staatliche Spezialeinheiten mit Rüstungsgütern belieferten – ohne dass die Arbeitgeber Kenntnisse davon hatten. Das Kadermitglied wurde in der Zwischenzeit von Ruag freigestellt. Trotzdem geriet der Technologiekonzern in die Kritik. Nun nimmt Ruag-CEO Urs Breitmeier Stellung zu den Vorwürfen.

Herr Breitmeier, eine Rechtsexpertin hat Ruag am 25. März in unserer Zeitung vorgeworfen, zu wenig in Sachen Compliance zu unternehmen. Nach Erscheinen des Interviews wurden Sie bei uns vorstellig. Was hat Sie mehr aufgeregt: dass Ruag in die Kritik geriet oder weil die Kritik Ihrer Ansicht nach zu kurz griff?

Beides. Wir sind gerade in diesem Fall überzeugt, dass wir richtig gehandelt haben und dass unsere Compliance-Regeln funktionierten. Wir haben umgehend Strafanzeige eingereicht. Zudem ist Ruag eine AG nach öffentlichem Recht und wird von einer der weltweit bedeutendsten Revisionsfirmen nach internationalen Standards geprüft. Um ein Testat zu bekommen, muss man neben vielem anderen die Lagerbestände im Griff haben. Es kann sich nicht jeder bedienen, wie er will.

Aber der Fall ist nicht ohne: Ein Kadermitglied von Ruag betreibt hinter Ihrem Rücken private Geschäfte mit dem russischen Staat und niemand will was bemerkt haben?

Das ist in der Tat nicht ohne. Ich muss aber betonen: Die Verkäufe waren legal, bekannt und mit Exportbewilligungen des Bundes ausgestattet. Das Problem ist, dass der besagte Mitarbeiter ohne unser Wissen mit unserem Vertriebspartner ein Abkommen getroffen hat, dass er parallel zu den unseren auch noch andere Produkte verkaufen kann und auf sämtlichen verkauften Produkten zusätzliche Provisionen erhält. Das verstösst gegen alle geltenden Regeln bei Ruag.

Sie sprechen von zusätzlichen Produkten. Um welche geht es da?

Es handelt sich hier um ein laufendes Verfahren der Bundes­anwaltschaft. Deshalb kann ich keine Details nennen. Aber bekannt ist: Es handelt sich unter anderem um Sensoren für Helikopter und Gewehre für Scharfschützen, die wir weder herstellen noch vertreiben.

Sie hatten mit dem freigestellten Mitarbeiter direkt zu tun. Gab es rückblickend Anzeichen, die Sie hätten misstrauisch werden lassen sollen?

Verkäufer können sich von Natur aus gut verkaufen, sonst würden sie diesen Job gar nicht ausüben. Rückblickend gibt es sicherlich Dinge, bei denen wir genauer hätten hinblicken sollen.

Müssten Sie Geschäfte mit der russischen Präsidentengarde nicht grundsätzlich skeptisch machen?

Nein, denn die Abwicklung verlief ordnungsgemäss. Vor 2014 herrschte in ganz Westeuropa Aufbruchstimmung in und für Russland. Wir hegten eine Zeitlang Pläne, den russischen Markt stärker zu erschliessen, zum Beispiel im Bereich Jagd- und Sportmunition. Dann kam die Krim-Krise, und mit dem Embargo 2014 war alles anders.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dem Fall in Kenntnis gesetzt wurden?

Ich war schockiert. Wir haben den Verkäufer sofort freigestellt und den Sachverhalt intern kommuniziert. Jeder bei uns muss merken, dass wir ein solches Treiben nicht akzeptieren.

Es ist die Rede von einer Einzelperson. Sind Sie sich sicher, oder wurden die Ermittlungen ausgeweitet?

Ich kann Ihnen versichern, dass im Hintergrund umfassende forensische Untersuchungen laufen, damit wir sicher sein können, dass es sich auch wirklich um eine Einzelperson handelt. Sämtliche Erkenntnisse, die wir gewinnen, teilen wir umgehend mit der Bundesanwaltschaft. Denn wir haben ein grosses Interesse, dass es zu einem Verfahren kommt und alles lückenlos aufgedeckt wird. Wir behalten uns zudem vor, zusätzlich ein Zivilverfahren gegen den betreffenden Mitarbeiter anzustrengen. Er hat uns geschädigt. Das können wir nicht tolerieren. Wir wollen hier exemplarisch sein.

Sie wollen ihn wegen des Imageschadens belangen?

Nein, das geht nicht. Aber er hat gegen unsere eigenen Werte und unseren Kodex verstossen und ging ohne Bewilligung einer Nebentätigkeit nach. Damit hat er Ruag geschadet.

Wie hoch ist der Schaden?

Es wird kein Millionenbetrag sein. Wir haben Waren im Wert von gut 1 Million Franken nach Russland geliefert. Als Vergleich hat Ruag im gleichen Zeitraum gesamthaft Waren für insgesamt 6 Milliarden Franken verkauft. Aber hier es geht ums Prinzip. Die Klage ist auch wichtig, um die Compliance bei uns weiter zu verankern.

Müssen Sie die Compliance auch noch verschärfen?

Unsere Leute werden regelmässig überprüft. So hat die Sicherheitsorganisation des Bundes auch den beschuldigten Verkäufer mehrfach unter die Lupe genommen. Letztmals war dies 2016. Es wurde während all der Jahre nie etwas beanstandet.

Stellen Sie sich denn heute auf den Standpunkt, dass Sie die Straftaten des Mitarbeiters gar nicht bemerken konnten?

Wenn jemand in seiner Freizeit aktiv Fussball spielt oder sich sonst in einem Verein engagiert, bekomme ich das nicht automatisch mit, und es hat mich auch nicht zu interessieren. In diesem Fall nun hat ein Mitarbeiter in seiner Freizeit an einem Netzwerk mitgearbeitet, das Rüstungsgüter vertreibt. Dank unserer externen Whistleblower-Stelle wurden wir darauf aufmerksam gemacht und reichten umgehend Strafanzeige bei der Bundesanwaltschaft ein. Das Strafverfahren richtet sich nicht gegen Ruag, sondern gegen den Mitarbeiter.

Welche Lehren ziehen Sie?

Schlüsselmitarbeiter werden bei uns neu zusätzlich noch einer externen Sicherheitsüberprüfung unterzogen. Denn letzten Endes hängt alles von der Integrität eines Mitarbeiters ab. Wenn die Angaben stimmen, die in der Presse verbreitet wurden, hat der von uns freigestellte Mitarbeiter seit seiner Anstellung bei uns krumme Geschäfte betrieben. Es war also ein Fehler, dass wir ihn angestellt haben. Dies wollen wir künftig vermeiden.

Gibt es noch weitere Punkte?

Compliance ist ein fortwährender Prozess. Innerhalb dreier Monate haben wir 600 Mitarbeitende in der Schweiz, in Deutschland, Schweden und in den USA im Bereich Compliance aus- und weitergebildet. Bis Mitte 2018 werden die Workshops an allen Standorten weltweit durchgeführt.

Sie selber haben einen Rücktritt ausgeschlossen. War dieser für Sie je ein Thema?

Ich habe ein gutes Gewissen. Als diese Geschäft liefen, stand ich noch nicht an der Spitze von Ruag. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, dass ich in den fünf Jahren, in denen ich CEO bin, viel für Compliance getan habe. Als ich bei Ruag anfing, existierte diesbezüglich keine Organisation. Heute haben wir eine spezielle Abteilung mit sechs Leuten, die direkten Zugang zum Verwaltungsrat haben.

Korruptionsskandal, Hackerangriff: Da kann man genug bekommen.

Ich habe Passion für Ruag, das ist ein Betrieb mit riesigem Potenzial. Und wenn Sie anschauen, wer in letzter Zeit sonst noch alles gehackt worden ist ...

Weiteres Ungemach droht: Ruag Aviation ist wegen ihrer Abrechnungspraxis in die Kritik geraten.

Es handelt sich um einen ver­traulichen Bericht der Finanzkontrolle, von dem Auszüge publik wurden. Ohne Geheimnisse auszuplaudern: Es gibt keine Empfehlungen an Ruag, es gibt Empfehlungen an den Bundesrat, wie er Ruag in Zukunft führen soll. Mit dem Auftrag, Ruag zu entflechten, wird auch dieser Teil gelöst werden. Ruag steht diesem Projekt positiv gegenüber.

Hinweis

Urs Breitmeier (55) steht Ruag seit 2012 vor. Er ist diplomierte Physiker ETH und Diplomingenieur HTL.

Ruag-CEO Urs Breitmeier beim Interview am vergangenen Freitag in Zürich-Seebach, einem der Standorte des Technologiekonzerns in der Schweiz. (Bild: Corinne Glanzmann)

Ruag-CEO Urs Breitmeier beim Interview am vergangenen Freitag in Zürich-Seebach, einem der Standorte des Technologiekonzerns in der Schweiz. (Bild: Corinne Glanzmann)

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