Kein Respekt vor Näherinnen? Modehändler Zara am Pranger

Die Schweizer Organisation Public Eye erhebt Vorwürfe gegen den Zara-Mutterkonzern Inditex. Der Modegigant wehrt sich.

Fabian Hock
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"Respect"-Pulli von Zara: Public Eye kritisiert den Umgang des Moderiesen mit den Zulieferern. (Bild: Public Eye)

"Respect"-Pulli von Zara: Public Eye kritisiert den Umgang des Moderiesen mit den Zulieferern. (Bild: Public Eye)

«Respect» prangt in weissen Lettern auf dem schwarzen Kapuzenpulli des Modehändlers Zara. Ausgerechnet, möchte man sagen. Denn laut der Organisation Public Eye hat die Herstellung des Kleidungsstücks wenig mit Respekt vor Zulieferern und Produzenten zu tun.

Laut einem gestern veröffentlichten Bericht würden Arbeiter in der Türkei, wo der Zara-Mutterkonzern Inditex die Pullis herstellen lässt, mit Hungerlöhnen abgespeist. Sie bezahlten für «den massiven Preisdruck, den der Modekonzern auf seine Zulieferer ausübt».

Public Eye hat in der türkischen Hafenstadt Izmir recherchiert und zusammen mit Partnern eine Schätzung aufgestellt. Demnach verdient der Mode­gigant Inditex an jedem Kleidungsstück doppelt so viel wie sämtliche in der Herstellung involvierten Personen zusammen.

So bekäme eine mit der Herstellung von 20 000 Kapuzenpullis beauftragte Fabrik pro Stück umgerechnet knapp 1.80 Franken – bei einem Verkaufspreis in der Schweiz von je 45.90. Die Druckerei «dürfte gerade mal rund 10 Rappen pro Print erhalten haben», heisst es in Bericht.

«Angesichts solcher Tiefstpreise», beklagt Public Eye, «bleibt den Fabrikbesitzern als Ausweg nur, ihrem ­Personal weniger zu zahlen, als dieses verdienen müsste, oder es länger arbeiten zu lassen, als es sollte.»

Mindestlohn ist nicht gleich Existenzlohn

Wie viel die Arbeiter in Izmir verdienen, liess sich nicht exakt herausfinden. Public Eye wurde laut eigener Aussage von Löhnen zwischen umgerechnet 340 und 420 Franken berichtet. In dieser Höhe bewegt sich auch der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn vor Ort.

Public Eye weist indes darauf hin, dass gerade die Textilbranche zwischen örtlichen Mindestlöhnen und dem sogenannten Existenzlohn unterscheidet. Der zum Leben notwendige Betrag läge laut der «Clean Clothes Campaign» bei über 1000 Franken. Dabei ­stehe im Verhaltenskodex von Inditex, dass ihre Zulieferer ­Gehälter zahlen sollen, die reichen, um die Grundbedürfnisse der Arbeitnehmer und ihrer ­Familien zu decken, kritisiert Public Eye.

Aber auch gegen rechtliche Vorgaben werde verstossen, heisst es in dem Bericht: «In einer der von uns besuchten Fabriken lief die Produktion offenbar rund um die Uhr.» Folglich dürfte auch nachts zwölf Stunden gearbeitet werden, «was dem türkischen Gesetz widersprechen würde».

Der Bericht, den Public Eye als «Faktencheck» anpreist, beruht indes zu grossen Teilen auf Schätzungen. Dies, weil Inditex konkrete Zahlen zu Kosten und Verdienst unter Verschluss hält. Auch auf wiederholte Nachfrage dieser Zeitung hielt sich der weltgrösste Hersteller von sogenannter Fast-Fashion – also schnell wechselnden Kollektionen – mit konkreten Angaben zurück.

Nur so viel: Der Beschaffungspreis liege «weit über dem im Bericht spekulativ verwendeten Preis». Die Berechnungen von Public Eye seien unbegründet, die Schlussfolgerungen «ungenau und irreführend».

Die Löhne der Arbeiter lägen vielmehr über dem ortsüblichen Mindestlohn. Für existenzsichernde Löhne setze sich Inditex zwar nach wie vor ein. Fabriken arbeiteten aber für gewöhnlich nicht ausschliesslich für eine einzige Marke. Um Fortschritte zu erzielen, müsste die gesamte Branche zusammenarbeiten.

Public Eye meint derweil, dass existenzsichernde Löhne für die Arbeiter in der Türkei ohne grosse Schmerzen garantiert werden könnten: Inditex müsste den beteiligten Fabriken lediglich 4.19 statt wie bisher 2.40 Franken pro Pulli überlassen. Schon wäre der Respekt wiederhergestellt.

Was sind uns unsere Kleider wert?

Immer mehr, immer trendiger, immer billiger. Unser Modekonsum ist ethisch und ökologisch längst nicht mehr vertretbar und trotzdem gibt es kaum Alternativen. Ausser: Weniger kaufen.
Katja Fischer De Santi