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Lord Griffiths über das St.Gallen Symposium: «Wo finden Sie das sonst? That’s great!»

Er arbeitete einst für Margaret Thatcher und war ein glühender Verfechter des freien Marktes. Lord Griffiths of Fforestfach ist Ehrenvorsitzender und so etwas wie das Gesicht des St. Gallen Symposium, das am Donnerstag beginnt.
Jürg Ackermann
Lord Griffiths of Fforestfach im Gespräch mit Bundesrätin Doris Leuthard bei der Eröffnung des letztjährigen Symposiums. Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 3. Mai 2018)

Lord Griffiths of Fforestfach im Gespräch mit Bundesrätin Doris Leuthard bei der Eröffnung des letztjährigen Symposiums. Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 3. Mai 2018)

Um den heissen Brei herum redet Lord Griffiths of Fforestfach eigentlich nie. Schon nach 30 Sekunden Gespräch sagt er. «Hören Sie auf, mich Lord zu nennen. Ich bin Brian!»

Der 79-jährige Brite aus Wales ist ein ebenso direkter wie begeisterungsfähiger Mensch. Beispielsweise bei der Frage, was er denn von der Schweiz halte. «Ich liebe sie, a wonderful country!» Er habe grossen Respekt vor der direkten Demokratie, sagt er am Telefon aus London. «Ich staune, wie es die Schweizer fertigbringen, mit so vielen Kulturen und Sprachen einen solchen Zusammenhalt, eine solche Stabilität zu schaffen.»

Wenn Lord Griffiths mit Bewunderung über die Schweiz spricht, ist das offensichtlich nicht nur den schönen Bergen und Seen geschuldet. Ein Land, das ausserhalb der EU steht und dennoch so erfolgreich ist, muss einem Brexit-Befürworter wie ihm fast zwangsläufig als sympathisch erscheinen, auch wenn er das schwierige Ringen um eine Anbindung an den Binnenmarkt sieht.

Für linke Kritiker mag der Ehrenvorsitzende des Symposiums vieles erfüllen, was sie nicht mögen: Konservative Werte, die die Familie ins Zentrum rücken, Einstehen für den freien Markt und persönliche Verantwortung statt ausufernder Sozialstaat. Lord Griffiths war in den 1980er-Jahren ein Direktor der Bank of England, später einflussreicher innenpolitischer Berater von Premierministerin Margaret Thatcher, die Grossbritannien nach marktwirtschaftlichen Prinzipien umpflügte. Deregulierung und Privatisierung hiessen die Schlagworte.

Danach wechselte er als Berater und späteres Verwaltungsrats-Mitglied zu Goldman Sachs, einer Bank, die nach der Finanzkrise für viele als Inbegriff der Gier an der Wall Street galt. Zudem war er Vorsitzender verschiedener Ausschüsse des House of Lords. 1991 ernannte ihn die britische Königin zum Baron.

Mit Ivo Fürer verbindet ihn eine lange Freundschaft

Es war in dieser Zeit, als er zum ersten Mal mit dem St. Gallen Symposium in Kontakt kam, mit dem er seit 22 Jahren eine enge Beziehung als Ehrenpräsident pflegt. An die damalige Begegnung mit Joschka Fischer erinnert er sich bis heute. Hier der grüne deutsche Aussenminister, dort der britische konservative Marktverfechter. Das Heu hatten sie politisch nicht auf der gleichen Bühne, persönlich verstanden sie sich aber hervorragend.

Es sind diese kontroversen Diskussionen, die für Lord Griffiths bis heute die Faszination des Symposiums ausmachen, das einst als Reaktion auf die 68er-Proteste entstand. «Ich mag das Zusammentreffen zwischen Spitzenkräften aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, den Austausch über Generationen hinweg.» Der eloquente und mit Witz gesegnete Brite ist bekannt für seine Eröffnungsreden am ersten Tag des Symposiums. Bezüge zum meist trüben St. Galler Wetter und zu Stadt-Gründer Gallus macht er fast immer.

Lord Griffiths of Fforestfach hält die Eröffnungsrede am St. Gallen Symposium. Bild: Urs Bucher.

Lord Griffiths of Fforestfach hält die Eröffnungsrede am St. Gallen Symposium. Bild: Urs Bucher.

Das kommt nicht von ungefähr. Wenn Lord Griffiths mit seiner Frau im Mai für ein paar Tage nach St. Gallen reist, ist das wie ein Ritual. Er besucht neben dem Symposium stets auch das Kloster und den ehemaligen St. Galler Bischof Ivo Fürer, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet. Für ihn haben diese Besuche auch symbolischen Charakter: Hier die Universität, die Lord Griffiths als modernen Leuchtturm der Stadt sieht, dort das Kloster mit seiner langen Geschichte und Tradition.

Als Student tickte er links

Bei aller Überzeugung – Lord Griffiths’ marktliberale, konservative Weltsicht ist nicht bis ins letzte Detail in Stein gemeisselt. Als Wirtschaftsstudent tickte er links – und spätestens seit 2008 ist für ihn wieder klar, dass sich auch die Wirtschaft verändern muss. Die Finanzkrise habe das Vertrauen ins System erschüttert.

«Wir brauchen dringend einen ethischen Kapitalismus, in dem die Manager Verantwortung übernehmen und keine Skandale produzieren.»

Vor drei Jahren kritisierte er in seiner St. Galler Eröffnungsrede wortreich die zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen. Bonus-Beschränkungen für Manager lehnt er jedoch ab, weil es keine Alternative zu marktgerechten Löhnen gebe. Einzelne Privatisierungen aus der Thatcher-Ära sieht der Ökonom aus Wales heute jedoch differenzierter.

Dennoch lässt er in der Erinnerung an seine Zeit im Kabinett nichts auf die ehemalige britische Premierministerin kommen. «Thatcher war eine grandiose, eine sagenhafte Frau», sagt er. Ihre Auftritte beeindruckten ihn nachhaltig. «Sie konnte sich alles merken. Einmal fragte sie einen Minister vor versammeltem Kabinett, was er denn in seinem Bericht mit der Fussnote auf Seite 27 meine.» Als die Antwort nicht sofort kam, wurde Thatcher ungeduldig. «Sie machen Party und ich lese Ihre Berichte bis früh in die Morgenstunden und weiss nachher besser Bescheid. Was soll das?»

«Wir verlassen nicht Europa, sondern Brüssel»

Von Party-Stimmung ist Grossbritannien derzeit sowieso ziemlich weit entfernt. Der Brexit erweist sich als langwierig und kompliziert. An Lord Griffiths’ Haltung hat das jedoch nichts geändert. Er sei überzeugter denn je, dass der Brexit der richtige Entscheid gewesen sei, sagt er. «Wir verlassen nicht Europa, sondern Brüssel.»

Es sei ein schwerer Fehler gewesen, dass viele Menschen in Grossbritannien sich nicht mehr öffentlich getrauten zu sagen, sie seien Patrioten – ohne gleich in die nationalistische Ecke gestellt zu werden.

«Ich glaube, dass unsere Gesellschaft zu individualistisch geworden ist. Menschen suchen nach einer Gemeinschaft.»

Eine solche stellt für ihn auch das Symposium dar. Wer einmal teilgenommen hat, schafft sich ein Netzwerk fürs Leben. Die weltweit besten Talente träfen auf die Entscheidungsträger von heute und forderten diese heraus, um gemeinsam Lösungen für die Schlüsselthemen unserer Zeit zu entwickeln, sagt Lord Griffiths. «Wo finden Sie das sonst? That’s great!»

Illustre Referenten zum Einsatz von Kapital

Lösungsansätze gegen das kurzfristige Profitdenken entwickeln – dazu ruft das 49. St. Gallen Symposium heutige und künftige Entscheidungsträger unter dem Thema «Capital for Purpose» auf. Das Symposium, eine studentische Initiative, hat namhafte Gäste aus Wirtschaft, Politik und Forschung eingeladen.

Stanford-Professor Niall Ferguson wird den Stand des Kapitalismus aus Sicht eines Historikers beleuchten. Oxford-Professor Colin Mayer, Swiss-Re-Chef Christian Mumenthaler und Audrey Choi, Nachhaltigkeitschefin bei Morgan Stanley, debattieren, wie wir von einem kurzfristigen Renditedenken zu einem weitsichtigen und zweckorientierten Wirtschaften kommen könnten.

Ein Panel mit dem St. Galler Professor Simon Evenett widmet sich der globalen Handelspolitik, dies nach einem Referat der deutschen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Kurzfristig abgesagt hat Bundesrat Ignazio Cassis. Im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen spricht Nationalbankchef Thomas Jordan über die Währungspolitik, und in einem Panel geht es um Fake News. (red)

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