Wo die Macht hockt

Der Soziologe Ueli Mäder untersucht in einer breit angelegten Studie den Einfluss des Geldes.

Rolf App
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Symbole der Macht: Die beiden Roche-Türme prägen die Basler Skyline. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Symbole der Macht: Die beiden Roche-Türme prägen die Basler Skyline. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Seit 2010 sitzt Sebastian Frehner für die Basler SVP im Nationalrat. Er hat sich in dieser Zeit gegen Parallelimporte gewehrt und dagegen gewandt, die Medikamentenpreise an die tieferen europäischen Standards anzupassen. Bei der Verteidigung dieser Anliegen half ihm der Branchenverband Interpharma mit einem Argumentarium.

Wenn Daniel Vasella droht

Ein klassischer Fall von Lobbying also durch eine Branche, die in Basel mit dem Roche-Turm auch optisch dominant auftritt. Und deren Vertreter sich durchaus aufs Durchsetzen von Interessen verstehen. Der frühere Novartis-Chef Daniel Vasella etwa hat immer wieder mal mit dem Wegzug ins Ausland geliebäugelt. Man könne das durchaus als Drohung empfinden, sagte er selber dazu. Doch Entscheidungen wie jene über den Hauptsitz einer Firma «hängen von den Rahmenbedingungen des Standortes und damit der Standortpolitik ab. Das Bewusstsein der Bevölkerung über diese Tatsache nährt gesunde Befürchtungen. Diese verhindern auch die Narrenfreiheit.»

Hier die Bevölkerung mit ihren «gesunden Befürchtungen», da die Narren, denen man entgegentreten muss: So sieht die Schweiz in den Augen dieses Wirtschaftsführers aus. Mit vielen anderen Wirtschaftsleuten hat der Basler Soziologe Ueli Mäder in den vergangenen Jahren gesprochen, ausserdem mit Politikern, Gewerkschaftern, Wissenschaftern, Philosophen, Journalisten. Sein Ziel: zusammen mit einer ganzen Riege von Mitarbeitern herauszufinden, wie Geld und Macht in der Schweiz zusammenspielen.

Gefordert: Ein politisches Korrektiv

Mäder hat einen berühmten Vorgänger. 1983 hatte der «Tages-Anzeiger»-Redaktor Hans Tschäni seine Studie «Wer regiert die Schweiz?» publiziert und die enge Verflechtung des Staates mit wirtschaftlichen Kartellen sowie die «Selbstaufsicht der Banken» kritisiert. Ueli Mäder knüpft in seiner gestern in Basel präsentierten Neuauflage dieser Untersuchung an Tschänis Analyse an und lässt viele Stimmen zu Wort kommen. Auch unerwartete Stellungnahmen finden sich da – wie etwa jene von Alexander Krauer, ehemals Novartis-Verwaltungsratspräsident: «Eine starke Wirtschaft benötigt ein starkes politisches Korrektiv.»

Doch dieses Korrektiv gibt es nicht im erforderlichen Mass. Im Gegenteil. Mit dem Ende des Kalten Krieges habe sich die Schweiz mehr und mehr von einem Liberalismus abgewendet, der auf minimalen sozialen Ausgleich geachtet habe, erklärt Ueli Mäder. En vogue sei heute ein wirtschaftsorientierter Neoliberalismus, der aus einem finanzgetriebenen Kapitalismus resultiere. Dieser Kapitalismus überlagere viele Lebensbereiche, stellt Mäder fest. «Er ökonomisiert und kommerzialisiert sie.» Die Gesellschaft aber gerate in einen Zustand der Entgrenzung, «was für manche Milieus ungeahnte Chancen bietet, andere aber überfordert».

Schwieriges Bündeln von Interessen

Markt- und finanzgläubige Sichtweisen prägen das gesellschaftliche Handeln und dominieren die Politik. Trotzdem, stellt Ueli Mäder fest, hat die Wirtschaft ein Akzeptanzproblem. «Für alle Verbände, und gerade für Spitzenverbände wie Economiesuisse, ist es in den vergangenen Jahren schwieriger geworden, politische Entscheidungen im Sinne der Mitglieder zu beeinflussen», erklärt Heinz Karrer, der Präsident des Dachverbands Economiesuisse. Denn intern werde es durch die internationale Verflechtung und die fortschreitende Differenzierung immer schwieriger, die Interessen zu bündeln. Doch die Einflussnahme nimmt nicht ab, im Gegenteil. Sie sucht sich nur neue Kanäle. Wie das geht, schildert Mäder am Beispiel zweier Bankdirektoren, die ihm von ihren minutiös und aufwendig angelegten Listen erzählt hätten, wer mit wem zur Schule oder zu den Pfadfindern gegangen sei. «Das hilft. Beide wissen, wen sie wann und wo auf welchen Bundesrat ansetzen müssen.»

So stellt der Soziologe denn im Ausblick fest: Der Globalisierungsschub nach dem eigentlich erfreulichen Fall der Berliner Mauer hat wirtschaftlich Mächtige gestärkt und demokratische Kontrollen und Alternativen geschwächt. Aber er zitiert auf der andern Seite auch den früheren SP-Präsidenten Helmut Hubacher mit dem Satz: «In der Schweiz gibt es mehr Widerständigkeit und Zivilcourage als oft angenommen.» Hubacher nennt als Beispiel die «weitverbreitete Ablehnung» der Broschüre «Mut zum Aufbruch», deren prominente Verfasser 1995 die Schweiz gründlich deregulieren wollten. Diese «Abbruch-GmbH» habe nur beschränkt reüssiert, «da sind wir mit einem blauen Auge davongekommen», sagt Hubacher.

Keine Demokratisierung der Wirtschaft

Treibende Kraft hinter den Veränderungen sind oftmals die Banken (siehe unten). Aus gewerkschaftlicher Sicht wird deshalb gefordert, den Industrie- und Werkplatz Schweiz zu stärken. «Die Orientierung am Werkplatz ist eine Alternative zu jener am Finanzplatz», erklärt Mäder, gibt aber zu bedenken, dass die Bereiche eng verknüpft seien. Und erwähnt als aus seiner Sicht allergrösstes Manko, «dass die Demokratisierung der Gesellschaft weitgehend vor den Pforten der Wirtschaft halt macht. Da ist grosser Handlungsbedarf.»

Ueli Mäder: macht.ch – Geld und Macht in der Schweiz, Rotpunktverlag 2015, 512 S., Fr. 39.-

Ueli Mäder Professor für Soziologie an der Uni Basel (Bild: pd)

Ueli Mäder Professor für Soziologie an der Uni Basel (Bild: pd)