Gastkommentar

Wirtschaftskrise versus Ausbreitung des Virus: Das vermeintliche Dilemma

Der Schutz vor der Krise und der Schutz vor dem Virus müssen im Gleichgewicht sein.

Peter Eisenhut
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Kranke. Tote. Geschlossen. Isolation. Alte. Kredite. Ohne Zweifel: Das Coronavirus stellt die Welt auf den Kopf. Die Wirtschaft fällt in eine Rezession. Deshalb stellt sich die bange Frage: Wie können die Krise und die Ausbreitung des Coronavirus bewältigt werden?


Peter Eisenhut ist Managing Partner bei der St.Galler Beratungsfirma Ecopol AG.

Peter Eisenhut ist Managing Partner bei der St.Galler Beratungsfirma Ecopol AG.

Der Rückhalt für die verordneten Massnahmen des Bundesrates ist aktuell gross. Fast scheint es, als sei die Gesellschaft bereit, alle Kosten in Kauf zu nehmen, um den Virus zu bekämpfen. Viele Menschen beurteilen Handlungen nach ihrem Motiv. Gesinnungsethische Vorstellungen sind die Basis für ihre Urteile. Die tatsächlichen Folgen der Massnahmen sind dabei zweitrangig. Bei reinen Gesinnungsethikern steht das hehre Ziel der Gesundheit weit über den Anliegen der Wirtschaft, als ob eine gesunde Gesellschaft und eine gesunde Wirtschaft nichts miteinander zu tun hätten. Schon dem Nachdenken über Alternativen haftet der Geruch des Unethischen an. Dabei gibt es nichts «Alternativloses» und das Nachdenken über Alternativen ist immer sinnvoll. Wirklich gefährlich sind hingegen Denkverbote.

Das Coronavirus geniesst auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil wir die Bedrohung unmittelbar, jetzt und akut wahrnehmen. Die Gegenwart schreit lauter als die Zukunft. Je stärker und schneller die Folgen der Rezession im eigenen Leben ankommen, desto schneller kann die Stimmung in der vermeintlichen Solidargemeinschaft allerdings auch kippen.

Gesundheit oder Wirtschaft schützen?

Je stärker wir die Infektion aber bekämpfen, desto stärker bricht die Wirtschaft ein. Es scheint also ein Dilemma zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlichem Schaden zu geben. Diese Debatte ist aber irreführend, weil es letztlich um dasselbe geht, nämlich um das Wohlergehen und die Gesundheit der Menschen. Die nackten Zahlen zu den Kosten einer Rezession verschleiern, dass hinter einem Einbruch der Wirtschaft letztlich Schicksale von Menschen und ihre physische und psychische Gesundheit stehen.

Trotzdem gibt es einen Zielkonflikt, einen «Trade-Off» zwischen der Bekämpfung der gesundheitlichen Risiken auf Grund des Virus und denen, die auf Grund einer tiefen Rezession entstehen. Wie meistens können wir nicht alles haben und sind so zu Kosten-Nutzen-Überlegungen gezwungen. Wir müssen ein «Gleichgewicht» zwischen dem Schutz vor der Krankheit des Virus und dem Schutz vor der Krankheit der Wirtschaftskrise finden.

Weit entfernt von der Suche nach diesem Gleichgewicht sind Politiker, die versprechen alles zu tun, um das Coronavirus zu meistern: «Whatever it takes» – koste es, was es wolle. Denn Extreme sind irrational und ineffizient, weil bei ihnen die Opportunitätskosten schlicht und einfach vergessen gehen. Beim Feuerlöschen denkt man eben selten an mögliche Wasserschäden. Es geht nicht um ein «entweder oder», sondern es geht um ein «sowohl als auch». Gesucht ist nicht das Maximum, sondern das Optimum.

Den Stillstand kurz halten

Wenn der erwähnte «Trade-off» von Medizinern, Ökonomen und Politikern wahrgenommen und akzeptiert wird, wird auch klar, dass das Ziel sein muss, das Virus einzudämmen, ohne eine wirtschaftliche Depression auszulösen. Oder anders formuliert: Es muss gelingen, den wirtschaftlichen Stillstand kurz zu halten, ohne die Bekämpfung des Virus zu vernachlässigen. Um das optimale Gleichgewicht, die geeignete Therapie zu finden, ist eine gute Diagnose notwendig. Wie kann das erreicht werden?

Grossflächige Tests wären angezeigt

Die beste Voraussetzung dafür ist ein grossflächiges Testen. Mit Schnelltests können die infizierten Menschen von den Gesunden getrennt werden. Eine wichtige Ressource zur Bewältigung der Krise sind die Corona-Immunen, also jene Menschen, die mit Corona infiziert waren und wieder genesen sind. Ihre Zahl wächst mit der Zahl der Infizierten. Umfangreiche, grossflächige Antikörpertests geben Aufschluss über die Anzahl immuner Menschen, weil dazu auch diejenigen gehören, welche die Krankheit – ohne es zu bemerken, und ohne Tests – überwunden haben. Immune Menschen können eingesetzt werden, um den Stillstand zu überwinden. Umfangreiche Tests liefern zudem verlässliche Angaben über die Gefährlichkeit des Virus, die Dynamik der Epidemie, die Sterblichkeit und den Anstieg der Immunität der Bevölkerung. Dank Ihrer können sowohl die aktuelle Lage, die zukünftige Entwicklung als auch die Auswahl und Wirkungen der Massnahmen besser eingeschätzt werden.

Entscheidend für die Durchführung der Tests sind selbstverständlich die vorhandenen Kapazitäten. Weil diese zur Zeit noch nicht genügen, geht es vorerst darum, die benötigten Kapazitäten schnell aufzubauen.