Welternährungslage
Weizenpreis weiterhin auf einem Hoch – Hungerkrise spitzt sich zu – Indien lockert Exportstopp leicht

Der Ukraine-Krieg treibt den Weizenpreis in immer neue Höhen. Die weltweite Versorgung ist bedroht. Besonders betroffen sind Länder wie Afghanistan, Äthiopien, Südsudan, Syrien oder Jemen.

Gabriela Jordan
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Die andauernde Hitzewelle in Indien sorgt für eine magerere Weizenernte. Ausfuhren gestattet das Land deshalb kaum. Zuvor hatte es in Aussicht gestellt, die globalen Versorgungsengpässe im Zuge des Ukraine-Kriegs durch eine Steigerung seiner Weizen-Exporte zu lindern.

Die andauernde Hitzewelle in Indien sorgt für eine magerere Weizenernte. Ausfuhren gestattet das Land deshalb kaum. Zuvor hatte es in Aussicht gestellt, die globalen Versorgungsengpässe im Zuge des Ukraine-Kriegs durch eine Steigerung seiner Weizen-Exporte zu lindern.

Bild: Keystone

Die Weizenausfuhren aus der kriegsgebeutelten Ukraine sind weiterhin blockiert. In der Kornkammer Europas lagern nach Angaben der EU 20 Millionen Tonnen Getreide von der letzten Ernte. Die nächste Ernte wird bald etwa 60 bis 70 Tonnen erbringen – doch wohin damit, wenn alle Speicher noch voll sind?

Auf dem Weltmarkt wird Weizen aufgrund dieses Missstandes derweil zu einem immer knapperen Gut. Der Preis steigt auf stetig neue Höhen an – seit Kriegsausbruch ist die Zunahme dramatisch. Auf dem Rekordhoch von 457 Schweizer Franken pro Tonne von Mitte Mai ist der Preis zwar nicht mehr, mit 420 Franken pro Tonne ist der wichtige Rohstoff für gewisse Weltregionen aber noch immer kaum bezahlbar. Vor einem Jahr kostete die Tonne rund 220 Franken, vor der Pandemie weniger als 200 Franken.

Ein klein wenig Entspannung hat die jüngste Wendung Indiens gebracht: Der zweitgrösste Weizenproduzent nach China hat seinen Exportstopp leicht gelockert und Ausnahmen gewährt, so etwa nach Ägypten. Weizenlieferungen, die bereits dem Zoll übergeben worden seien, dürften exportiert werden, teilte das Handelsministerium in Neu-Delhi mit.

Davor hatte Indien die meisten Ausfuhren untersagt, weil es unter einer Hitzewelle leidet und selbst nur eine magere Ernte zu verzeichnen hat. Seit über zwei Monaten werden dort Temperaturen von über 40 Grad gemessen. Das Land sah sich gezwungen, primär die Versorgung im eigenen Land sicherzustellen. Dass es nun doch einige wenige Exporte gestattet hat, lindert den weltweiten Weizenmangel aber kaum. Indien war noch nie eine grosse Weizen-Export-Nation und benötigt das Getreide in erster Linie für die eigenen 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner.

Ukraine-Krieg verschlimmert Hungerkrise weiter

Die grössten Weizenexporteure sind die beiden sich im Krieg befindenden Länder Russland und Ukraine. Sie waren vor dem Krieg für fast einen Drittel der weltweiten Weizenlieferungen verantwortlich. Die Ukraine ist ausserdem ein wichtiger Exporteur von Mais, Gerste, Sonnenblumen- und Rapsöl. Aktuell ist die Ausfuhr der Ernten von den sieben Schwarzmeerhäfen blockiert – und Russland hat seine Getreide-Exporte vorerst gestoppt.

Da ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht absehbar ist, wird sich die Mangellage weiter verschärfen. Besonders abhängig von Importen aus der Ukraine und Russland sind Länder in Nord- und Ostafrika sowie im Nahen Osten. In Ländern wie Afghanistan, Äthiopien, Südsudan, Syrien oder Jemen ist die Hungerkrise am grössten.

Laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) sind 44 Millionen Menschen am Rande einer Hungersnot. Seit Wochen fordert die Organisation deshalb eine Wiedereröffnung der Schwarzmeerhäfen. Nur so könnten die dringend benötigten Nahrungsmittel aus der Ukraine die betroffenen Menschen erreichen. «Uns läuft die Zeit davon, und die Auswirkungen der Untätigkeit werden noch jahrelang auf der ganzen Welt zu spüren sein», liess WFP-Direktor David Beasley verlauten.