Wirren um Börsengang von Saudi Aramco: Top-Banker warten stundenlang, werden nach 10 Minuten weggeschickt, Vorsitzender flippt aus

Eine Verzweiflungstat des saudischen Königshauses. Das sei der Börsengang des saudischen Ölgiganten Aramco, sagt der Präsident der Anlagestiftung Ethos, Rudolf Rechsteiner. Saudi-Arabien wolle dem Ende des Erdöl-Zeitalters zuvor kommen. 

Niklaus Vontobel
Drucken
Teilen
Weniger gefragt als gedacht: Öl aus Saudi-Arabien  Bild: Bloomberg

Weniger gefragt als gedacht: Öl aus Saudi-Arabien Bild: Bloomberg

Einige der Top-Banker der Welt warten fünf Stunden lang in einem Palast in Riad, Saudi-Arabiens Hauptstadt. Dann werden sie vorgelassen zur Audienz mit dem Vorsitzenden von Aramco, der grössten Ölfirma der Welt. Sie bringen bad News. So viel wie die Saudis gern hätten, wollen die Finanzmärkte nicht zahlen für die Aramco-Aktien. Zehn Minuten später werden sie wieder weggeschickt. Ohne einen Entscheid erfahren zu haben.

Am Tag darauf lesen sie in den Medien: Der globale Megabörsengang, der 100 Milliarden Dollar bringen sollte, ist vier Mal kleiner geworden. 25 Milliarden wollen die Saudis noch hereinholen. Die Aktien werden nicht mehr global vermarktet: in den USA, Asien und Europa. Bloss im eigenen Land sollen die Titel verkauft werden. Jahrelang haben die Top-Banker lobbyiert, nun sind sie überflüssig. Ihre Gebühren sinken drastisch.

Big Oil muss Aktionäre mit viel Geld bei Laune halten

Wenn Banker im saudischen Ölstaat einen Flop landen, sieht Rudolf Rechsteiner sich in seinem Basler Büro bestätigt. Der Präsident der Anlagestiftung Ethos warnt schon lange davor, in Unternehmen zu investieren, deren Geschäft abhängig ist von fossilen Brennstoffen. «Das Zeitalter des Erdöls ist schneller vorbei, als wir uns das heute vorstellen können.»

Die Vorzeichen sind da, sagt Rechsteiner. Big Oil muss die Aktionäre mit viel Geld bei Laune halten, sonst fliehen sie. Gemäss «Wall Street Journal» strapazieren die Zahlungen für Dividenden und Aktienrückkäufe bereits heute die Bilanzen der grossen Ölkonzerne. Im Börsenindex S&P500 hat der Energiesektor bereits im letzten Jahrzehnt die schlechteste Rendite. Künftig könnten auf Big Oil neue Steuern zukommen und strengere Regeln, weil Regierungen gegen den Klimawandel kämpfen müssen. Überflutete Küstenstädte könnten womöglich Schadenersatz fordern.

«Solar und Wind stehen vor dem Durchbruch»

Derweil durchlaufen Solar- und Windenergie den typischen Pfad von Technologien, die sich am Markt durchsetzen. In den letzten 30 Jahren hat sich ihre Stromerzeugung alle zwei oder drei Jahre verdoppelt. «Bleibt es dabei, kommt im Jahr 2030 aller Strom aus Solar- und Windenergie.» Auch das Problem kostengünstiger Speicherung ist technisch gelöst. In den USA sind Solaranlagen mit Batterie am Netz, die preislich die Brennstoffkosten herkömmlicher Kraftwerke unterbieten. «Solar und Wind stehen vor dem Durchbruch.»

Diese Prognose steht für Rechsteiner nicht in einem Widerspruch zum Börsengang der staatlichen Aramco. Im Gegenteil: Damit werde versucht, die Ölreserven vorher noch zu Geld zu machen. Die Risiken werden auf die Aktionäre abgewälzt. «Es ist eine Verzweiflungstat des saudischen Königshauses.»

Damit ist der Börsengang von Aramco ein kleines Lehrstück: In Zeiten des Klimawandels geraten Investitionen in Ölfirmen zu einem Vabanquespiel. Doch das Beispiel Aramco ist zu vielschichtig, um sich nur mit dem Klimawandel erklären zu lassen. Das sieht Rechsteiner ebenso: «Zum Beispiel sind die Gewinne von Aramco eine politische Grösse. Das Königshaus kann jederzeit Steuern auf den Export von Erdöl erheben.»

Die Begründung hörte er nicht mehr, er flippte aus

Der Börsengang ist an den globalen Finanzmärkten durchgefallen. Als nationale Veranstaltung hat sich sein Charakter gewandelt. Die Dimensionen sind noch immer immens. Mit einem Erlös von 25 Milliarden wäre es einer der grössten Börsengänge der Welt. Doch nun wird dem heimischen Publikum ein Angebot gemacht, dass es kaum ablehnen kann. Der Kauf von Aktien wird zur nationalen Pflicht erkoren. Banken puschen mit günstigen Krediten. Kritiker sprechen von «Nötigung.»

Nicht zuletzt tragen die Banker eine Mitschuld. Sie hatten die hohen Erwartungen zuerst noch bestätigt, so die Financial Times. Als sie darum buhlten, mittun zu dürfen beim Börsengang, sagten sie einen Erlös von 100 Milliarden vorher, wenn 5 Prozent der Aktien verkauft würden. Aramco wäre 2 Billionen wert gewesen. Nachdem die Banker mit Investoren geredet hatten, sagten sie: Es könne auch nur halb so viel werden. Die Gründe habe der Vorsitzende von Aramco nicht mehr gehört. Es heisst, er sei ausgeflippt.