«Wir wollen das Scheitern bewusst aus der Tabuzone holen»: Mit einer Fuckup-Night will ein Verein unternehmerische Niederlagen thematisieren

Cyberlago beschäftigt sich mit Fragen der Digitalisierung. Jetzt organisiert der Verein auf der deutschen Seite Bodensee einen Anlass, der sich ums Scheitern dreht.

Stefan Borkert
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Rund um den Bodensee wächst die Kooperation von Digitalexperten aus Wirtschaft, Forschung und Technik.

Rund um den Bodensee wächst die Kooperation von Digitalexperten aus Wirtschaft, Forschung und Technik.

Bilder: Getty, Imago Images/Collage: SGT

Das Scheitern hat den Bodensee erreicht. Auch das Netzwerk Cyberlago beschäftigt sich mit dem Thema und zwar an so genannten «Fuckup Nights.» Tobias Fauth, Geschäftsführer von Cyberlago erklärt, dass der nicht ganz jugendfreie Namen eine weltweite Veranstaltungsreihe und Bewegung zum Austausch von Geschichten über das Scheitern sei. «Die Idee dazu stammt von einem Freundeskreis aus Mexiko.» Cyberlago ist Veranstalter der Fuckup Nights auf der deutschen Seite des Bodensees.

«Wir wollen dort das Thema Scheitern bewusst aus der Tabuzone holen und eine Gründerkultur etablieren, zu der auch das Scheitern gehören darf.»

Er selbst habe glücklicherweise noch keine solchen Geschichten erlebt, die irgendwelche finanziellen, gesundheitlichen oder sozialen Folgen hatten. Er überlegt kurz und sagt dann: «Ich hatte aber auch noch nicht den Mut, ein eigenes Unternehmen aufzubauen.»

«Wir sind geübt in der Improvisation»

Tobias Fauth, GeschäftsfühererCyberlago

Tobias Fauth, GeschäftsfühererCyberlago

PD

Bei Cyberlago selbst ist noch nicht viel in die Hosen gegangen. Manchmal würden Veranstaltungen anders als geplant laufen. «Aber wir sind geübt in der Improvisation, wenn es zu Problemen kommt», sagt Fauth. Beim «KI-Lab Bodensee» habe Corona den Zeitplan vereitelt, insbesondere den Aufbau eines Showrooms, in dem KMU künstliche Intelligenz ausprobieren und verstehen lernen sollten. Das werde nun eben ab Herbst möglich sein. Fauth:

«Ansonsten warten wir noch auf unseren ersten grossen Fuckup, der im besten Fall nicht kommen wird.»

Aus Schaden wird man ja bekanntlich klug. Was für Lehren hat Cyberlago aus den bisherigen Erfahrungen gezogen? «Generell sind wir, was Fehlerkultur und Probleme angeht, sehr lösungsorientiert. Wir halten uns also nicht lange mit dem Problem auf und blasen Trübsal, sondern schauen, wie man Situationen verändern und zum Positiven gestalten kann.» Das sei auch eine Erkenntnis, die bei den Fuckup Nights immer wieder gewonnen werde. «Es gibt immer die Möglichkeit, die Dinge wieder zum Guten zu wenden, und sei es durch einen Neuanfang.»

Ausprobieren und Neues schaffen

Und was ist das nächste Projekt von Cyberlago, das scheitern könnte? Faut sagt: «Vermutlich kann jedes Projekt scheitern. Wir arbeiten gerade an neuen Projekten, die den Unternehmen in der Region helfen sollen.» Denn diese könnten auf vielfältige Weise scheitern, beispielsweise an der benötigten Finanzierung oder wenn die Unternehmen die Angebote nicht nutzten. Man wolle trotzdem Neues schaffen, ausprobieren, eng mit den Zielgruppen kommunizieren.

Auch Cyberlago könnte, trotz der momentan anhaltenden Erfolgsstory scheitern. Das wäre dann der Fall, wenn man mit der Arbeit die Mitglieder und Förderer nicht mehr überzeugen könne, etwa von der wahren Stärke der Bodenseeregion, die sich dann entfalte, wenn es ein Miteinander gebe. «Das ist unsere Überzeugung, und diese liegt auch der Idee zu Cyberlago zugrunde.» Es gebe rund um den Bodensee keine vergleichbaren Clusterinitiativen wie die mittlerweile drei Lago-Netzwerke: Biolago, Cyberlago und Solarlago. Die wenigen anderen würden sich in der Regel innerhalb der Grenzen bewegen.

Kommunikationsplattsplattform eingerichtet

Das Netzwerken lebt auch bei Cyberlago vom persönlichen Kontakt. Allerdings hat man keine Berührungsängste, wenn es um virtuelle Kommunikation geht. «Wir fördern die virtuelle Vernetzung. Beispielsweise haben wir eine Kommunikationsplattform, wo Unternehmer und Führungskräfte sich direkt austauschen können. Entweder privat oder auch für alle sichtbar.» Auch bei virtuellen Veranstaltungen spiele der informelle Austausch im Anschluss eine wichtige Rolle. Er sei das Pendant zum klassischen Networking an Präsenzveranstaltungen, so Fauth.

Doch ganz so einfach ist die Überwindung von Grenzen auch im Cyberspace nicht. Es gelinge immer wieder, länderübergreifend zu kooperieren und Kooperationen anzustossen, auch virtuell. «Manchmal ist das einfacher, manchmal schwieriger», weiss er aus Erfahrung. Man müsse eben immer wieder auch die Chancen des Miteinanders erkennen und nutzen sowie andere davon überzeugen. «Das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, den man von aussen oft weniger wahrnimmt, weil er sich meist hinter den Kulissen abspielt.»

Cyberlago ist zwar in Konstanz gegründet worden, dennoch geht es dem Verein in allererster Linie um den Bodensee insgesamt. Fauth sagt, dass der Schwerpunkt bisher auf deutscher Seite liege, weil dort der Grossteil der Mitglieder wie auch die Finanzierung generiert werde. Und noch würde die deutsche Seite Cyberlago viel mehr für sich nutzen und in Projekte einbinden als dies in der Schweiz, in Liechtenstein oder in Österreich der Fall sei. Das gelte für Unternehmen ebenso wie für Hochschulen, Politik und Verwaltung.

Tobias Fauth: «Wenn der Thurgau oder St. Gallen uns aber rufen, stehen wir bereit und bringen uns ein, denn das entspricht der Idee von Cyberlago.»

Ein Blick auf die Mitgliederliste zeigt, dass aktuell rund ein Sechstel der 110 Mitglieder aus der Ostschweiz stammen. Fauth blättert weiter und fügt an. «Wir hatten im vergangenen Jahr den bisher stärksten Zuwachs an Mitgliedern. Auch in diesem Jahr steigen die Zahlen trotz Corona weiter.» Man lege den Fokus jedoch nicht auf Wachstum, sondern auf Bindung. «Unsere Mitglieder sind die besten Multiplikatoren.»

Die Mitglieder bilden die gesamte Bandbreite in den Themenfeldern IT, digitale Transformation und Innovation ab. «Sie sind ein Spiegelbild dessen, was es am Bodensee insgesamt gibt. Nämlich Experten für so ziemlich jedes Thema.» Noch nie sei es vorgekommen, dass sich nicht irgendwo am Bodensee ein Experte zu einem gesuchten Thema finden liess. Und genau diesen Experten wolle man ein Gesicht geben. Fauth: «Wann immer ein Experte zu einem bestimmten Thema gesucht wird, wollen wir, dass es am Ende zu einer Kooperation am Bodensee kommt.»

Fauth will indes nicht, dass die Bodenseeregion das Silicon Valley überholt. Der Bodensee sollte gar nicht erst versuchen, Silicon Valley zu sein.

«Wir müssen einfach nur der Bodensee sein, eine innovative und lebenswerte Region, die ihre volle Stärke im Miteinander ausspielt. Dann müssen wir keine Vergleiche scheuen.»
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