«Wir werden weiter investieren»: So kontern Ostschweizer Unternehmen das Coronavirus

Die Pandemie erschwert das Geschäft vieler Unternehmen. Einige aber investieren trotz oder gerade wegen Corona, um sich für die Zukunft noch besser zu rüsten.

Thomas Griesser Kym
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In der neuen Produktionshalle der DGS Druckguss Systeme AG, die vor ein paar Monaten eingeweiht worden ist.

In der neuen Produktionshalle der DGS Druckguss Systeme AG, die vor ein paar Monaten eingeweiht worden ist.

Bild: Urs Bucher (St.Gallen-Winkeln, 20. Februar 2020)
Roland Ledergerber, Präsident der IHK St.Gallen-Appenzell und Chef der St.Galler Kantonalbank.

Roland Ledergerber, Präsident der IHK St.Gallen-Appenzell und Chef der St.Galler Kantonalbank.

Bild: Ralph Ribi

Gesundheit, Gesellschaft und Wirtschaft, alle drei sind wichtig. Nur herrscht in ihren Ansprüchen ein Zielkonflikt während der Pandemie. Was tun? Roland Ledergerber, Präsident der IHK St. Gallen-Appenzell und Chef der St.Galler Kantonalbank, plädiert für eine Gesamtsicht. Nur so könne man ein Optimum herausholen, sagte Ledergerber am Forum «Zukunft Ostschweiz», das am Montagabend als virtueller Anlass bei der St.Galler Autozuliefererin DGS Druckguss Systeme AG über die Bühne ging.

Abgeschmiert, doch seither geht's aufwärts

DGS-Chef Andreas Müller skizzierte die Dramatik der Pandemie anhand teils drastischer Umsatzeinbrüche des chinesischen Werks von 40 Prozent im Februar und März sowie von 40 Prozent im März und 80 Prozent im April an den Standorten in St. Gallen und Tschechien. In China aber werde man Ende 2020 wieder im Plan sein, und für Europa prognostiziert Müller für das ganze Jahr ein Umsatzminus von 25 Prozent.

Andreas Müller, Chef der DGS Druckguss Systeme AG.

Andreas Müller, Chef der DGS Druckguss Systeme AG.

Bild: Urs Bucher

Trotz Pandemie hält Müller den Entscheid für richtig, in St. Gallen eine neue Halle gebaut zu haben, in der seit Februar neuartige Bauteile produziert werden. Müller sagt:

«Unsere Teile gehen in alle Fahrzeuge, egal ob fossile Treibstoffe, Elektro oder Hybrid.»

Die Investition sichere den Standort St. Gallen langfristig, sagt Müller, und:

«Wir werden weiter investieren, denn die Pandemie wird die Marktbereinigung beschleunigen, und wir gewinnen Marktanteile.»

SFS denkt über die Pandemie hinaus

SFS-Konzernchef Jens Breu.

SFS-Konzernchef Jens Breu.

Bild: Urs Bucher

Zugegen am Forum war auch Jens Breu, Chef der Rheintaler SFS Group. Der Technologiekonzern hat im September 2020 Investitionen von 25 bis 30 Millionen Franken in Heerbrugg freigegeben. Auf die Frage des IHK-
Direktors Markus Bänziger, ob die SFS-Führung diese Ausgabe wegen Corona nicht hinterfragt habe, sagte Breu:

«Wir erachten die Pandemie als etwas Kurzfristiges, unsere Investitionen dagegen sind mittel- bis langfristig angelegt.»
Christine Bolt, Direktorin der Olma-Messen.

Christine Bolt, Direktorin der Olma-Messen.

Bild: Anna Tina Eberhard

Andere Firmen arbeiten vorwiegend an anderen strategischen Projekten, wie zum Beispiel Christine Bolt sagt, Direktorin der Olma-Messen. Auch diese investieren, nämlich in den Bau einer neuen Halle. Doch Bolt räumt auch ein: Ohne das Rettungspaket der öffentlichen Hand kämen die Olma-Messen nicht über die Runden.

Begehrte Butterkekse

Die People's Air Group wiederum überprüft gegenwärtig ihre Strukturen wie Janine Meier sagt, Leiterin des Flugplatzes Altenrhein. Laut Meier liegt der Flugplatz als Folge von Corona umsatzmässig mit 40 bis 50 Prozent im Minus, die Fluggesellschaft People's wegen des stark reduzierten Linienflugbetriebs nach Wien gar um 70 bis 80 Prozent.

Urs Koch, Verwaltungsratspräsident der Appenzeller Baufirma Koch AG, sagt, die Pandemie beschleunige die Digitalisierung, auch auf den Baustellen. Dort werden zum Beispiel auch Roboter zum Thema. So hat beispielsweise der Liechtensteiner Baugerätehersteller Hilti kürzlich einen Baustellenroboter für Deckenbohrungen vorgestellt.

Die Toggenburger Waffel- und Gebäckherstellerin Kägi Söhne AG aus Lichtensteig spürt derweil nicht viel von Corona, wie Firmenchef Raymond Nef sagt:

«Unsere Handelskanäle sind offen geblieben, und wir können weiterproduzieren.»

Temporär habe er einzig eine erhöhte Nachfrage nach Butterkeksen festgestellt, wohl weil diese länger haltbar seien.

Heterogenes Bild der Wirtschaft

Wie schaut es in der Ostschweizer Wirtschaft neben diesen konkreten Beispielen generell aus? Alessandro Sgro, Chefökonom der IHK St. Gallen-Appenzell, beurteilt die Lage so:

«Das dritte Quartal brachte zwar ein wenig Erholung.»
Alessandro Sgro, Chefökonom der IHK St.Gallen-Appenzell.

Alessandro Sgro, Chefökonom der IHK St.Gallen-Appenzell.

Bild: PD

Sgro stützt sich auf die jüngste Befragung der IHK von 685 Unternehmen in den vier Ostschweizer Kantonen vom 2. bis 8. November. Demnach schätzen vier von fünf Firmen ihre Geschäftsentwicklung als «befriedigend» bis «gut» ein. In der Umfrage vom 1. September taten das zwei Drittel der Firmen. Vor allem Thurgauer Unternehmen zeigen sich nun zufriedener mit der Entwicklung im dritten Quartal.

Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St.Galler Kantonalbank.

Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St.Galler Kantonalbank.

Bild: PD

Doch Corona erschwert den Unternehmen nach wie vor ihre Geschäftstätigkeit. Am häufigsten genannt werden eine tiefere Nachfrage und ein zunehmender Personalausfall. Nach Branchen zeigt sich aber ein heterogenes Bild. Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St.Galler Kantonalbank, sagt:

«Während sich das Baugewerbe mit der Geschäftsentwicklung praktisch einstimmig zufrieden zeigt, kämpfen Unternehmen aus dem Maschinenbau und der Metallindustrie stärker mit den Erschwernissen.»

Lichtblick am Arbeitsmarkt

Im Dienstleistungssektor seien vor allem Unternehmen aus dem IT-Segment zufrieden mit dem Geschäftsverlauf. Weniger gut laufe es Betrieben aus der Gastronomie, der Werbung und dem Verlagswesen. Insgesamt äussern neun von zehn Unternehmen die Erwartung, dass die Erschwernisse anhalten.

Einen Lichtblick macht das neue Konjunkturboard Ostschweiz am Arbeitsmarkt aus. Sieben von zehn Unternehmen rechnen demnach nicht mit einer Kündigungswelle. Eine knappe Mehrheit geht zudem nicht davon aus, in den kommenden Monaten Kurzarbeit beantragen zu müssen. Auch bezüglich einer Konkurswelle zeigt sich die Ostschweizer Wirtschaft verhalten optimistisch.

Die Liquidität als Knackpunkt

Je länger die Pandemie anhält, desto mehr zeigen sich indessen Folgewirkungen. 36 Prozent der Umfrageteilnehmer rechnen mit Liquiditätsengpässen, 25 Prozent mit Finanzierungsengpässen. Und: Insgesamt sieht sich lediglich jedes vierte Unternehmen hinsichtlich Liquidität auf einen neuen Lockdown vorbereitet.

Das Konjunkturforum «Zukunft Ostschweiz» zu Gast bei der DGS Druckguss Systeme AG.

Das Konjunkturforum «Zukunft Ostschweiz» zu Gast bei der DGS Druckguss Systeme AG.

Bild: PD

Zwei Neuerungen aufs Mal

Normalerweise findet das jährliche Konjunkturforum «Zukunft Ostschweiz» vor vollen Rängen in einer Olma-Halle statt. Doch Corona hat das Forum der IHK St.Gallen-Appenzell und der St.Galler Kantonalbank dieses Mal in ein Spezialformat gezwungen, und zwar in einen Livestream aus der neuen Produktionshalle der DGS Druckguss Systeme AG in St.Gallen-Winkeln.

Just dieses Jahr ist auch die Präsentation der Konjunkturentwicklung in neue Hände gelegt worden. Ökonom Peter Eisenhut von der Beratungsfirma Ecopol wurde abgelöst vom neuen Konjunkturboard Ostschweiz, das mit der ETH- Konjunkturforschung KOF kooperiert. In dem Fachgremium sitzen von der IHK Alessandro Sgro und Jan Riss sowie von der Kantonalbank Caroline Hilb Paraskevopoulos und Beat Schiffhauer. (T. G.)