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Interview

Huawei-Gründer: «Wir werden auch ohne die USA rapide wachsen»

Ren Zhengfei, der Gründer von Huawei, gibt sich inmitten des Handelskriegs zwischen Peking und Washington selbstbewusst. Bei der Debatte um 5G-Netze in Europa versucht der Tech-Mogul, Ängste zu entschärfen.
Fabian Kretschmer aus Shenzhen
«Sicher können wir ein Versprechen geben, dass wir keine Informationen an die chinesische Regierung weiterleiten»: Huawei-Gründer Ren Zhengfei in der Firmenzentrale in Shenzhen, China. Bild: Qilai Shen/Bloomberg

«Sicher können wir ein Versprechen geben, dass wir keine Informationen an die chinesische Regierung weiterleiten»: Huawei-Gründer Ren Zhengfei in der Firmenzentrale in Shenzhen, China. Bild: Qilai Shen/Bloomberg

Huawei-Gründer Ren Zhengfei lädt zum Interview in seine Firmenzentrale in Shenzhen. Die Medienvertreter werden in eine überdimensionale Säulenhalle gebeten, die mit Relikten des ­alten Europa bestückt ist: An den Wänden hängen Ölgemälde von der Schlacht von Waterloo und der Krönung Napoleons, die golden verzierten Wandschränke sind viktorianisch, die Statuen vom antiken Griechenland ­inspiriert.

Sichtlich tiefenentspannt erscheint der 75-Jährige im lachsrosa Hemd und olivgrünem Sakko. Der CEO des weltweit grössten Netzwerkausrüsters der Welt strahlt uneingeschränktes Selbstbewusstsein aus. Bislang geben ihm seine Wirtschaftszahlen recht: Im dritten Quartal 2019 ist der Umsatz von Huawei dank seines rasant wachsenden Smartphone-Geschäfts um 27 Prozent gestiegen.

Ren Zhengfei gilt als schwer zugänglich. Doch die kontroverse Debatte um Huawei als verlängerter Arm der chinesischen Regierung hat den Firmengründer dazu gedrängt, in die Offensive zu gehen und Huawei und seine Interessen den internationalen Medien zu erklären.

Herr Zhengfei, Sie haben überall in Ihrer Firmenzentrale das Foto eines russischen Fliegers aus dem Zweiten Weltkrieg aufgehängt, das von deutschen Flakgeschossen schwer verwundet dennoch den Heimflug schafft. Sehen Sie darin eine Metapher für den derzeitigen Zustand Ihrer Firma?

Ren Zhengfei: Das Foto habe ich per Zufall entdeckt, als ich im Internet gesurft habe: ein Kampfflugzeug mit zerschossenen Flügeln, das dennoch fliegt. Es spiegelt gut die Situation Huaweis wider: Wir haben auch Einschusslöcher, und doch fliegen wir noch immer. In zwei bis drei Jahren können wir jedoch unsere Wunden flicken und ein komplett neues Flugzeug errichten.

Wenn wir bei dieser Metapher bleiben: Sind es die Amerikaner, die auf Sie schiessen?

Ja, das scheint so zu sein. Die Vereinigten Staaten haben uns mit einem Verbot belegt, US-Produkte zu importieren.

Kritiker hegen Skepsis, dass Huawei auch ohne Technikkomponenten aus den USA weiter wachsen kann.

Ich kann Ihnen versichern, wir werden auch ohne US-Produkte rapide wachsen. Gleichzeitig werden wir jedoch stets gewillt sein, mit US-Firmen zusammenzuarbeiten. Huawei wird die Globalisierung immer begrüssen.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie mit Ihren neuesten Smartphones nicht mehr auf den Google Play Store zugreifen werden dürfen? Sie entwickeln derzeit ein eigenes Betriebssystem, aber das ist eine Mammutaufgabe.

Das werden wir sehen, wenn der 20. November kommt. (Anmerkung: Ab dem 19. November ist es US-Unternehmen untersagt, Geschäftsbeziehungen zu Huawei zu unterhalten.)

Zur Person

Ren Zhengfei hat die Garagenfirma Huawei 1987 mit 3500 US-Dollar Startkapital zum weltgrössten Hersteller für Telekommunikationstechnik gemacht. Geboren wurde der IT-Ingenieur 1944 in ärmlichen Verhältnissen als ältestes von sieben Kindern. Nach seinem Studium diente Ren Zhengfei für kurze Zeit bei der chinesischen Volksbefreiungsarmee, bekleidete jedoch keinen militärischen Rang. Noch heute bezeichnet er jedoch seine Angestellten oft als «Kommandeure» und «Offiziere».

US-Präsident Donald Trump zeigt sich nach wie vor zuversichtlich, noch in diesem Monat die Weichen für ein Handelsabkommen zwischen China und den Vereinigten Staaten zu stellen. Welche Hoffnungen hegen Sie diesbezüglich?

Da ich eigentlich keine Beziehung zwischen dem Handelskrieg und unserem Geschäft sehe, habe ich die Nachrichtenlage kaum verfolgt. Wir hängen nicht von den USA ab, wir können aus eigener Kraft überleben (Anmerkung: Huawei verkauft weniger als ein Prozent seiner Smartphones in den USA). Es sind letztlich die US-Firmen, die vom Handelskrieg getroffen werden, nicht Huawei. Washington kann letztendlich machen, was immer die USA als am besten für die Interessen ihrer Firmen halten. Was ich jedoch nicht verstehe: Wenn die USA nicht mehr nach China verkaufen, wieso nehmen dann die Europäer nicht die entstehenden Chancen wahr? Wenn es Geld zu machen gibt, wieso diese Möglichkeit nicht nutzen?

«Die Nachrichtenlage zum Handelskrieg habe ich kaum verfolgt»

Die Diskussion hat ja längst Europa erreicht. Kritiker argumentieren, dass Huawei nicht in den Aufbau von 5G-Netzen involviert sein soll – aus Angst, dass sensible Informationen an die chinesische Regierung weitergeleitet werden könnten. Was haben Sie zu entgegnen?

Die deutsche Bundesregierung hat ja kürzlich einen Sicherheitskatalog mit gestiegenen Anforderungen veröffentlicht. Huawei wird aktiv bei einem solchen Prozess mitmachen. Wir wollen einen fairen, wissenschaftlich basierten Wettbewerb.

Auch dort hat der deutsche Bundesinnenminister Heiko Maas zuletzt angekündigt, dass ein solcher Katalog nicht ausreichen würde. Wie können Sie die Ängste der deutschen Bundesregierung und anderer Staaten in Europa entkräften?

Das ist ein Thema, das unter Politikern diskutiert werden sollte. Wir sind ein Technologieanbieter. Unser Ziel ist es schlicht, sichere und gute Produkte an unsere Kunden zu liefern.

Es geht auch um Vertrauen: In China gibt es keinen Rechtsstaat im westeuropäischen Verständnis. Können Sie das verstehen?

Wenn Leute politische Urteile fällen, die einzig darauf basieren, aus welchem Herkunftsland ein Unternehmen stammt – wer ist dann noch glaubhaft? Sind es etwa die Vereinigten Staaten? Letztendlich sollten wir das Urteil dem Kunden überlassen. Geht es um den Rechtsstaat, dann schreitet China stetig voran. Das Land hat sich dem Rechtsstaat und der Marktwirtschaft verpflichtet. Es werden praktisch jeden Tag Fortschritte erzielt. Es ist notwendig, für verschiedene Player zusammenzukommen und gemeinsam Fortschritte zu erzielen.

Die Schweiz ist ein Huawei-Land

In Deutschland tobt eine intensive Debatte, ob sich Huawei am Aufbau des G5-Netzes beteiligen darf. Die Schweiz kennt keine solche Vorbehalte. Huawei beliefert Swisscom und Sunrise mit Telekominfrastruktur. Sunrise setzt für das neue Mobilfunknetz 5G auf die technologisch führenden Chinesen, bei Swisscom beschränkt sich die Zusammenarbeit auf das Festnetz. Die Schweizer Behörden sehen keine Notwendigkeit, Huawei vom G5-Netz auszuschliessen. Der Konzern plant einen Forschungsstandort in der Schweiz mit 1000 neuen Arbeitsplätzen.

Können Sie definitiv ausschliessen, Informationen an die chinesische Regierung weiterzuleiten?

Sicher können wir ein solches Versprechen geben, dass es keine Hintertürkanäle geben wird. Ein solches Abkommen können wir jederzeit unterschreiben. Aber selbst wenn einige Länder nicht mit Huawei zusammenarbeiten, dann können wir entscheiden, den Markt fürs Erste ruhen lassen.

China ist ein Markt von 1,4 Milliarden Menschen, auf dem Sie im nächsten Jahr im Smartphone-Segment eine Marktführerschaft von über 50 Prozent erreichen könnten. Wie wichtig sind westliche Länder überhaupt noch für Ihr Geschäft?

Idealerweise wollen wir Huaweis Produkte an so viele Personen wie möglich verkaufen. So können wir die Kosten decken, die wir in unsere Forschung und Entwicklung stecken. In dieser Hinsicht sind natürlich ausländische Märkte wie in Afrika oder Europa von Vorteil. Wir leben schliesslich in einer globalen Gesellschaft. Jeder Ansatz, sich abzuschotten, wird nicht funktionieren. Wir wollen beispielsweise vermehrt europäische Wissenschafter für zukünftige technologische Innovationen mit an Bord holen. Wir unterstützen auch, dass Europa seine eigenen Innovationen in der Software-Industrie erzielt. Denn wir selber benutzen in unserer Fertigungslinie schliesslich auch Software von europäischen Unternehmen.

Huawei in Zahlen

106,9 Milliarden Franken Umsatz erzielte Huawei im Jahr 2018. Der Gewinn lag bei 8,8 Milliarden Franken. Rund 2485 Patente hat der Technologiekonzern 2018 angemeldet. 66,8 Millionen Smartphones hat Huawei im dritten Quartal 2019 verkauft. Das ist mehr als Apple. 180'000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern weltweit, 40 Prozent davon in der Forschung.

Ende letzten Jahres wurde Ihre Tochter in Kanada verhaftet, da die USA ihr die Umgehung von Sanktionen gegen den Iran vorwerfen.

Ich hege trotzdem keine Wut gegen die kanadische Regierung. Im Übrigen hat Huawei dort auch seine Investitionen nicht verringert. Im Gegenteil: Dieses Jahr erhöhen wir die Anzahl der Wissenschafter noch einmal um 200. Wir wollen Kanada in ein Innovationshub wie Silicon Valley verwandeln. Solche Entscheidungen basieren darauf, was geschäftlich am besten für uns ist – und nicht politisch.

Wie geht es Ihrer Tochter?

Ich telefoniere nicht oft mit ihr, weil die USA Abhörtechnik installiert haben könnten. Ihre Mutter befindet sich aber bei ihr. Ich denke, es geht ihr entsprechend gut; und ich hoffe, sie kann diese Periode überwinden.

Ihre Zahlen sind exzellent, die Wachstumsrate liegt im dritten Jahresquartal bei 27 Prozent. Wie konnten Sie das erreichen angesichts der global verlangsamten Wirtschaft?

Nun ja: Unsere Wachstumsrate für den Oktober ist schon um 17 Prozent reduziert. Unsere Angestellten fühlen eine gewisse Krisenstimmung, daher arbeiten sie noch härter für unser Wachstum.

Herr Zhengfei, eine Frage abschliessend: Sehen Sie eigentlich noch grosse Unterschiede zwischen westlichen und chinesischen Unternehmen?

Nein, aber westliche Unternehmen sind derzeit noch besser. Der Name von Ländern wie Deutschland oder der Schweiz bedeutet vor allem hohe Qualität. China hat dieses Attribut noch nicht. Selbst Huawei ist noch nicht notwendigerweise an diesem Punkt angelangt.

Technik-Gigant Huawei: Geschichte einer Eskalation

2019 Huawei gerät zunehmend zwischen die Fronten im Handelskrieg zwischen Washington und Peking. Die Trump-Regierung wirft dem Telekommunikationshersteller vor, für die chinesische Regierung zu spionieren und ein Risiko für die nationale Sicherheit zu sein. Zudem übte der Präsident Druck auf seine Alliierten aus, nicht mit Huawei beim Aufbau von 5G-Netzen zusammenzuarbeiten. Auch wenn Washington für seine Vorwürfe bislang keine Beweise vorgelegt hat, ist es US-Unternehmen ab dem 19. November untersagt, mit Huawei zusammenzuarbeiten. Besonders hart trifft die Chinesen, dass Huawei in seinen neuesten Smartphone-Modellen keine Google-Apps mehr integrieren darf, darunter auch den Google-Play Store. Huawei arbeitet seither an einem eigenen alternativen Betriebssystem.

2018 Das chinesische Tech-Imperium knackt die Marke von 200 Millionen verkauften Smartphones. Mittlerweile ist Huawei nach Samsung zum zweitgrössten Smartphone-Hersteller aufgestiegen. Im gleichen Jahr nehmen kanadische Behörden auf Druck der USA Meng Wanzhou, die Tochter des Unternehmensgründers, fest. Ihr wird vorgeworfen, über ein Firmengeflecht die US-Sanktionen gegen den Iran umgangen zu haben. Vor Gericht werden die Anschuldigungen nicht bewiesen.

2003 Huawei liefert sein erstes Handy aus. Nur zwei Jahre später wird der Umsatz des Unternehmens im Ausland den heimischen Umsatz übersteigen.

1996 Peking beginnt, massiv heimische Telekommunikationshersteller zu unterstützen, allen voran Huawei. Gleichzeitig erschwert die Kommunistische Partei Chinas den Marktzugang für ausländische Firmen.

1993 Huawei erreicht seinen Durchbruch, nachdem es die damals fortschrittlichste Telefonschaltanlage Festlandchinas auf den Markt bringt. Vor allem in den rückständischen Provinzen findet das Unternehmen starken Absatz. Huawei erarbeitet sich innerhalb Chinas den Ruf, besonders kundenzentriert ausgerichtet zu sein.

1987 Ren Zhengfei gründet sein Start-up Huawei mit einem Kapital von wenigen tausend US-Dollars in Shenzhen. Die Idee ist schon damals, die Leute miteinander zu verbinden. Zu jener Zeit besitzen jedoch nur rund 0,2 Prozent aller Chinesen eine Festnetzleitung. Da Ren Zhengfei zu jener Zeit kaum Ingenieure ausreichend entlohnen kann, bezahlt er viele Mitarbeiter in Unternehmensanteilen. Dies erklärt die heutige Eigentumsstruktur, die zu rund 99 Prozent von der örtlichen Gewerkschaft gehalten wird.

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