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Interview

Unternehmer Kudelski: «Wir riskieren in Europa, unglaubliche Chancen zu verpassen»

Vom Vorzeigeunternehmer André Kudelski erhofft sich der Bundesrat innovative Impulse für die Wirtschaftspolitik. Doch ein Übergang ins digitale Zeitalter gelingt nur, wenn auch die Gesellschaft bereit ist. Amerika sei uns da weit voraus, meint Kudelski.
Interview: Daniel Zulauf
André Kudelski in seinem Büro in Cheseaux bei Lausanne. Bild: Patrick Martin/24 Heures (26. März 2018)

André Kudelski in seinem Büro in Cheseaux bei Lausanne.
Bild: Patrick Martin/24 Heures (26. März 2018)

Man muss kein Agronom sein, um zu erkennen, dass die ausschweifende Landschaft oberhalb von Lausanne ein idealer Platz für die Landwirtschaft ist. Doch vor 50 Jahren hielt auch hier die moderne, industrielle Schweiz Einzug. Zu den Pionieren zählte die Firma Nagra SA, die ihren Firmensitz 1969 von Neunburg in die Gemeinde Cheseaux verlegte. André Kudelski empfängt seine Gäste aber nicht mehr im alten Gebäude, wo sein Vater Stefan mit Profi-Tonbandgeräten «made in Switzerland» Weltruf erlangte. Wir treffen den 58-Jährigen im gläsernen Neubau, wo sich alles nur noch um digitale Technologien dreht. Der Meister dieser industriellen Verwandlung erscheint ganz traditionell. Die rote Krawatte passt zum Mandat, das er jüngst vom Bundesrat erhalten hat.

Monsieur Kudelski, als Präsident von Innosuisse sollten Sie die Innovationskraft der KMU stärken, Jungfirmen fördern und die Digitalisierung in den Betrieben voranbringen. Fühlen Sie sich auf der Höhe dieser Aufgabe?

Es ist eine grosse und interessante Aufgabe. Bund und Kantone investieren ja sehr viel in die akademische Forschung. Es besteht aber ein inhärentes Risiko, dass sich die Forschung an den Hochschulen zu weit von den wirtschaftlichen Realitäten entkoppelt. Innosuisse soll mithelfen, dass die Forschung der Universitäten und Fachhochschulen auch den Schweizer KMU zugutekommt.

Schweizer Hochschulen sind weltweit als hervorragende Ausbildungsstätten bekannt. Aber ist die Schweiz auch gut darin, die Milliardeninvestitionen in die akademische Lehre und Forschung für sich selber zu nutzen?

Die Frage ist berechtigt. In vielen Ländern Europas herrscht immer noch die Überzeugung vor, dass die Reinheit der Wissenschaft nicht mit wirtschaftlichen Interessen verschmutzt werden dürfe. Dieses Einstellung ist auch in der Schweiz nicht unbekannt. Aber die Wissenschaftler stimmen mit den Füssen ab. Wenn sie irgendwo bessere Bedingungen für ihre Forschungsarbeit vorfinden, ziehen sie weiter. Deshalb ist es so wichtig, eine gewisse Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft auch hierzulande gedeihen zu lassen.

Gibt es denn überhaupt Berührungsängste zwischen Wirtschaft und Akademie in der Schweiz?

In der Schweiz stossen solche Kooperationsmodelle sicher auf eine grössere Akzeptanz als in vielen anderen europäischen Ländern. Aber ich höre auch bei uns immer wieder viel Fundamentalkritik an solchen Projekten.

Oft scheint es ja an der nötigen Transparenz zu fehlen.

Das ist möglich. Für eine nachhaltige Verankerung solcher Kooperationsmodelle braucht es auf jeden Fall noch grosse Fortschritte auf allen Seiten.

Als Sie vor 30 Jahren die Firma Ihres Vaters übernahmen, waren die finanziellen Risiken beträchtlich. Haben Sie staatliche Hilfe erhalten?

Nein, gar nichts in der Schweiz.

War das fair?

Das ist für mich keine relevante Frage. Ein Unternehmer muss aus dem, was er hat, das Beste machen. Natürlich wäre eine Hilfe damals extrem willkommen gewesen. Aber man kann die Sache auch von einer anderen Seite sehen. Hätten wir damals in der Schweiz die gleichen Rahmenbedingungen gehabt wie unsere Nachbarländer, dann würde es Kudelski heute garantiert nicht mehr geben. Wir mussten Restrukturierungen in einem Ausmass und in einem Tempo vornehmen, wie sie in keinem anderen europäischen Land als der Schweiz möglich gewesen wären.

Sprechen Sie vom liberalen Arbeitsmarktgesetz der Schweiz?

Ja, wir mussten Entlassungen vornehmen. Aber nur so konnten wir das Geschäftsmodell schnell genug ändern. Und denken Sie auch daran, wir haben später ein Vielfaches an Personal wieder eingestellt.

Das ist Wasser auf die Mühle der SVP. Dort herrscht die Meinung vor, Innovationsförderung sei eine unternehmerische, keine staatliche Aufgabe. Sollte das nicht das Credo jedes liberalen Unternehmers sein?

Ich sehe das nicht so dogmatisch. Die Welt hat sich in den vergangenen 30 Jahren sehr verändert. Der rasche Zugang zu wissenschaftlichem Grundlagenwissen ist für viele Wirtschaftssektoren heutzutage ein absolut erfolgsentscheidender Faktor. Auch die Konkurrenz hat sich stark verändert. Vor 30 Jahren, in einer viel weniger globalisierten Welt, war diese noch vorwiegend europäisch. Jetzt stehen wir im Wettbewerb mit Amerika und Asien.

Sie verkaufen Ihre Verschlüsselungstechnologie an Bezahl-TV-Betreiber. Aber mit dem Trend zum Streaming werden diese zunehmend obsolet. Wie geht es mit Kudelski weiter?

Das Geschäft mit dem Bezahl-Fernsehen ist zwar rückläufig, aber wir verdienen immer noch Geld damit. Doch für die Zukunft müssen wir uns neu aufstellen. Wir investieren jetzt viel in die Bereiche Cybersecurity und in die Sicherheit im Internet der Dinge. Die Bereiche sind sehr vielversprechend. Aber manchmal habe ich den Eindruck, die Veränderungen, die wir – wegen der extrem schnellen Entwicklung unseres Sektors – in einem Jahr durchmachen müssen, machen andere in zehn Jahren. Das ist spannend, aber auch sehr anstrengend.

Spüren Sie das wachsende Bewusstsein um Datenschutzprobleme?

Das Bewusstsein wächst, aber es gibt grosse Unterschiede zwischen Europa und Amerika. In Amerika ist das Bewusstsein schon sehr ausgeprägt, in Europa entsteht es erst.

Das ist erstaunlich. Mit Blick auf den Facebook-Skandal und die Vorgänge rund um die US-Präsidentschaftswahl könnte man denken, dass man sich auch in den USA kaum Sorgen um den Datenschutz macht.

Das ist kein Widerspruch. Die USA erleben diese Missbrauchsfälle vor dem Hintergrund eines gestiegenen Problembewusstseins. Die Investitionen in die Datensicherheit in Europa sind viel kleiner als in den USA. Aber weil die Digitalisierung bei uns noch weniger weit fortgeschritten ist als in den USA, ist das Defizit weniger offensichtlich. Zudem müssen in den USA Fälle von Datenmissbrauch öffentlich angezeigt werden, was in Europa noch nicht der Fall ist.

Das erste Mobiltelefon wurde in einer Werkstatt von Ascom entwickelt, und Europa war lange führend in der Mobiltelefonie. Warum hat uns Amerika so brutal abgehängt?

Europa ist stark, wenn es darum geht, technische Standards zu setzen. Ein solcher Standard war nötig, dass die Mobiltelefonie zwischen allen Ländern in Europa funktionieren konnte. Die Innovation der Amerikaner wird von anderen Kräften, insbesondere von kommerziellen Ideen, angetrieben. Die Amerikaner nutzten den europäischen Telefoniestandard aus, um darauf aufbauend Geräte für den mobilen Zugang zum Internet auf den Markt zu bringen.

Profitieren US-Unternehmen wie Google von einer laschen amerikanischen Gesetzgebung?

In Sachen Datenschutz funktionieren Amerika und Europa sehr unterschiedlich. Europa favorisiert in erster Linie den Schutz der Privatsphäre. In Amerika gilt das Primat der freien Meinungsäusserung. Diese unterschiedlichen Ansätze in der Regulierung spiegeln auch die Haltung der Bürger. Ich glaube, der Königsweg geht irgendwo durch die Mitte. Europa kann es sich nicht leisten, den absoluten Datenschutz so hoch zu halten, dass er zum Beispiel wichtige Innovationen im medizinischen Bereich verhindert. Die USA können vielleicht ihrerseits zusätzliche Anstrengungen beim Datenschutz vornehmen.

Welchen Ansatz ziehen Sie vor?

Ich glaube, der amerikanische Ansatz kommt den Interessen der Allgemeinheit näher als der europäische. Wir riskieren in Europa, unglaubliche Chancen zu verpassen. Wir haben ein Vertrauensproblem und lassen es gar nicht erst zu, dass jemand unsere Daten sammeln kann – auch wenn er einen guten Zweck damit verfolgt. Dabei wäre es doch möglich, das Sammeln von Daten gesetzlich zu liberalisieren, aber deren Verwendung streng zu reglementieren.

Es gibt in der Digitalwirtschaft auch das Phänomen der Netzwerkeffekte, die der Entstehung von Monopolen Vorschub leisten. Ist das Wettbewerbsrecht darauf vorbereitet?

Ich glaube nicht. In der klassischen Sichtweise der Wettbewerbshüter wird ein Monopol zur Erhöhung der Preise missbraucht. Aber das Internet ist eine Welt, in der vieles gratis ist. Man realisiert das Problem nicht sofort. Monopole der Digitalwirtschaft sehen anders aus und funktionieren anders. Das Wettbewerbsrecht muss auf die neuen Geschäftsmodelle eingestellt werden. Das Risiko von Wettbewerbsverzerrungen ist virulent – auch mit Bezug auf die zunehmende Aufspaltung der Wertschöpfungsketten.

Was meinen Sie damit?

Nehmen Sie als Beispiel die Uber-Fahrdienste. Im Unterschied zu einem traditionellen Taxiunternehmen überträgt Uber einen bedeutenden Teil des unternehmerischen Risikos auf die Fahrer. Die Uber-Fahrer werden für die Risikoübernahme aber nur zu einem kleinen Teil abgegolten. Der Grossteil der Wertschöpfung verbleibt bei Uber. Solche Geschäftsmodelle könnte man wettbewerbsrechtlich anders behandeln als traditionelle Unternehmen, in denen dieser Risikotransfer nicht stattfindet.

Welche Korrekturen schweben Ihnen vor?

Klar ist, dass es auch ums Tempo gehen muss. Unser Wettbewerbsrecht ist schwerfällig und viel zu langsam, um auf die schnellen Veränderungen in der Digitalwirtschaft in geeigneter Weise reagieren zu können.

Schafft die Zeit Fakten?

Dieses Risiko besteht. Die Amerikaner verfolgen einen sehr liberalen Ansatz. Sie lassen die Dinge gedeihen und reglementieren allfällige Missbräuche erst, wenn sie eingetreten sind. Das verschafft ihnen einen erheblichen Vorsprung auf Europa. Bei uns dominiert eben das Vorsichtsprinzip, und damit laufen wir Gefahr, abgehängt zu werden.

Ihre Firma hat auch einen zweiten Sitz in Phoenix im amerikanischen Bundesstaat Arizona eröffnet. Weshalb?

In unseren neuen Geschäftsfeldern Cybersecurity und im Internet der Dinge gibt Amerika den Takt vor. Amerika ist ein einziger grosser Markt. Europa sind 28 Märkte. Der EU-Binnenmarkt funktioniert gut für den Warenhandel, aber nicht für die Digitalwirtschaft. Das Tempo zwischen den USA und Europa ist sehr unterschiedlich.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz?

Ich bin eigentlich sehr zuversichtlich, sehe aber, dass staatsnahe Wirtschaftszweige eine grössere gesamtwirtschaftliche Bedeutung erhalten. Langfristig ist dies für die Schaffung von Wohlstand nicht positiv.

Zahlen Sie zu viel Steuern?

Nein, in unserem Sektor haben wir kein Problem mit der aktuellen Höhe der Unternehmenssteuern in der Schweiz. Ich finde aber, dass natürliche Personen teilweise zu stark belastet werden.

Wohnen Sie im Waadtland?

Ich bin jetzt in den USA domiziliert, zahle aber auch in der Schweiz – wo ich einen Teil des Jahres lebe – weiter Steuern.

Unternehmer mit Bürgersinn

Wenn ein findiger Unternehmer in der Romandie gesucht wird, fällt unweigerlich und meistens zuerst der Name von André Kudelski. Der Ingenieur mit Diplom in physikalischer Technik vom Polytechnikum in Lausanne (EPFL) hat in der Tat ein gehöriges Mass an Weitsicht bewiesen, als er 1991 die Firma seines Vaters übernahm, um sie vom schwindsüchtigen Hersteller analoger Spitzen-Tonbandgeräte zur wachstumsstarken Verschlüsselungsspezialistin im weltweiten Bezahl-TV-Markt umzubauen. Jetzt steht das Unternehmen vor der nächsten technologischen Klippe, die über Sein oder Nichtsein entscheidet. Dass sich der 58-jährige Patron just in dieser kritischen Zeit das Amt als Innosuisse-Präsident antut, ist keine Selbstverständlichkeit. Doch die Aufgabe passt gut zum Bild Kudelskis als Unternehmer mit Bürgersinn. Während Jahren wirkte er in der Freizeit für die FDP im Einwohnerrat seiner Wohngemeinde Lutry mit. Als Arbeitgeber und Fachoffizier der Schweizer Armee sieht er den Militärdienst im CV eines Bewerbers ganz gegen den Trend immer noch als Vorteil an. Nicht zufällig war Kudelski auch mit von der Partie, als es darum ging, nach der Swissair-Pleite eine neue Schweizer Airline auf die Beine zu bringen. (dz)

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