Interview

«Wir müssen online fitter werden»: Manor-Chef nimmt Stellung zum Kahlschlag – und kündigt längere Arbeitszeiten an

Jérôme Gilg (45), CEO der traditionsreichen Warenhauskette, spricht im Exklusiv-Interview über den Abbau von 476 Stellen, seine neuen Pläne für den Onlineshop – und die negativen Home-Office-Folgen für die Manora-Restaurants.

Benjamin Weinmann, Genf
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Die Corona-Pandemie sorgte bei Manor für deutlich tiefere Kundenfrequenzen, in den Warenhäusern und vor allem auch in den Restaurants.

Die Corona-Pandemie sorgte bei Manor für deutlich tiefere Kundenfrequenzen, in den Warenhäusern und vor allem auch in den Restaurants.

Urs Bucher

Herr Gilg, 476 Stellen fallen Ihrer neuen Strategie zum Opfer. Wieso so viele?

Jérôme Gilg: So viel vorweg: Dieser Entscheid fiel uns schwer. Aber wir haben Ende 2019 eine neue Strategie entwickelt für die nächsten fünf Jahre. Unser Ziel ist es, die sogenannte Omnichannel-Strategie zu verbessern, also die Verknüpfung zwischen dem Onlineshop und den Warenhäusern. Wir müssen online fitter werden. Um das Warenhaus der Zukunft zu schaffen, braucht es diese Restrukturierungen.

Wie haben Sie diese Nachricht intern kommuniziert? Per Online-Videomeeting?

Wir haben unsere Kaderangestellten per Online-Videokonferenz und danach das ganze Personal schriftlich informiert. Dazu gehört auch, dass wir die Wochenarbeitszeit von 41 auf 42 Stunden erhöhen möchten, um die Produktivität zu steigern. Das bedingt aber den Konsens der Mitarbeitenden.

Und wer die Vertragsänderung ablehnt, muss gehen?

Wir hoffen, dass das Personal diese Massnahme akzeptiert und ihn auch nachvollziehen kann. Denn mit diesem Schritt können wir 100 Stellen sichern. Das geht aber nur mit der nötigen Solidarität. Zudem gelten bei den meisten Konkurrenten, mit Ausnahme der beiden Grossverteiler, ebenfalls 42 Stunden. Aber ja, es steht jedem frei, diese Vertragsänderung abzulehnen.

Seit Anfang 2019 Manor-Chef: Jérôme Gilg.

Seit Anfang 2019 Manor-Chef: Jérôme Gilg.

Obs/Manor Ag / PPR

Sie haben im Sommer von Ihren Lieferanten eine einmalige Zahlung von 10'000 Franken gefordert, was für Kritik sorgte. Wie viele Partner kamen dem nach?

Wir hatten wegen Covid während aber auch nach dem Lockdown Mehrkosten von mehreren Millionen Franken und wir erwarten von unseren grössten Lieferanten einen solidarischen Beitrag. Schliesslich haben wir alle ein Interesse an einem funktionierenden und erfolgreichen Handel –auch während der Krisenzeit. Viele Lieferanten haben Verständnis, weil sie wissen, dass der Non-Food Detailhandel am meisten gelitten hat. Die meisten Lieferanten haben sich solidarisch gezeigt.

Inwiefern hat die Corona-Krise zu diesem Abbau beigetragen?

Natürlich gibt es einen Covid-Effekt. Die Pandemie hat diesen Prozess beschleunigt. Denn sie hat uns nochmals gezeigt, dass wir online viel mehr Gas geben müssen.

Heisst das, früher oder später wäre dieser Abbau sowieso gekommen?

Ja, die Strategie ist bis 2024 ausgelegt. Wir wollen uns der neuen Realität anpassen.

In den letzten Jahren kam es praktisch jährlich zu einem grösseren Stellenabbau, zuletzt Anfang Jahr, unter anderem mit der Schliessung der Hauptfiliale in Zürich. Vor zwei Jahren zählte Manor noch über 10'000 Angestellte, bald sind es nur noch 8900. Das klingt nach Salamitaktik und Abbau und nicht nach einer visionären Strategie.

Damit sind wir nicht allein. Non-Food-Produkte, also alles was nicht Lebensmittel sind, werden nun mal vermehrt online eingekauft. Der Kunde verhält sich heute anders als vor fünf Jahren. Klar, in letzter Zeit kam es zu einer unglücklichen Häufung von Abbaumeldungen, wobei die Schliessung der Filiale in Zürich mit den Mietzinskonditionen zu tun hatte. Wir müssen nun aber am Warenhaus der Zukunft arbeiten, mit einem starken Filialnetz und einem starken Onlineshop.

Für die Angestellten kommt diese Meldung zur Unzeit. Für sie wird es enorm schwierig jetzt im Detailhandel eine neue Stelle zu finden.

Für so eine Massnahme gibt es nie einen guten Moment. Wir werden alle Mitarbeitenden, denen wir kündigen müssen, unterstützen. Wir haben dafür eine externe Firma engagiert, die uns helfen soll, für die betroffenen Leute eine neue Stelle zu finden. Die Erfahrung zeigt, dass mit dieser professionellen Unterstützung ein Grossteil der Mitarbeitenden in den kommenden Monaten wieder eine Stelle findet.

Wie hat sich das Einkaufsverhalten Ihrer Kundschaft in den letzten Monaten verändert?

Kinderkleider und Home-Office-Produkte wie Drucker und Tastaturen sind nach wie vor gefragt, andererseits sind die Mode-Umsätze weiter gesunken. Zudem haben wir zwar tiefere Kundenfrequenzen, aber die Warenkörbe sind voller.

Wie viel tiefer ist die Frequenz gegenüber dem Vorjahr?

In kleineren Filialen sind es höchstens fünf Prozent weniger. Aber in den Grossstädten wie Genf, Basel, Luzern oder Lugano fehlen die Kunden überdurchschnittlich, dort beträgt das Minus bis zu 20 Prozent. Einerseits, weil viele Leute im Home Office arbeiten und über Mittag nicht unsere Take-Away-Angebote nutzen oder in den Manora-Restaurants essen gehen. Entsprechend leiden unsere Restaurants stark, da haben wir rund ein Drittel weniger Kunden. Und es fehlen auch die Touristen, die in den Grossstädten ein wichtiger Umsatztreiber sind.

In den Westschweizer Kantonen Genf, Waadt und Jura gibt es eine Maskenpflicht in den Geschäften. Fänden Sie es gut, wenn diese Regel national gelten würde?

Nein. Ich hoffe, dass die Maskenpflicht so selten wie möglich angewandt wird in den Läden. Wir haben ja schon sehr früh Plexiglaswände an den Kassen und viele Desinfektionsspender installiert zum Schutz der Angestellten und der Kunden. In den drei Kantonen funktioniert es, die Kunden passen sich an. Aber die Maskenpflicht ist sicher nicht verkaufsförderlich.

Wie gross wird das Defizit dieses Jahr sein?

Gross. Es ist klar, dass 2020 ein sehr, sehr schwieriges Jahr ist. Ich rechne mit einem Umsatzverlust von 10 bis 15 Prozent. Wir haben das Glück, dass wir mit der Maus Frères Holding eine starke Stütze im Hintergrund haben, die voll hinter Manor steht.

Wie viele Angestellte sind noch in Kurzarbeit?

Es betrifft vor allem die Angestellten in unseren Manora-Restaurants und in den grössten Warenhäusern in den Touristenorten. Insgesamt sind etwa 5 Prozent unseres Personals noch in Kurzarbeit.

Wirtschaftsminister Guy Parmelin appellierte in unseren Zeitungen an die Konsumenten, bei heimischen Detailhändlern einzukaufen. Hilft dieser Appell des Bundesrats, oder bräuchte es gar eine Werbekampagne?

Ich freue mich über jedes positive Signal für den heimischen Konsum. Denn der Einkaufstourismus ist nach wie vor da. Als die Grenzen wieder geöffnet wurden, sanken unsere Umsätze von einem Tag auf den anderen je nach Filiale um bis zu 15 Prozent.

Solidarität hat also Grenzen.

Absolut. Aber es liegt natürlich auch an uns, die Kunden mit unserer Auswahl und den Preisen zu überzeugen. Bei den Lebensmitteln bemerken wir immerhin, dass manche Konsumenten trotz der Grenzöffnung in der Schweiz bleiben.

Erhielten Sie von Ihren Vermietern wie den SBB Mietzinsreduktionen?

Die Mietverhandlungen laufen momentan mit unseren Vermietern. Für die Covid-Zeit war die Reaktion der Vermieter durchaus positiv. Aber nun geht es um dauerhafte Mietpreissenkungen für die Zeit danach und das gestaltet sich schwierig.

Wie lautet Ihre Forderung für Mietzinsreduktionen? 10 bis 15 Prozent?

Das ist in etwa die Grössenordnung, aber das hängt stark vom jeweiligen Standort ab.

Sie möchten den Onlineanteil Ihres Umsatzes bis 2024 auf 20 Prozent verfünffachen. Amazon gibt es aber nicht erst seit gestern. Hat Manor den Onlineboom verschlafen?

Sie haben Recht, Amazon gibt es nicht erst seit gestern. Fakt ist, dass wir ein riesiges Potenzial haben. Das hat uns die Covid-Krise gezeigt. Wir haben zwar schon einiges richtig gemacht, denn unsere Onlineumsätze sind speziell in dieser Zeit stark gestiegen und wir haben über 100'000 neue Online-Kunden gewonnen. Aber das reicht nicht, wir müssen es besser machen. Wir haben in ein neues IT-System investiert, Experten eingestellt, das Verkaufspersonal mit Tablets ausgerüstet, und so weiter. Vielleicht haben wir in der Vergangenheit etwas zu wenig in diesen Bereich investiert, aber jetzt geben wir Vollgas.

Was heisst das konkret für den Kunden?

Wir werden im Winter einen Online-Marktplatz eröffnen. Damit möchten wir externen Marken einen Verkaufsplatz auf manor.ch anbieten, um das Angebot auszuweiten. Wir werden den Auftritt auf dem Smartphone verbessern.

In Bern haben Sie 2019 ein Warenhaus mit neuem Konzept eröffnet, quasi eine Testfiliale für die Zukunft. Was hat funktioniert, was weniger?

Viele Kunden haben im Laden beim Verkäufer über das iPad weitere Produkte bestellt, das funktioniert gut. Touchscreens und Bildschirme sind hingegen weniger erfolgreich. Und gut angekommen ist die Abholstation für bestellte Produkte, wo es auch eine Umkleidekabine hat. So kann man das Kleid oder die Jeans anprobieren und je nach dem sofort wieder retournieren.

Sie haben zu Beginn von Corona einen Online-Lieferdienst für Lebensmittel lanciert. Wird er künftig ausgebaut?

Lebensmittel sind und bleiben ein wichtiges Geschäft für uns. Der Lieferdienst war während des Lockdowns sehr gefragt, nun wurde es wieder etwas ruhiger. Wir beobachten weiterhin die Entwicklung im Online-Lebensmittelbereich. Dank unserer Zusammenarbeit mit dem Onlinehofladen Farmy erhalten wir einen Einblick, wie sich der Markt bewegt. Aber unser Fokus liegt auf dem Non- und Near-Food-Bereich.

Heisst auf Deutsch übersetzt: Sie möchten sich auf die Bereiche Mode, Schönheit sowie Heim und Haushalt konzentrieren. Heisst das, dass Computer und Kinderspielzeuge aus dem Sortiment genommen werden?

Überhaupt nicht. Aber wir konzentrieren uns auf die genannten Kernbereiche.

Obwohl Ihre Modeumsätze weiter gesunken sind und Zalando den Vorsprung in der Corona-Krise steigern konnte?

Ja, trotzdem. Denn wir möchten ein Warenhaus mit breitem Sortiment sein. Und da spielt Mode eine wichtige Rolle, einerseits mit unserer Eigenmarke, aber auch mit internationalen Marken.

Sie wollen mit externen Partnern wie bereits heute mit dem Kosmetik-Hersteller Sephora zusammenarbeiten. Wer ist auf Ihrer Wunschliste? Uniqlo? Victoria’s Secret?

Da kann ich keine Namen nennen, da wir uns noch in Verhandlungen befinden.

Könnten Sie sich auch Partnerschaften mit reinen Onlinehändlern wie Amazon oder Zalando vorstellen, wo die Manor-Häuser ihnen als Abholstationen dienen würden?

Solche Partnerschaften sind absolut denkbar, klar.

Gab es schon Gespräch mit den beiden Genannten?

Kein Kommentar.

Das Marktplatz-Konzept ist nicht neu. Das machen auch schon Amazon oder Galaxus. Kommt Manor nicht zu spät?

Der Markt entwickelt sich schnell. Und wir sind daran, uns anzupassen. Möglicherweise haben wir in der Vergangenheit Marktanteile an diese reinen Onlinehändler verloren und die möchten wir nun zurückholen. Und man darf unseren Trumpf nicht vergessen und dass sind nun mal die Warenhäuser. Mit unserem breiten, schweizweiten Filialnetz sind wir in einer sehr guten Ausgangslage.

Mit wie vielen Warenhäusern rechnen Sie bis 2024? Heute sind es 59.

Es könnten fünf Warenhäusern mehr oder fünf weniger sein, das ist heute schwierig zu sagen. Das prüfen wir fortlaufend und hängt ab von den jeweiligen Mietverträgen.

Und was ist mit der Stellenzahl? Müssen sich die 8900 Angestellten auf weitere Abbaurunden vorbereiten?

Auch das kann ich heute nicht sagen. Klar ist, dass der Digitalbereich weiterwachsen wird, und da schaffen wir parallel auch neue Stellen.

Ein Zögling der Genfer Maus Frères Holding

Der französisch-schweizerische Doppelbürger Jérôme Gilg ist ein Manor-Kind. Sein Vater war einst Direktor der Warenhäuser in Thun BE und Frauenfeld TG. Gilg startete seine Karriere 2000 bei den Schweizer Carrefour-Filialen, die damals wie Manor zur Genfer Maus Frères Holding gehörten. 2004 wechselte er zur Baumarkt-Kette Jumbo, wo er 2010 zum Chef ernannt wurde. Anfang 2019 dann die Krönung: Gilg übernahm vom glücklosen Franzosen Stéphane Maquaire die Führung der 59 Manor-Warenhäuser, 31 Manor-Supermärkte, 27 Manora-Restaurants und über 9000 Angestellten. Umsatzzahlen gibt der Konzern seit einigen Jahren nicht mehr bekannt. (bwe)

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