«Wir denken in Generationen, nicht in Quartalen»

Carole Hübscher Die Chefin von Caran d’Ache über Farbstifte, Familientradition und Firmengeheimnisse

Christian Dorer
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Frau Hübscher, wie viele Farbrezepte lagern in Ihrem Tresor?

Carole Hübscher: Mehr als 500! Wir produzieren aber nur 120 – für die grösste Farbstiftpackung, die 120 verschiedene Stifte enthält.

Wie erfindet man eine neue Farbe?

Unsere Forschungsabteilung arbeitet eng mit Künstlern rund um den Globus zusammen. So wissen wir, was gefragt ist.

Wie kommt es, dass praktisch jeder Schweizer und jede Schweizerin Caran d’Ache kennt?

Das verdanken wir unserer Geschichte. Zum einen feiern wir 2015 unser 100-Jahr-Jubiläum. Zum anderen hatte fast jeder Schweizer das Glück, dass er Caran d’Ache in seiner Kindheit kennen lernte.

Waren Sie als Kind stolz auf Ihre Farbstifte?

Ja, sicher. Wer erinnert sich nicht an seine erste Farbstiftschachtel? Mir war aber nicht bewusst, dass diese aus der Fabrik meines Vaters stammten – auch wenn ich wusste, dass er irgendetwas mit Farbstiften arbeitete.

Fast alle Schweizer Schulen kaufen Caran d’Ache. Geniessen Sie
Heimatschutz?

Überhaupt nicht! Uns hilft die jahrzehntealte Zusammenarbeit. Trotzdem müssen wir uns um jeden Auftrag bemühen. Unsere typische Schweizer Qualität führt dazu, dass die Leute sehen: Das sind hochwertige, langlebige Produkte.

Entschuldigung, aber ist ein Bleistift nicht ein Bleistift – egal ob aus der Schweiz oder aus China?

Aber nein! Unsere Bleistifte sind top: aus zertifiziertem, kalifornischem Zedernholz; mit Minen, die nicht zerbrechen; aus Farben, die ein Kind auch mal schlucken kann, ohne dass ihm übel wird. Dazu kommt: Der schonende Umgang mit Ressourcen ist fest in unseren Produktionsabläufen verankert. So verwenden wir zum Heizen die Holzspäne der Bleistiftproduktion.

Warum verwenden Sie nicht Schweizer Holz?

Das haben wir versucht, aber nicht die gleiche Qualität hingekriegt. Denn Zedern, die sich am besten eignen, gibt es bei uns leider nicht.

Um ein Produkt «Swiss Made» zu nennen, muss nicht alles in der Schweiz produziert werden. Sie aber produzieren ausnahmslos
alles hier. Warum?

Es hat handfeste Vorteile: In unserer Fabrik haben wir rund 90 verschiedene Berufe vereint – alle an einem Ort. So können wir flexibel auf Kundenwünsche reagieren. Vor allem aber: «Swiss Made» ist der Kern unserer Philosophie, das macht uns einzigartig. Sonst produziert praktisch niemand mehr in Europa, unsere Konkurrenten haben ihre Geschäfte nach Südamerika oder Asien ausgelagert.

Ist die Farbstiftproduktion nicht ein langweiliges Geschäft, weil die Produkte immer gleich bleiben?

Einen Farbstift können Sie in der Tat nicht weiterentwickeln, aber der Künstlermarkt will ohnehin primär Kontinuität. Dass also das Rot Nummer 080 immer gleich bleibt, dass die Farbe nicht abbleicht. Trotzdem: Man denkt, ein Bleistift sei was Simples, dabei ist es eine Wissenschaft, seine Produktion hochkomplex. Sie müssen sich das wie eine grosse Küche vorstellen. Sie nehmen ein grosses Farbgemisch, brauen es zu einem Block zusammen. Daraus werden Spaghetti gezogen. Die werden im Ofen gebraten, in Öl getränkt – dann haben Sie erst die Mine.

Die Welt wird digital, die Menschen schreiben weniger von Hand ...

Naja, ich kenne niemanden, der keinen Kugelschreiber auf sich trägt. Ich kenne kein Kind, das nicht zeichnen möchte. Die Weltbevölkerung steigt Jahr für Jahr – nein, ich befürchte nicht, dass die Menschheit aufhört, von Hand zu schreiben. Übrigens haben Studien gezeigt, dass Studenten sich besser merken können, was sie von Hand notieren, als was sie in ihr Notebook tippen.

Die grosse Masse schreibt heute auf Computer und braucht weniger Bleistifte und Kugelschreiber.

Schauen Sie Ihre Interviewfragen an: Die haben Sie mit dem Computer vorbereitet. Aber dann doch noch von Hand Ergänzungen angebracht und mit Leuchtstift markiert. Und Ihre Notizen machen Sie jetzt auch von Hand – mit einem Caran-d’Ache-Schreiber, das freut mich.

Welche berühmten Persönlichkeiten nutzen Ihre Produkte?

Eigentlich nenne ich lieber Tote, denn wir sind sehr diskret, was unsere Kunden betrifft (lacht). Pablo Picasso hat mit Caran d’Ache gemalt. Na gut, um doch aktuelle zu nennen: Modeschöpfer Karl Lagerfeld, Cartoonist Zep, Architekt Mario Botta, der Künstler Roger Pfund ...

... und Staatsoberhäupter? US-Präsident Obama?

Obama soviel ich weiss nicht. Reagan und Gorbatschow jedoch haben das Dokument über das Ende des Kalten Krieges mit einem Schreiber von Caran d’Ache unterzeichnet. Unsere Artikel waren auch schon an Bord von Raumschiffen im Weltall. Und immer mal wieder entdecke ich sie auf Fotos von Vertragsunterzeichnungen.

Welche ausgefallenen Kundenwünsche erfüllen Sie?

Wir personalisieren häufig, wir haben auch schon eigene Modelle entwickelt, wir verzieren – vor allem für asiatische Kunden – auch mal einen Füllfederhalter mit Diamanten.

Was kostet das?

Bis zu einer Million Franken.

Frau Hübscher, Ihr Vater war 30 Jahre lang der Patron. Ende Mai haben Sie übernommen. Lässt er Sie machen?

Ja klar! Der Wechsel erfolgte ja nicht über Nacht – ich habe mich zehn Jahre lang darauf vorbereitet und habe es als Privileg erlebt, diese Zeit gehabt zu haben. Sehr oft muss jemand nach einem Todesfall Knall auf Fall übernehmen.

Haben Sie nun Ihr Lebensziel
erreicht?

Es war nicht von Anfang an mein Ziel. Mein Vater hat mich auch nie gedrängt. Aber tatsächlich: In dem Moment, als ich erstmals in die
Firma eintrat, hat es mich gepackt.

Sie arbeiten in einem kreativen Umfeld. Ist da eine Frau die bessere Chefin?

Es gab schon vor mir viele Frauen bei Caran d’Ache. Das Verhältnis ist ziemlich genau 50:50. Es spielt keine Rolle: Mein Generaldirektor ist ein Mann, ich bin eine Frau. Aber vielleicht sind Frauen tatsächlich stärker auf Ästhetik sensibilisiert.

Wie führen Sie?

Ich gehe oft durchs Unternehmen, rede spontan mit den Leuten, bin zugänglich für alle – das ist mir wichtig. Man muss als gute Chefin authentisch sein, eine Linie verfolgen und daran glauben, was man macht.

Caran d’Ache ist ein Familienunternehmen. Was sind die Vorteile?

Die Unabhängigkeit! Wir sind drei hauptbeteiligte Familien und komplett unabhängig von den Banken. Wir investieren einen wesentlichen Teil des Gewinns wieder in die Firma. Wir denken in Generationen, nicht in Quartalen. Wir wollen in 20, 30 Jahren mehr an die nächste Generation weitergeben, als wir heute haben. Wir haben das Privileg, dass wir nicht ständig an Zahlen gemessen werden und deshalb kurzfristige Entscheide treffen müssen.

Caran d’Ache ist extrem diskret. Ihr Vater gab nie Interviews. Sie tun immerhin das.

In vielem bleiben wir diskret. Mein Vater redete nicht gern mit Medien. Ich denke da anders. Heutzutage ist es nötig, darüber zu sprechen, was wir machen. Viele Leute wissen nicht, dass wir alles hier in Genf produzieren. Wir verteidigen Werte und Arbeitsplätze. In der Schweiz redet man viel zu viel von den negativen Dingen. Und politisch werden wir schlecht verteidigt – unsere Politiker kuschen zu häufig vor dem Ausland. Wir werden von überall attackiert – zeigen wir doch mehr Zähne! Seien wir stolz! Wir haben allen Grund dazu, wenn ich die vielen Unternehmen sehen, die sich hier niederlassen, und die vielen tollen Start-ups.

Eine einzige Geschäftszahl haben Sie mal publiziert ...

... ja, dass wir täglich so viele Farbstifte produzieren, dass sie aneinandergereiht von Genf nach Rom reichen würden ...

... warum publizieren Sie sonst keine Zahlen?

Was wäre der Vorteil? Wir sind ein privates Unternehmen, wir sind nicht öffentlich, das geht niemanden etwas an. Ich frage Sie auch nicht, wie viel Sie verdienen.

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