WINTERTHUR: Big Bang im Pensionskassenmarkt

Axa will das Anlagerisiko von über 40000 KMU-Vorsorgewerken nicht mehr decken. Der Arbeitgeberverband spricht von einem «Scherbenhaufen», und die Gewerkschaften fühlen sich bestärkt.

Daniel Zulauf
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Fundamentaler Umbau beim Versicherer Axa. (Bild: Melanie Duchene/Keystone (Winterthur, 1. März 2018))

Fundamentaler Umbau beim Versicherer Axa. (Bild: Melanie Duchene/Keystone (Winterthur, 1. März 2018))

Daniel Zulauf

Axa zieht sich aus dem Geschäft mit sogenannten Vollversicherungslösungen für betriebliche Vorsorgewerke zurück. Dieser Entscheid hat potenziell weit reichende Folgen für viele Arbeitnehmer, denn Axa ist ein Schlüsselakteur im hiesigen Pensionskassenmarkt. Der französische Konzern erkaufte sich die Position 2006 mit der Übernahme der Winterthur Versicherungen.

«Der Schritt ist natürlich eine Zäsur», sagt Fabrizio Petrillo, CEO von Axa Schweiz, an der gestrigen Pressekonferenz in Zürich. Bei dieser Aussage hatte der Manager wohl die Auswirkungen auf das Geschäft von Axa in der Schweiz im Kopf. Axa bezieht aus dem Geschäft mit Vollversicherungslösungen ein jährliches Prämienvolumen von rund 5,5 Milliarden Franken. Das entspricht mehr als der Hälfte der Prämieneinnahmen von Axa Schweiz.

Axa verlässt den Markt nicht mit französischer Eleganz

Axa möchte natürlich möglichst viele Kunden behalten und sie von den Vorzügen des neuen Angebotes überzeugen. Demgemäss sollen die Vorsorgegelder der 260000 aktiven Versicherten, die derzeit eine Vollversicherungslösung haben, in teilauto­nome Stiftungen verschoben werden. In diesen deckt Axa wie bisher die biometrischen Risiken (Tod und Invalidität) und besorgt die Administration. Auch die Kapitalanlagen sollen weiter von Axa gemanaged werden, doch das damit verbundene Risiko von Wertschwankungen müssen fortan die Versicherten selber tragen. Doch genau das wollen vor allem viele KMU-Vorsorgewerke vermeiden. Seit 2008, als die internationale Finanzkrise mit dem Kollaps von Lehman Brothers eskalierte, ist das Vertrauen der Investoren in die Finanzmärkte angeschlagen. Im Wissen darum, dass Kurseinbrüche an den Börsen die Vorsorgewerke in eine Unterdeckung bringen können, die im schlimmsten Fall mit kostspieligen Sanierungsmassnahmen durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer ausgebügelt werden muss, geniessen Vollver­sicherungslösungen eine starke Nachfrage. Doch für die Garantie gegen Wertschwankungen müssen die Versicherer viel (teures) Eigenkapital vorhalten. Im Fall von Axa sind es 2,5 Milliarden Franken. Dieses Kapital wird durch den geplanten Systemwechsel nun freigesetzt. Es wird sich zeigen, wie viel davon zur Unterstützung des künftigen Wachstums im Schweizer Markt eingesetzt und wie viel nach Paris transferiert werden wird, wo es entweder an die Axa-Aktionäre ausgeschüttet oder in andere Märkte investiert werden kann. Selbstredend will Axa die Möglichkeit der Kapitalfreisetzung aber nicht als Hauptmotiv für den Systemwechsel gelten lassen. Vielmehr hätten sich die Bedingungen im Vollversicherungsgeschäft so verschlechtert, dass es zunehmend schwierig geworden sei, gute Leistungen für die Kunden zu erbringen. Das Argument ist nicht erfunden. In neutralen Preisvergleichen unter verschiedenen Vorsorgemodellen tauchen die besten Vollver­sicherungslösungen erst etwa in der Mitte auf. Trotz der starken Nachfrage stehen viele Lebensversicherer auf die Bremse.

Axa will den bestehenden Vorsorgekunden das neue Modell unter anderem mit dem Argument von durchschnittlich 30 Prozent tieferen Risikoprämien und der Aussicht auf deutlich bessere Anlageergebnisse mit positiven Auswirkungen auf die Vorsorgevermögen schmackhaft machen. Doch ein teilautonomes Angebot gibt es bei der Axa schon seit 2013, und dessen Erfolg hat sich bislang in engen Grenzen gehalten. Als die Zurich vor bald 15 Jahren aus dem Vollversicherungsgeschäft ausstieg, verlor sie etwa einen Drittel ihrer Kunden. Einen solchen Exodus muss Axa allerdings kaum befürchten, denn unter den fünf verbleibenden Anbietern von Vollversicherungslösungen ist der Appetit auf Neugeschäft kaum genügend gross.

«Jeder, der noch eine Vollversicherung hat, muss damit rechnen, dass es damit bald fertig sein könnte», sagt Willi Thurnherr, CEO Schweiz des internationalen Pensionskassenberaters Aon. Dennoch drohe die zweite Säule im Schweizer Vorsorgesystem nicht gleich umzukippen. «Das Angebot ist gross genug.» Doch Thurnherr räumt ein, dass Axa den Markt nicht gerade mit französischer Eleganz verlässt. Immerhin hatten sich die Lebensversicherer 1985 heftig um den Vorsorgemarkt gerissen und damit lange Zeit auch sehr gut verdient. Die Rentenklau-Vorwürfe vor 15 Jahren kamen nicht von ungefähr. Entsprechend weint die Gewerkschaft Travail Suisse Axa keine Träne nach – im Gegenteil: Gewinnorientierte Unternehmen hätten in einer Sozialversicherung nichts verloren, betont sie auch mit Blick auf das neue Axa-Angebot. Demgegenüber spricht der Arbeitgeberverband von einem «Scherbenhaufen», den die Gewerkschaften mit ihrem andauern- den Bashing der Versicherungsbranche zu verantworten hätten..