Winterkorn darf bleiben

Fürs erste hat Patriarch Ferdinand Piëch den Machtkampf beim Autobauer Volkswagen verloren. Martin Winterkorn bleibt vorläufig Konzernchef, doch er ist angeschlagen.

Christoph Reichmuth
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Kontrahenten: Volkswagen-Chef Winterkorn (links), Patriarch Piëch. (Archivbild: dapd/Torsten Silz)

Kontrahenten: Volkswagen-Chef Winterkorn (links), Patriarch Piëch. (Archivbild: dapd/Torsten Silz)

BERLIN. Der Paukenschlag ist ausgeblieben – überraschend. Das Präsidium des Volkswagen-Aufsichtsrats hat dem angezählten Konzernchef Martin Winterkorn demonstrativ den Rücken gestärkt. Winterkorn darf bleiben, der Vertrag des 67-Jährigen soll sogar über die Dauer des Jahres 2016 verlängert werden.

Die Überraschung war insofern perfekt, weil der Patriarch Ferdinand Piëch, der gestern seinen 78. Geburtstag feierte, in der Firmengeschichte noch nie einen internen Machtkampf verloren hatte. Vor einer Woche entfesselte er wie aus dem Nichts die internen Querelen bei Europas grösstem Autokonzern mit weltweit 100 Fabriken und fast 600 000 Beschäftigten, dem neben VW Marken wie Audi, Seat, Skoda, Porsche, MAN oder Scania angehören. «Ich bin auf Distanz zu Winterkorn», sagte Piëch vor wenigen Tagen trocken dem «Spiegel» – und entzog seinem Konzernchef damit demonstrativ das Vertrauen.

Feinfühliger mit Nockenwellen

Winterkorn musste Schlimmes befürchten. Denn Piëch hat nach derlei Ankündigungen in der Vergangenheit mit unliebsamen Managern und Mitarbeitern jeweils kurzen Prozess gemacht – ohne sich mit den Mitinhabern des Clans der Familie Porsche vorher abgesprochen zu haben. Den früheren Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder etwa soll er regelrecht abserviert haben. Autoingenieur Piëch, der an der ETH Zürich studiert hatte, zeige im Umgang mit Nockenwellen mehr Fingerspitzengefühl als bei Auswahl und Führung von Mitarbeitern, heisst es seitens VW-Beschäftigter.

Doch dieses Mal standen die Vorzeichen offensichtlich anders: Kurz nach Piëchs Vorpreschen stellten sich sein Cousin Wolfgang Porsche und andere Mitglieder des Volkswagen-Aufsichtsrats demonstrativ hinter Winterkorn. Die Porsche-Familie ging schnell auf Distanz: «Die Aussage von Herrn Dr. Piëch stellt seine Privatmeinung dar, welche mit der Familie inhaltlich und sachlich nicht abgestimmt ist», hiess es in einer Mitteilung.

Lauer VW-Absatz in den USA

Was den als gefühlskalt und misstrauisch beschriebenen Einzelgänger Piëch dazu getrieben hat, sich so plötzlich von Winterkorn zu distanzieren, darüber rätselt Deutschland munter. Unter Winterkorn ist der einstige Übernahmekandidat Volkswagen zum zweitgrössten Autobauer hinter Toyota aufgestiegen. Winterkorn verdoppelte Umsatz und Gewinn, der Aktienkurs schoss um 350% in die Höhe, die Dividende vervierfachte sich. Doch seit längerem ist bekannt, dass Piëch mit der Entwicklung der Kernmarke VW unzufrieden ist – vor allem im wichtigen Absatzmarkt USA. Dort kann VW mit Premiummarken wie Mercedes, Audi oder BMW nicht mithalten. Möglicherweise stiess Piëch aber auch Winterkorns schon früh geäusserter Machtanspruch auf die höchste Konzernstelle sauer auf: Winterkorn liess bereits durchschimmern, dass er 2017 auf die Nachfolge von Ferdinand Piëch im Aufsichtsratsvorsitz aspiriert.

«Etappensieg für Winterkorn»

Wie auch immer: Die Zukunft Winterkorns bei Volkswagen bleibt ungewiss, die Frage der Piëch-Nachfolge unbeantwortet. «Die Schlacht ist noch lange nicht geschlagen», sagte gestern Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer und sprach von einem «Etappensieg für Winterkorn». Doch für viele ist klar: Wenn es um seine Nachfolge als Patriarch geht, dürfte Piëch bei Winterkorn abermals ein Veto einlegen.