Wieder näher am Boden

Mehrfach sind die Aktienkurse in den letzten Wochen getaucht. Denn die Anleger realisieren: Die belebende Geldpolitik der Notenbanken könnte enden. Doch verzweifeln muss man nicht.

Thorsten Fischer
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Handelsraum in Südkorea: Ob Asien, USA oder Europa – die Kurse stehen unter Druck. Auch am Swiss Market Index lässt sich das ablesen. (Bild: ap/Lee Jin-man)

Handelsraum in Südkorea: Ob Asien, USA oder Europa – die Kurse stehen unter Druck. Auch am Swiss Market Index lässt sich das ablesen. (Bild: ap/Lee Jin-man)

ZÜRICH. «Wieder gesünder» – so stuft Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie der St. Galler Kantonalbank (SGKB), die Stimmung an den Börsen nach den jüngsten Kursrutschen ein. «In der ersten Jahreshälfte war mir der Optimismus und vor allem der Glaube an die expansive Geldpolitik als Heilmittel zu dominant», erklärt sie. Auch seien in diesem Umfeld positive Ereignisse in der Preisbildung viel stärker berücksichtigt worden als negative Meldungen. Die Folge: «Enttäuschungen waren programmiert.»

Korrektur, aber keine Panik

Auch aus Sicht der Credit Suisse (CS) scheinen die Aktienmärkte allmählich wieder einen Boden gefunden zu haben. «Die Konsolidierung war von uns seit Beginn des Jahres erwartet worden, wenngleich sie ausgeprägter als angenommen ausfiel», hält Oliver P. Müller von der Aktienanalyse der Credit Suisse fest. Anzeichen von Panik gebe es aber nicht.

Bereits vor Monatsfrist kamen die Aktienmärkte ins Wanken. Damals lag der Ausgangspunkt in Japan. Zu Wochenbeginn war es nun China, und im Gefolge tauchte auch der Schweizer Index SMI.

Neue Erkenntnis setzt sich durch

Für die Kursstürze gibt es einen gemeinsamen Auslöser: «Die Anleger haben ihre Erwartungen an die Geldpolitik der Zentralbanken verändert», erklärt Hilb. In der ersten Jahreshälfte hatte die Idee, dass die Geldpolitik unbegrenzt expansiv bleiben könnte, die Aktienmärkte stark angetrieben. «Diese Einschätzung war aber unrealistisch.» Dass die Anleger die Einschätzung revidiert haben, begrüsst Hilb, welche die Korrekturen ebenfalls erwartet hatte. Zugleich sagt sie: «Die Turbulenzen werden noch etwas andauern.»

Die Anleger gingen bisher davon aus, dass die US-Notenbank weiter alles unternehme, um die Aktienmärkte zu stützen. Das jüngste Statement der Fed enttäuschte die Erwartungen. Die Sorge, dass die grossen Geldflüsse der Notenbanken allzu rasch versiegen könnten, hat die Märkte verunsichert. Hilb erwartet, dass die Kursausschläge an den Märkten wieder höher ausfallen werden, als man es sich aus der ersten Jahreshälfte gewohnt war. Die US-Notenbank werde langsam aber sicher den Fuss etwas vom Gaspedal nehmen. «Allerdings sind die Chancen für Aktien weiter intakt», betont Hilb. Dass die US-Notenbank sich aus ihrer expansiven Geldpolitik verabschiedet, ist an die Erholung der US-Konjunktur geknüpft. «Und eine wachsende Wirtschaft ist für die Aktienmärkte eine gute Nachricht.»

Die Korrektur nutzen

Ähnlich sieht es CS-Experte Müller. Die Tatsache, dass sich die Finanzmärkte allmählich auf den Wandel in der Geldpolitik einstellen müssten, werde in den kommenden Wochen voraussichtlich den grössten Einfluss haben. «Die Volatilität dürfte höher liegen als in den ersten vier bis fünf Monaten des Jahres. Allerdings wird sie sich wohl in weiter Entfernung von Niveaus bewegen, die erhebliche Turbulenzen signalisieren würden», sagt Müller.

Unter strategischen Gesichtspunkten spreche einiges für eine Aktienanlage: Die Bewertungen sorgten weiter für Unterstützung, die Inflationserwartungen seien nach wie vor niedrig, und die Erholung der Weltwirtschaft setze sich ungeachtet der jüngsten Schwächephase an den Schwellenmärkten fort.

Zwar sieht Müller kurzfristig keine Faktoren, welche die Aktienmärkte beflügeln könnten – etwa eine neuerliche Verbesserung der Unternehmensgewinne. «Doch vor allem für Anleger, die in Aktien noch immer untergewichtet sind, empfiehlt es sich, die jüngste Korrektur für die Verstärkung von Positionen zu nutzen.»