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Interview

Wie viele Touristen erträgt Luzern? Gemäss einer Studie bleibt noch Luft nach oben

Mit Overtourism wird bei passenden und unpassenden Gelegenheiten argumentiert. Was bedeutet er überhaupt? Wie gehen andere Reiseziele damit um? Gibt es ihn in der Innerschweiz? Gemäss einer Studie bleibt in Luzern Luft nach oben. Tourismusfachmann Fabian Weber erklärt die Ergebnisse.
Rainer Rickenbach
Eine Gruppe chinesischer Touristen auf dem Schwanenplatz in Luzern. Bild: Corinne Glanzmann (5. Juni 2018)

Eine Gruppe chinesischer Touristen auf dem Schwanenplatz in Luzern. Bild: Corinne Glanzmann (5. Juni 2018)

Touristenmassen können bei der Bevölkerung Unmut auslösen. Gemäss einer Studie hat Luzern aber noch Kapazität für Touristen. Fabian Weber ist Mitautor einer Studie zu Overtourism, die am World Tourism Forum in Luzern (s. Kasten am Ende des Textes) zum Thema wird. Unter Overtourism versteht man die Entstehung von Konflikten zwischen Einheimischen und Besuchern bei grossem Touristenandrang. Die Autoren haben Daten und Fakten aus neun Reisedestinationen zusammengetragen – auch aus Luzern.

Wo hört der ortsverträgliche Tourismus auf und wo ist die Schwelle zur Tourismusschwemme, die als Overtourism gilt?

Fabian Weber: Es gibt keine objektive Grenze, ab der die Auswirkungen des Reisens für die Bewohner des Reiseziels als schädlich gelten. Als Grundsatz gilt: Wird die Kapazität der Destination durch die touristische Nachfrage überschritten, ist von Overtourism die Rede. Die Limite können die Infrastruktur oder die Akzeptanz der Bewohner bilden.

Fabian Weber

Fabian Weber

Sie haben in der neuen Studie der Hochschule Luzern eine Menge Fakten zu neun Tourismusdestinationen aus drei Kontinenten zusammengetragen (siehe Grafik unten). Wie steht Luzern in diesem Vergleich da?

Partneruniversitäten des World Tourism Forums haben Fallbeispiele aus ihren Ländern geliefert. Es ging weniger um Vergleiche als darum, Messgrössen für Overtourism zu testen. So viel lässt sich sagen: Für die Stadt Luzern stellen wir keine extremen Ausprägungen fest.

Die Reisenden selbst nehmen ­gemäss Tripadvisor Luzern nicht als überfüllt wahr. Haben sie eine andere Wahrnehmung als die Einheimischen oder wird in Luzern auf tiefem Niveau über hohe Tourismuszahlen lamentiert?

Die Wahrnehmung ist eine andere, ob Sie als Reisender eine Stadt besuchen oder ob Sie dort wohnen. Die Touristen sind nur für kurze Zeit in der Stadt und viele erwarten sogar, dass etwas Betrieb herrscht. Die Einwohner hingegen nehmen fast täglich die Touristenströme wahr, einige fühlen sich dadurch gestört.

Der grosse Touristenstrom beschränkt sich in Luzern weitgehend auf die eigentlich kurze Strecke zwischen der Kapellbrücke und dem Löwenplatz. Handelt es sich nicht um einen Vorteil im Vergleich etwa zu Venedig, wo die ganze Stadt eine einzige Attraktion bildet?

Selbst in Venedig ergiesst sich der Touristenstrom nicht über die ganze Stadt. Doch es stimmt schon: Es bietet Vorteile, wenn nicht die ganze Stadt betroffen ist. Aber eben auch die Gefahr, dass die Konzentration negativ wahrgenommen wird. Es gibt Destinationen wie Amsterdam, wo sich die Stadtregierung bemüht, mit attraktiveren Aussenvierteln Touristen auch dorthin zu locken. Aber diese Strategie kann heikel sein. Denn es ist fraglich, ob zur Entlastung der Zentren eine Verteilung der Touristenströme in Wohnquartiere erwünscht ist, die vorher nicht betroffen waren.

Der Carverkehr massiert sich in Luzern am Schwanen- und Löwenplatz, an Lösungsvorschlägen fehlt es nicht. Doch politisch sind sie umstritten. Wie lösen andere ­Ferienziele das Verkehrsproblem?

In Venedig kommen die meisten Gäste nicht in einem Bus, sondern mit dem Kreuzfahrtschiff. Um Platz zu schaffen, verlegen die Italiener nun das Schiffsterminal. Salzburg stellt Carparkplätze ausserhalb der Stadt bereit. Doch den Verkehr sollte man nicht isoliert betrachten. Im Idealfall erfolgt seine Steuerung über die Stadt- und die Angebotsentwicklung sowie über Vermarktung. Die Touristenbusse machen zudem einen geringen Anteil am Gesamtverkehr aus.

Venedig wird im Jahr von mehr als 25 Millionen Reisenden und Tagesausflüglern aus dem In- und Ausland besucht, Luzern von etwa 8 Millionen. Die Italiener verlangen Eintrittspreise, die in der Hochsaison im Sommer bei 10 Euro, in der Nebensaison bei 2.50 Euro liegen. Lassen sich mit solchen Lenkungsabgaben die Besucher tatsächlich übers Jahr verteilen?

Es wird spannend sein zu beobachten, welche Auswirkungen das Modell mit sich bringt. Die verschiedenen Gästesegmente reagieren unterschiedlich auf preisliche Anreize: Die Veranstalter von Gruppenreisen achten stark darauf, sie stehen unter Konkurrenzdruck. Individualgäste lassen sich davon weniger beeindrucken. Wenn das Modell von Venedig nicht die gewünschte Lenkungswirkung entfaltet, so lassen sich mit den Einnahmen immerhin die Kassen für zweckgebundene Investitionen füllen. Auf den Balearen etwa kommt die Umwelttaxe auf den Übernachtungspreisen Schutzgebieten, Wanderwegen oder Tourismusausbildungskosten zugute.

Können Sie sich Lenkungsmass­nahmen für Luzern vorstellen?

Natürlich gibt es bekannte generelle Massnahmen wie eine bessere zeitliche oder räumliche Verteilung der Touristenströme. Bevor gelenkt wird, müssen die Planer allerdings Genaueres über das Gästeverhalten und die Akzeptanz in der Bevölkerung wissen. Und es braucht die Diskussion, welche touristische Entwicklung überhaupt erwünscht ist.

Für eine räumliche Verteilung der Touristenströme sorgen auch die Bergbahnen und Schiffsunter­nehmen. Wäre es nicht sinnvoller, allfällige Abgaben dort zu erheben, anstatt Eintrittspreise für die Stadt zu verlangen?

Generelle Abgaben erfüllen ihren Zweck kaum. Zudem gibt es da natürlich unterschiedliche Interessen. Auch ordnungspolitisch wäre es heikel, den Bahnen und Schifffahrtsgesellschaften bei der Preisgestaltung reinzureden. Die Bahnen etwa arbeiten mit grossen Reiseveranstaltern zusammen, die sehr knapp kalkulieren. Aufträge von ihnen zu verlieren, dürfte die Bahnen in Schwierigkeiten bringen.

Der Gruppentourismus gilt als Sinnbild für «Übertourismus». Nur: Er spielt sich in den Hotels ab und treibt nicht wie in Barcelona über Airbnb oder andere Umnutzungen die Mieten in die Höhe.

Die chinesischen Gruppen übernachten oft nicht in Luzern und geben wenig für Hotels aus. Allerdings ist der asiatische Gruppentourismus zahlenmässig nicht so dominant, wie er wahrgenommen wird, und immer mehr Asiaten reisen individuell. Man muss die Vor- und Nachteile der Gästesegmente analysieren. Denn ein Tourismusort hat verschiedene Bedürfnisse zu erfüllen.

Die Haltung von Bevölkerung und Tourismusanbietern ist oft widersprüchlich: Die Schweizer zählen zu den reisefreudigsten Völkern der Welt und tragen auf Mallorca oder in Südfrankreich selber ihren Teil zu den Touristenmassen bei.

Gewisse Widersprüchlichkeiten sind üblich, sie werden auch beim Klimaschutz deutlich. Ich denke, bei den kritischen Stimmen hier geht es nicht um eine generelle Ablehnung des Tourismus. Die Branche hat in der Region eine lange Tradition, und die Leute sind auch stolz auf die schönen Bel-Epoque-Hotels am See, die Schiffe und die Bergbahnen.

In Engelberg nehmen die Titlis­bahnen Overtourism als einen von 60 Risiken wahr. Gleichzeitig haben sie vor, für 100 Millionen Franken den Titlisgipfel neu zu gestalten. Sie versprechen sich davon eine weltweite Ausstrahlung.

Es ist grundsätzlich ein gutes Zeichen, wenn Overtourism als mögliches Risiko erkannt wird. Hoffentlich findet es bei der Planung auch Berücksichtigung. Wichtig ist zudem, dass sich die verschiedenen Interessensgruppen sowie die Bevölkerung einbringen können.

Zur Person
Fabian Weber (43) ist Dozent am Institut für Tourismuswirtschaft Luzern und Mitautor der Studie «Measuring Overtourism».

World Tourismus Forum in Luzern

Am Donnerstag beginnt das dreitägige World Tourism Forum Lucerne. 550 Personen aus der Tourismusbranche aus 80 Ländern nehmen daran teil. Im KKL und einigen Luzerner Hotels gehen Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops über die Bühne. «Übertourismus» wird eines der Themen am Welttourismus-Forum sein. Es bietet Tourismusmanagern, Politikern, jungen Talenten und Neuunternehmern eine internationale Plattform und die Gelegenheit für Ideenaustausch.

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