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Wie sinnvoll ist PET-Recycling wirklich? Jetzt kontert die Branche die Kritik

Nach scharfer Kritik an wiederverwerteten Plastikflaschen kontert nun die Branche. Der Sodastream-Chef liege mit seiner Kritik aber nicht völlig falsch.
Benjamin Weinmann
Blick in eine PET-Recycling-Stelle in Zürich. (Bild: Christian Beutler/Keystone (9. Juni 2017))

Blick in eine PET-Recycling-Stelle in Zürich. (Bild: Christian Beutler/Keystone (9. Juni 2017))

Schweizer gelten als Weltmeister im Sammeln und Recyceln von PET-Flaschen. Doch wie ökologisch ist das Recycling von Einweg-Plastikflaschen? Daniel Birnbaum, Chef der Wassersprudler-Firma Sodastream, äusserte im Interview mit unserer Zeitung scharfe Kritik: «Das Recycling ist in vielen Ländern einfach nur ein Sammeln. Ein Grossteil der Flaschen wird in Drittweltländer verfrachtet. Dort werden sie entweder verbrannt oder in andere Plastikprodukte umgewandelt.»

Jede Flasche, die man kaufe, sei neu, so der Chef des Weltmarktführers von Sprudelmaschinen. Kunden sollten sich deshalb nicht einreden, dass sie eine neue Flasche verhindern, wenn sie eine PET-Flasche in ­einen Recycling-Container werfen. PET steht für den Kunststoff Polyethylen-Terephthalat, chemisches Produkt, das aus Erdöl hergestellt wird.

Laut Birnbaum, der die israelische Sodastream 2018 an den Pepsi-Konzern verkauft hat, wird der Plastik verbrannt und gerät in Form von Nanoplastik in die Atmosphäre, oder er endet in den Ozeanen. «Ich war in Honduras und habe gesehen, wie dort der Plastikmüll entsorgt wird: In einem riesigen Käfig gleich neben dem Meer. Jedes Mal, wenn ein Sturm durchs Land fegt, landet der Müll im Wasser.»

Weniger entwickelte Länder sind noch nicht so weit

Birnbaums Kritik sorgt bei der hiesigen Mineralwasserbranche für Aufregung. Der Non-Profit-Verein PET-Recycling Schweiz kontert auf Anfrage die Kritik des Firmenchefs: «Im Vergleich zu vielen anderen Ländern sind wir in der Schweiz in der glücklichen Situation, dass wir einen funktionierenden PET-Kreislauf haben», sagt eine Sprecherin. «Das heisst, dass wir aus alten PET-Getränkeflaschen wieder neue PET-Geträn­keflaschen machen.» Die Sortierung und die Verwertung finden vollständig in der Schweiz statt. «Weder verbrennen wir PET-Getränkeflaschen noch exportieren wir sie.»

Allerdings bestehen heute Schweizer Flaschen erst zu 40 Prozent aus Recycling-PET. Der Rest ist neues Plastik. Zwar landen über 90 Prozent aller PET-Flaschen in Sammelstellen. Wegen unterschiedlicher Farben und Verunreinigungen kann aus technologischen Gründen heute noch nicht die ganze Menge zu neuen Flaschen recycelt werden.

Immerhin: Dank einer im April neu eröffneten Verwertungsanlage in Bilten GL – laut dem Verein ist es die modernste Europas – soll in den kommenden Jahren der Durchschnittswert von Recycling-PET auf 50 Prozent erhöht werden. Laut der Vereinssprecherin ist Schweizer PET derzeit so beliebt wie noch nie. «Die verfügbaren Mengen für 2019 waren bereits im Februar ausverkauft.»

Viele Konzerne füllen einen Grossteil ihrer Ice-Teas und Mineralwasser aber noch immer in Flaschen aus komplett neuem PET ab. Flaschen, die komplett aus wiederverwertetem Material hergestellt sind, gibt es heute nur vereinzelt. Bei der Migros bestehen zum Beispiel die Sirup-Flaschen neuerdings aus 100-Prozent-Recycling-PET. Beim Mineralwasser soll dies bis 2025 der Fall sein. Der Discounter Lidl will hierzulande die Recycling-Fähigkeit aller Kunststoffverpackungen auf 100 Prozent steigern. Bei einer Mineralwasser-Eigenmarke wurde dies bereits erreicht.

Heute funktioniert das PET-Recycling-System hierzulande nach folgendem Muster: Nach dem Sammeln werden die Flaschen an drei Standorten in der Schweiz sortiert: in Frauenfeld TG, Grandson VD, und in Neuenhof AG. Danach wird das sortierte Material in Verwertungsanlagen recycelt, ebenfalls in Frauenfeld TG sowie in Bilten GL. Das aufbereitete Material wird folglich an Flaschenhersteller und Getränkefirmen verkauft, wie zum Beispiel die Migros-Industrietöchter Bischofszell und Aproz oder Goba in Gontenbad AI. Das Recycling-PET, das nicht zu Flaschen verarbeitet werden kann, wird anderweitig stofflich verwertet, zum Beispiel zu Folien oder Textilfasern.

Der Verein PET-Recycling räumt ein, dass der Sodastream-Chef mit seiner Kritik nicht völlig falsch liegt. «Leider ist es tatsächlich so, dass die Sammlung und Verwertung von PET-Getränkeflaschen und Plastikprodukten in vielen Ländern – vor allem in weniger entwickelten Ländern – nicht funktioniert.»

Kritik von Greenpeace

Greenpeace Schweiz sieht die Situation allerdings auch hierzulande kritisch. Zwar sei das Schweizer Bewusstsein für die Abfalltrennung gross. In Bezug auf die Abfallvermeidung sehe es hingegen anders aus. So würden Schweizer Haushalte mit 720 Kilogramm pro Person und Jahr hinter den USA und Dänemark weltweit am drittmeisten Abfälle produzieren. Die Bemühungen, den Anteil an Rezyklat in Plastikflaschen zu erhöhen, seien gut.

«Aber 60 Prozent der Flaschen bestehen noch immer aus Neuplastik und es kann keinesfalls von einem geschlossenen Kreislauf gesprochen werden», sagt ein Greenpeace-Sprecher. Es brauche eine neue Denkweise. Und Konsumgüterkonzerne seien gefordert, auf alternative Mehrweg-Liefersysteme zu setzen. Mit Blick auf das Ziel «Zero Waste» (null Abfall) laute die Reihenfolge: vermeiden, reduzieren, wiederverwenden, recyceln, kompostieren.

Swiss testet Einsatz von PET-Plastikbechern

In der Klimadebatte sind die Augen auf die kerosinfressende Aviatikbranche gerichtet. Umso mehr sind die Airlines bemüht, sich möglichst nachhaltig zu geben. Air France kündigte vergangene Woche an, Einweg-Plastikartikel durch nachhaltigere Alternativen zu ersetzen. Betroffen sind 100 Millionen Plastikbecher, 85 Millionen Plastik-Messer, -Gabeln und -Löffeln, sowie 25 Millionen Rührstäbchen. Zuvor hatte Alaska Airlines bekannt gegeben, Bambus- oder Birkenholz-Rührstäbchen zu verwenden, und die portugiesische «Hi Fly»-Airline will bis Ende Jahr sogar ganz auf Einweg-Kunststoffprodukte an Bord verzichten.

Auch die Swiss macht vorwärts. Die Airline prüft derzeit den Einsatz von Plastikbechern, die aus Recycling-PET hergestellt sind und wiederverwertet werden sollen. Auf einigen Swiss-Flügen kamen sie bereits zum Einsatz, nun werden die Tests laut einem Sprecher ausgewertet. Heute sind Becher aus Polystyrol im Einsatz, die nach der Benutzung wegen des Seuchenschutzgesetzes verbrannt werden müssen. Rührstäbchen aus Plastik will die Swiss im Zuge ihrer Nachhaltigkeitsstrategie ebenfalls durch anderes Material ersetzen.

Seit 2017 beteiligt sich die Swiss ausserdem am Konzern-internen «Flygreener»-Projekt, einer Initiative des Kabinenpersonals. Bei der Swiss besteht das Team aus neun Flight Attendants, die eine Schulung zum Thema erhalten haben. Seither wurden Langstreckenflüge auf den Abfall und übrig gebliebene Getränke untersucht, um Abfall zu vermindern, Recycling an Bord zu fördern und Gewicht zu reduzieren. Als Folge werden seit April Nespresso-Kapseln konsequent recycelt. Zudem wisse man nun, dass nur 80 Prozent der Gäste auf Europaflügen die Gipfeli und Sandwiches essen. «Deshalb werden nun weniger Frischprodukte als vorher geladen, sodass die Food-Waste-Menge reduziert werden kann», so der Swiss-Sprecher.

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