«Wie konnten Sie nur?»

Vom gefeierten Wertpapierhändler bei UBS stürzte Kweku Adoboli zum Milliardenbetrüger und Sträfling ab. Eindrücke von der Annäherung an einen früheren Star einer Branche, deren Fehltritte die Gesellschaft prägen.

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Kweku Adoboli, im September 2011 verhaftet und dem Gericht in London erstmals vorgeführt. (Bild: ap/Sang Tan)

Kweku Adoboli, im September 2011 verhaftet und dem Gericht in London erstmals vorgeführt. (Bild: ap/Sang Tan)

Fast drei Stunden dauert die Zugfahrt von London nach Weymouth an der englischen Südküste. Das Taxi fährt mich von Weymouth nach Portland und hinauf auf den Kalksteinfelsen, der den Ort überragt. Vor uns taucht am Ende der Serpentine ein Tunnel auf – die Zufahrt zu einer in den Felsen gesprengten Zitadelle. Nach einer Stunde Warten und zwei Stunden Besuchszeit wird mich das Taxi wieder abholen.

Die Zitadelle The Verne dient als Gefängnis Ihrer Majestät, Kategorie C. Hier leben über 500 Männer in Einzelzellen. Sie wurden als nicht gewalttätig eingestuft, haben untertags im Gelände Bewegungsfreiheit. Stifte, Notizbuch, Handy – alles muss ich abgeben. Es folgen Metallschleusen und Abtasten wie am Flughafen. In einem Saal warten Sitzgruppen für je vier Personen auf die Besucher. Nach fünf Minuten kommen die Strafgefangenen.

Eine Demütigung der UBS

Hier lebt seit einigen Monaten jener junge Mann, der vor zwei Jahren mit seinen illegalen Handelsgeschäften in London die UBS an den Rand des Ruins trieb. 2,3 Milliarden Dollar Verlust gingen auf sein Konto. Kweku Adoboli (33) wurde vergangenen November zu sieben Jahren Haft verurteilt, wegen «Betrugs durch Missbrauch einer Vertrauensposition». Dass ihn die Geschworenen gleichzeitig vom Vorwurf der Bilanzfälschung freisprachen, obwohl der einstige Investmentbanker seine jahrelange Schattenbuchhaltung freimütig zugegeben hatte, halte ich für eine Demütigung der UBS.

«Gefangener der Kapitalmärkte»

Der verurteilte Betrüger äussert sich bis heute überzeugt, nicht kriminell gehandelt zu haben. Im Gefängnis fühle er sich regelrecht befreit: «Wenn all dies nicht passiert wäre, würde ich vermutlich immer noch 18-Stunden-Tage als der Gefangene der globalen Kapitalmärkte arbeiten, der ich geworden war.» Im Gefängnis sei er weniger einsam als einst bei der UBS.

Wirkt Adoboli glaubwürdig? Irgendwie schon. Aber Charme und Glaubwürdigkeit strahlen viele Betrüger aus. Mich hat an Adoboli von Anfang an vor allem interessiert, was dieser Fall über seine Branche und unsere Gesellschaft aussagt. Der Strafprozess vermittelte tiefe Einblicke in die Welt einer Investmentbank. Dass es sich just um die UBS handelte, war Zufall – wenig deutet darauf hin, dass es bei deutschen oder US-Banken anders zugeht.

Entwurzelt und vom Geld geblendet

Das Verfahren war fast zu Ende, als ich eines Nachmittags dem Beschuldigten die Frage stellte, die mich seit Wochen beschäftigt hatte: «How could you?» – Wie konnten Sie nur? Das zielte nicht auf den Milliardenverlust, sondern auf die Frage: Warum hatte dieser vielfach begabte Mann sein Glück just in der Finanzwelt gesucht? Warum war er auch im Prozess noch immer nicht fähig, sich dem fast sektenhaften Jargon der City-Zocker zu entziehen?

Im Ballsaal des globalen Kasinokapitalismus, mitten in der City of London, am wichtigsten Finanzplatz der Welt, konnte ein entwurzelter, vom Glamour des grossen Geldes geblendeter junger Mann jahrelang eine Schattenbuchhaltung führen in einem Unternehmen, das ihm Ersatzfamilie geworden war. Am Ende, nach jahrelangen Falschbuchungen, hohen Gewinnen und noch viel gigantischeren Verlusten, wusste Adoboli nicht mehr, was richtig und was falsch war. Vieles spricht dafür, dass dies für seine Bank sowie das riskante Ende des Investmentbankings insgesamt gilt.

«Keiner in Häftlingskleidung»

«Wie konnten sie nur?» – Das fragt die ungläubige Öffentlichkeit seit der Finanzkrise 2008. Nicht wenige wünschen sich, die Konzernverantwortlichen kämen vor Gericht. Genau dies, die Einführung des neuen Straftatbestandes «rücksichtsloses Fehlverhalten» für waghalsige Bankchefs, fordert die britische parlamentarische Bankenkommission. Der Öffentlichkeit sei nicht vermittelbar, sagt der Kommissionsleiter und konservative Abgeordnete Andrew Tyrie, «warum keiner dieser Leute in Häftlingskleidung steckt».

Adoboli trägt Zivilkleidung. Er muss noch mindestens zwei Jahre absitzen, dann droht ihm die Abschiebung in seine Heimat Ghana. Vorerst betreibt er seine Resozialisierung, unterrichtet Mithäftlinge in Lesen und Schreiben, singt im Kirchenchor und träumt von der Zukunft mit seiner Freundin. Auf dem Heimweg gehen mir viele Fragen durch den Kopf, vor allem: Wem dient diese Inhaftierung? Ich weiss keine Antwort. Sebastian Borger, London

Sebastian Borger Britannien-Korrespondent, Autor, früher Kriminalreporter und beim «Spiegel» (Bild: Quelle)

Sebastian Borger Britannien-Korrespondent, Autor, früher Kriminalreporter und beim «Spiegel» (Bild: Quelle)

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